Medizin & Wissenschaft

Wirkung der CGRP-Antikörper gegen Migräne am Prüfstand

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

CGRP-Antikörper verringerten in Studien die Attackenhäufigkeit bei jedem zweiten Patienten mit Migräne um 50%. Heilung bringen sie aber keine.

Migränepatienten leiden unter wiederkehrenden mittelstarken bis starken Kopfschmerzepisoden mit typischer Begleitsymptomatik (zum Beispiel Übelkeit, Licht-/Lärmempfindlichkeit). Solche Attacken können die Lebensqualität – vor allem bei häufigem Auftreten – erheblich einschränken. Nachdem viele Jahre keine neuen Substanzen zur Migränevorbeugung zugelassen wurden, stehen Patienten mit Migräne nun mehrere CGRP-Antikörper als effektive Hilfe gegen die Häufigkeit von Attacken zur Verfügung.

CGRP-Antikörper zur Vorbeugung der Migräne

Die CGRP-Antikörper Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab sind drei neue, wirksame sowie teure Therapieoptionen zur vorbeugenden Behandlung von Migräneattacken. Bereits in den 1980er-Jahren wurde CGRP (Calcitonin gene-related peptide) als wichtiger Botenstoff im Rahmen der Verarbeitung von Schmerzreizen im Kopf-Hals-Bereich und bei Migräne beschrieben. Nach 30 Jahren Forschung stehen nun Antikörper gegen dieses Neuropeptid beziehungsweise dessen Rezeptor zur Verfügung, die bei einmal monatlicher (oder sogar nur quartalsweiser) Injektion die Migräneattackenfrequenz deutlich reduzieren können. Erstmals stehen damit Substanzen zur Verfügung, die speziell für die Migräne entwickelt wurden und zielgerichtet in den Mechanismus der Attackenentstehung eingreifen.

50-Prozent weniger der Attacken

Die therapeutischen Möglichkeiten bei Migräne werden damit um eine sinnvolle und sehr wirksame Option erweitert. In Studien zeigte sich mit einer 50-Prozent-Reduktion der Attackenhäufigkeit bei jedem zweiten Patienten eine überzeugende Wirksamkeit der CGRP-(Rezeptor-)Antikörper. Doch auch mit diesen neuen Möglichkeiten kann die Migräne nicht geheilt werden, das Auftreten von Attacken häufig nicht vollständig unterdrückt werden. Insofern bleibt selbst mit den neuen CGRP-(Rezeptor-)Antikörpern noch Raum für zukünftige Verbesserungen beziehungsweise Forschung, die klärt, warum nur ein Teil der Patienten anspricht. Biomarker könnten uns eventuell in Zukunft helfen, bereits vor Therapie Patienten zu identifizieren, die besonders von einer Therapie profitieren.

Die Kurzzeitverträglichkeit der neuen CGRP-Antikörper erscheint exzellent zu sein. allerdings liegen zur Langzeitverträglichkeit nur begrenzte Erfahrungen vor. Da das durch die Antikörper blockierte Molekül CGRP nahezu überall im Körper vorkommt und insofern Effekte an Organen denkbar sind, die eigentlich mit Migräne nichts zu tun haben, werden zusätzliche Langzeiterfahrungen in Zukunft helfen, besser zu verstehen, welche Patientengruppen geeignet beziehungsweise welche weniger geeignet für eine entsprechende Antikörpertherapie bei Migräne sind.

Auch älterer Maßnahmen zur Vorbeugung behalten ihre Bedeutung

Bislang erfolgte die medikamentöse Vorbeugung vor Migräne in Tablettenform oder durch Botulinumtoxinapplikation. Auch diese Optionen behalten trotz der neuen Möglichkeiten ihre Bedeutung. Hier ist eine etwa ebenso gute Wirksamkeit wie bei den neuen monoklonalen Antikörpern gegeben, bei durchschnittlich etwas schlechterer Verträglichkeit.

Dafür liegen zu diesen älteren Substanzen sehr umfangreiche Erfahrungen zur Langzeitsicherheit vor, was vor allem für Patienten mit relevanten Vorerkrankungen zum Beispiel im kardiovaskulären System eine wichtige Bedeutung besitzt.

Insofern können wir uns glücklich schätzen, nun im klinischen Alltag sowohl die neuen als auch die etablierten Optionen zur Verfügung zu haben. Zu bedenken ist bei den neuen Antikörpern auch der im Vergleich zu den älteren Medikamenten relativ hohe Preis.

Im Grunde genommen ist die Migräne jedenfalls eine häufige Erkrankung. Umso bedeutender ist hier ein gezielter Einsatz von vorbeugenden Maßnahmen und Medikamenten. CGRP-Antikörper konnten gerade auch bei jenen Patienten mit Migräne nutzen, die zum Beispiel nicht auf die etablierten Prophylaktika ansprechen. Oder bei denen Kontraindikationen und auch Nebenwirkungen auftreten.

Quelle:

Expertenstatement » Hoffnung oder Hype? Wie gut wirken CGRP-(Rezeptor-)Antikörper gegen Migräne? Dr. med. Charly Gaul, Pressesprecher der DMKG, Ärztlicher Direktor, Migräne- und Kopfschmerzklinik Königstein. Deutscher Schmerzkongress der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. und der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG). Oktober 2019, Mannheim


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