Medizin & Wissenschaft

Kinder orientieren sich an der Mehrheit, vor allem die Kleinsten brauchen Vorbilder

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Eine wichtige Strategie beim Lernen ist, dass sich Kinder an der Mehrheit orientieren, gerade die Kleinsten brauchen besonders gute Vorbilder.

Kinder stehen im Grunde genommen vor der enormen Aufgabe, sich in die spezifischen sozialen und ökologischen Gegebenheiten vor Ort einzufügen. Sie lernen, indem sie ihre Umwelt beobachten. Eine von mehreren parallelen Strategien zum Lernen ist es, sich an der Mehrheit zu orientieren, gerade Kinder und hier die Kleinsten brauchen dementsprechend die gleichaltrigen Mehrheiten als Vorbilder. Dazu haben Wissenschaftler der Universität Leipzig unlängst untersucht, inwieweit sich Kinder verschiedener Kulturen im Laufe ihrer Entwicklung ihre Welt durch diese Art des Lernens, also durch das Abschauen bei der Mehrheit als Vorbilder, erschließen.

Die Stärke, dass sich Kinder an der Mehrheit orientieren, variiert ebenfalls interkulturell

Ein Forscherteam um Prof. Dr. Daniel Haun vom Leipziger Forschungszentrum für frühkindliche Entwicklung hat zwei Hauptaspekte der sozialen Informationsnutzung gemessen. Und zwar erstens die allgemeine Abhängigkeit von sozialen Informationen und zweitens die Mehrheitspräferenz. Inwiefern soziales Lernen bei Kindern über kulturelle Kontexte hinweg stabil oder aber kontextabhängig ist, untersuchten die Forscher bei Kindern aus sieben verschiedenen Kulturen.

Die Forscher haben dazu die Entwicklung sozialer Informationsnutzung bei insgesamt 605 Kindern im Alter von 4 bis 14 Jahren erhoben. Dabei erhielten Kinder aus Brasilien, Deutschland, Indonesien, Kenia, Namibia, Sambia sowie der Zentralafrikanischen Republik eine standardisierte Lernaufgabe. Die Studie zeigt: Das Ausmaß, in dem sich Kinder auf soziale Informationen verlassen, hängt von ihrem kulturellen Hintergrund ab.

Die Stärke der Orientierung an der Mehrheit variiert ebenfalls interkulturell. Die Forschungsergebnisse zeigen neben der Vielfalt im Bereich des menschlichen sozialen Lernens, aber auch kulturelle Kontinuität. Sie deuten außerdem darauf hin, dass es eine der Grundfesten menschlichen sozialen Lernens ist, sich an der Mehrheit zu orientieren.

In manchen Gesellschaften verlassen sich unter dem Strich Kinder mit dem Alter immer stärker auf soziale Vorbilder. Das heißt, dass sie die Mehrheit gleichaltrige Kinder als Vorbilder nehmen. Wobei dieser Einfluss mit dem Alter abnimmt. Der Einfluss der Mehrheit unterscheidet sich zwar laut Prof. Haun von Ort zu Ort. Aber der Entwicklungsverlauf der Mehrheitsorientierung scheint auf der ganzen Welt gleich zu sein. „Während sich Kinder in jungen Jahren von 4 bis 6 und die älteren Kinder in unserer Stichprobe von 10 bis 14 relativ stark an der Mehrheit orientieren, berücksichtigen Kinder im Alter von 7 bis 9 die Mehrheit wesentlich seltener als jüngere und ältere Kinder ihrer Gemeinschaft. Warum das so ist, ist noch nicht klar“, erklärte Haun.

Große Unterschiede

Zum Beispiel verlassen sich deutsche Kinder zwischen 4 und 14 Jahren mit zunehmendem Alter immer weniger auf das soziale Lernen, auf gleichaltrige Mehrheiten als Vorbilder. „Dies trifft nicht auf Kinder aus allen Gesellschaften zu“, erläutert Haun. „Dennoch zeigen auch die deutschen Kinder den scheinbar universalen Entwicklungsverlauf, dass sich die jüngsten und ältesten Kinder am stärksten nach der Mehrheit orientieren.“

Außerhalb dieses geteilten Entwicklungsverlaufes verhalten sich Kinder in den verschiedenen Gesellschaften ausgesprochen unterschiedlich. „Wenn man die Kinder einer Altersgruppe in den verschiedenen Gesellschaften ansieht, zeigen sich in der Regel große Unterschiede in der Nutzung der sozialen Information und in der Mehrheitsorientierung.“

Der Vergleich von Kulturen ermöglichte es den Wissenschaftlern einerseits, verschiedene Entwicklungsprozesse zu verstehen. Und zwar wie sich im Kindesalter in verschiedenen sozialen und ökologischen Umgebungen entfalten. Andererseits, können sie so auch Entwicklungsprozesse identifizieren, die unter verschiedensten Umständen ähnlich ablaufen, und somit vielleicht ein Teil des stabilen Fundamentes kindlicher Entwicklung sind.

Besonders die sehr kleinen Kinder brauchen gute Vorbilder, bei Lehren und Lernen sind zudem kulturelle Hintergründe berücksichtigen

Gerade junge deutsche Kinder der Stichprobe sind im Alter von 4 bis 6 in einer Entwicklungsphase, die von starkem sozialen und starkem Orientieren an der Mehrheit geprägt ist. „Das heißt, dass sich jetzt viele der Vorlieben und Eigenschaften des sozialen Umfeldes auf die Kinder übertragen“, erklärt Haun. „Wir sollten uns also der Verantwortung bewusst sein, ihnen gerade in dieser Entwicklungsphase ein Umfeld voller guter Vorbilder zu bieten.“ Aber genauso sei es wichtig, in einer zunehmend kulturell diversen Gesellschaft, Gleichberechtigung nicht mit Gleichheit zu verwechseln. „Kinder, die in unterschiedlichen sozialen Gefügen aufgewachsen sind, haben im Zweifelsfall sehr unterschiedliche Erwartungen und Strategien in sozialen Interaktionen und vor allem auch in Lehr- und Lernsituationen.“ Wichtig sei es, diese Variationen kindlicher Erwartungen in unseren frühkindlichen Bildungseinrichtungen zu berücksichtigen und zu lernen, reüssieren die Wissenschaftler.


Literatur:

van Leeuwen EJC, Cohen E, Collier-Baker E, Rapold CJ, Schäfer M, Schütte S, Haun DBM. The development of human social learning across seven societies. Nat Commun. 2018 May 25;9(1):2076. doi: 10.1038/s41467-018-04468-2. PMID: 29802252; PMCID: PMC5970179.


Quelle: Leipziger Forschungszentrum für frühkindliche Entwicklung (LFE)


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