Medizin & Wissenschaft

Nationale Demenzstrategie: 40% aller Demenzfälle könnte man verhindern

Lesezeit: 4 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Die Nationale Demenzstrategie ist ein Meilenstein, sie wird deutlich zur Verbesserung der Versorgung von Demenzpatienten in Deutschland beitragen.

Laut dem aktuellen Bericht der „Lancet Commission“ könnte mehr als ein Drittel aller Demenzfälle verhindert werden. Dieses Potenzial auszunutzen, ist angesichts des rasanten Anstiegs von Demenzerkrankungen durch den demografischen Wandel von besonderer Bedeutung. Die DGN setzt sich dafür ein, dass neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Demenzprävention die Bevölkerung erreichen. Neu ist zum Beispiel der Risikofaktor „Schädeltrauma“ – Helme beim Sport oder im Straßenverkehr schützen nicht nur vor akuten Unfallfolgen, sondern auch langfristig vor einer Demenz. Am Mittwoch wurde eine Nationale Demenzstrategie verabschiedet, an der die DGN aktiv mitgewirkt hat.

Report of the Lancet Commission 2020

Weltweit leiden 50 Millionen Menschen an Demenz, davon allein in Deutschland 1,6 Millionen; bis ins Jahr 2050 werden es Schätzungen zufolge bis 2,8 Millionen sein. Obwohl oder gerade weil Demenz (noch) nicht heilbar ist, sind Prävention und Früherkennung ausgesprochen wichtig, denn Entstehung und Verlauf sind in großem Umfang beeinflussbar.

Das zeigt der aktuelle „Report of the Lancet Commission 2020“: 40% aller Demenzfälle könnte verhindert oder zumindest deutlich hinausgezögert werden, wenn alle Risikofaktoren vermieden bzw. minimiert werden. Die Experten ergänzten die bisher bekannten neun modifizierbaren Risikofaktoren um drei neue: Schädel-Hirn-Trauma, Luftverschmutzung und exzessiver Alkoholkonsum (> 21 Alkoholeinheiten pro Woche).

Bereits 2017 wurden folgende Faktoren identifiziert (Reihenfolge nach abnehmender Einflussstärke): Schwerhörigkeit, niedriger Bildungsstand, Rauchen, Mangel an sozialen Kontakten, Depression, Hypertonie, Übergewicht, körperliche Inaktivität und Diabetes mellitus. In der Summe gehen bis zu 40% der Demenzerkrankungen zu Lasten der genannten Faktoren.

Für Demenz-Prävention ist es nie zu spät

Wie die Autoren ausführen, ist es im Leben nie zu spät, mit einer Demenz-Prävention zu beginnen. Bedeutsam für den Alltag ist der neu identifizierte Risikofaktor Kopfverletzungen (z.B. im Straßenverkehr und im Sport). „Das zeigt, dass Fahrradhelme oder Helme bei bestimmten Risikosportarten einen Schutz vor späteren Demenzerkrankungen darstellen“, kommentiert Professor Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN. „Auch der schädigende Einfluss von Alkohol und Luftverschmutzung sollte breit kommuniziert werden.“

Der Lancet-Report geht nicht nur ausführlich auf diese Faktoren und deren Modifizierbarkeit ein, sondern gibt auch Empfehlungen zur Versorgung von Demenzkranken. Angestrebt wird eine ganzheitliche Versorgung, die physische, psychische und mentale Aspekte sowie altersbedingte Begleiterkrankungen einbezieht. Soziale Kontakte, die Versorgung und der Schutz von Demenzpatienten müssen sichergestellt werden, auch um unnötige Hospitalisierungen zu vermeiden. Nicht zuletzt ist die Situation pflegender Angehöriger im Auge zu behalten (z. B. Überforderung, Angst, Depression), denn „Care for family carers” hat anhaltende Auswirkungen auf deren Lebensqualität und Morbidität. Für den künftigen Umgang mit der Demenzthematik werden öffentliche und auf Risikogruppen ausgerichtete Gesundheitsprogramme sowie individuelle Interventionen gefordert.

Demenz als gesamtgesellschaftliches Problem

Statistisch gibt es schon heute bereits eine demenzkranke Person in jedem 25. deutschen Haushalt – und angesichts der demografischen Entwicklung wird diese Zahl weiter steigen. Dass Demenz nicht nur ein gesundheitliches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem ist, illustriert eine Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) unter dem Co-Vorsitz der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, die gemeinsam eine Nationale Demenzstrategie erarbeitet haben. Beteiligt waren die einzelnen Länder, das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), die Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, die Pflegeverbände – insgesamt über 70 Organisationen des Gesundheitswesens, der Zivilgesellschaft und Wissenschaft, u.a. die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Darin wurden vier inhaltliche Schwerpunkte definiert.

Erstens sollen verbesserte Rahmenbedingungen für die möglichst lange soziale Teilhabe geschaffen werden (Handlungsfeld 1: „Strukturen zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Demenz an ihrem Lebensort“). In den Kommunen muss dafür die soziale Infrastruktur bzw. das Umfeld vor Ort demenzfreundlicher gestaltet werden. Viele wichtige Akteure konnten schon gewonnen werden, beispielsweise die Deutsche Bahn und andere Verkehrsbetriebe, der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), Supermarktketten, der Deutsche Kulturrat, die Kirchen und andere.

Zweitens sollten Familienmitglieder bzw. pflegende Angehörige mehr Unterstützung, Beratung und adäquate Angebote für regelmäßige Auszeiten zur Erholung im Alltag erhalten (Handlungsfeld 2: „Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen unterstützen“).

Drittens soll die medizinische und pflegerische Versorgung ausgebaut werden (Handlungsfeld 3: „Die medizinische und pflegerische Versorgung von Menschen mit Demenz weiterentwickeln“). Das vierte Ziel dient der Förderung exzellenter Forschung zur Demenz.

Mit der Unterzeichnung der Nationalen Demenzstrategie haben sich die Beteiligten zur Umsetzung von insgesamt 27 Zielen bis 2026 verpflichtet.

„Die Nationale Demenzstrategie ist somit ein Meilenstein. Sie wird deutlich zur Verbesserung der Versorgung von Demenzpatienten in Deutschland beitragen. Gemeinsam mit den unter dem Dach der Nationalen Demenzstrategie agierenden Gruppen (z.B. mit der DGN) werden neue Wege beschritten werden“, so Prof. Richard Dodel, Essen, Demenzexperte der DGN. „Darüber hinaus stellen modifizierbare Risikofaktoren eine große Chance dar: Mehr als ein Drittel aller Demenzerkrankungen könnte verhindert werden!“


Literatur:

Livingston G, Huntley J, Sommerlad A, Ames D, Ballard C, Banerjee S, Brayne C, Burns A, Cohen-Mansfield J, Cooper C, Costafreda SG, Dias A, Fox N, Gitlin LN, Howard R, Kales HC, Kivimäki M, Larson EB, Ogunniyi A, Orgeta V, Ritchie K, Rockwood K, Sampson EL, Samus Q, Schneider LS, Selbæk G, Teri L, Mukadam N. Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. Lancet. 2020 Aug 8;396(10248):413-446. doi: 10.1016/S0140-6736(20)30367-6. Epub 2020 Jul 30. PMID: 32738937; PMCID: PMC7392084.
https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)30367-6/fulltext

Website: https://www.nationale-demenzstrategie.de/


Quelle:

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)


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