Medizin & Wissenschaft

Gesundheitsrisiko Pestizide: Komplexes Problemfeld

Lesezeit: 7 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

In Asien, Afrika und Südamerika kommt eine Vielzahl von Pestiziden zum Einsatz, die in der EU, den USA und zum Teil auch in diesen Ländern selbst verboten sind. Während akute Auswirkungen auf die Gesundheit vor allem durch Arbeitsplatzstudien untersucht worden sind, können chronische Auswirkungen kaum quantifiziert werden.


von Laura Scherber

Pestizide sind ein umweltmedizinischer Klassiker – ein Standardthema in der Medizin seit vielen Jahrzehnten“, weiß Assoz. Prof. Hans-Peter Hutter vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. In den meisten gesundheitsbezogenen Diskussionen geht es dabei um die Frage, inwiefern Pestizidrückstände ein Gesundheitsrisiko für den Konsumenten darstellen. „Was aber völlig in den Hintergrund gerät, ist alles, was mit dem Arbeitnehmer zu tun hat, den Pestizidanwendern“, wirft Hutter ein. Dies sei ein besonders großes Problem in den Ländern des globalen Südens in Asien, Afrika, Südamerika, wo Arbeitsschutzbestimmungen praktisch nicht existent seien und die Arbeiter den Pestiziden ohne Schutzkleidung ausgesetzt würden. Gleichzeitig käme dort eine Vielzahl von Pestiziden zum Einsatz, auch solche, die in der EU, den USA und zum Teil in den entsprechenden Ländern selbst bereits verboten seien. Der dritte große Bereich, der im Rahmen des Pestizideinsatzes von großer Bedeutung ist, ist der Einfluss auf die Biodiversität, da praktisch alle Umweltmedien (Boden, Wasser, Luft) betroffen sind. Auch hier kann der Konsument auf unterschiedliche Weise betroffen sein: etwa durch die Ansammlung von Rückständen in aquatischen Organismen, die wiederaufgenommen werden, oder durch die örtliche Nähe zu Feldern, auf denen regelmäßig Pestizide eingesetzt werden. Je nach Zugang erfolgt die Aufnahme oral, inhalativ oder dermal. Hutter zufolge gibt es eine enorm große Anzahl von chemischen Stoffen und Zubereitungen, die zur Anwendung kommen. „Wenn man sich die Pestizidanwendung anschaut, hat man viele andere Stoffe – nicht nur das aktive Pestizid – dabei, um die Substanz überhaupt applizieren zu können“, führt der Experte aus.

Für „Pflanzenschutzmittel“ gibt es – vergleichbar mit Arzneimittelkontrollen – ausführliche Prüfungen bezüglich der Wirksamkeit, der Toxikologie, des Rückstands- und des Umweltverhaltens. „In Österreich werden diese Rückstandshöchstgehalte auf Basis nationaler und europäischer Kontrollprogramme in Lebensmitteln und im Trinkwasser durch die AGES untersucht. Weiters gibt es auch ein Umweltmonitoring durch das Umweltbundesamt“, berichtet Johann Steinwider von der Abteilung Risikobewertung, Bereich Daten, Statistik und Risikobewertung der AGES. Da die Anwendung von Pestiziden zu Rückständen in Lebensmitteln führen kann, werden Rückstandshöchstgehalte EU-weit geregelt (VO (EG) 396/2005).

Im Rahmen des EU-Pestizidmonitorings mit mehr als 90.000 Proben hat sich dem Experten zufolge gezeigt, dass „die Rückstandssituation bei Produkten mit Herkunft Österreich wesentlich besser ist als die aus Drittstaaten“. Während die Grenzwertüberschreitungen 2018 bei den EU-Mitgliedsstaaten 3,1 Prozent und bei den Nicht-EU-Ländern 8,3 Prozent der Proben betrafen, lag der Wert in Österreich nur bei 0,8 Prozent. In 50 Prozent der Proben sind keine quantifizierbaren Rückstände nachweisbar; bei Bio-Lebensmitteln liegt dieser Wert sogar bei 84,8 Prozent (im Durchschnitt 1,4 Prozent mit Grenzwertüberschreitung). Bei den quantifizierbaren Rückständen in Bio-Lebensmitteln handelt es sich außerdem nicht um Stoffe aus der Pflanzenschutzmittel-Anwendung, sondern um Kupfer (natürlich vorkommend), Chlorat (Desinfektionsmittel) sowie persistente Schadstoffe in der Umwelt wie zum Beispiel Hexachlorbenzol (HCB) oder Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT). Gemäß dem österreichischen Lebensmittelsicherheitsbericht kann von den gefundenen Rückständen etwa ein halbes Prozent auf Basis von Pflanzenschutzmitteln als für den Verzehr ungeeignet bewertet werden (2018: 1.622 Proben; 2019: 1.863 Proben). Als gesundheitsschädlich wurde in den vergangenen zwei Jahren nur eine einzige Probe klassifiziert.

Bei dem häufig in diesem Zusammenhang diskutierten Obst und Gemüse wurden etwa zehn Prozent der Proben (rund 2.500 Proben jährlich) beanstandet: der Großteil wegen der Kennzeichnung oder irreführender Angaben; etwa 1,5 Prozent waren durch Verderb, mikrobielle Kontamination, Pestizide oder Konservierungsstoffe für den menschlichen Verzehr ungeeignet. Bei rund einem Viertel bis einem Drittel der Proben sind Mehrfachrückstände im Spurenbereich nachweisbar, was zur Verminderung der Resistenzbildung grundsätzlich so gewollt ist. „Bei Pflanzenschutzmitteln, die heute zugelassen sind, haben wir eigentlich keine Probleme bei Lebensmitteln, da die Standards so gut sind und wir sehr selten Überschreitungen beim Acceptable Daily Intake haben“, weiß Steinwider. Handlungsbedarf gebe es eher bei alten Wirkstoffen, die in der EU nicht mehr erlaubt seien, aber teilweise über den Umweg von Importen wieder hier Eingang finden.


Auswirkungen auf die Gesundheit


Akute Effekte der Pestizide und damit die absichtliche oder unfreiwillige Vergiftung aufgrund der kurzzeitigen Belastung gegenüber einer relativ hohen Konzentration kommen im Alltagsbereich beziehungsweise in der Allgemeinbevölkerung in der Regel nicht vor. Zur quasi unfreiwilligen Intoxikation kann es bei der Anwendung von Pestiziden und fehlender Schutzausrüstung kommen; zur absichtlich herbeigeführten Vergiftung im Rahmen eines Suizidversuchs, da dies laut Hutter besonders bei Landwirten aufgrund der Zugänglichkeit eine „doch nicht seltene“ Methode darstelle. Die Folgen von akuten Intoxikationen seien deutlich einfacher zu erheben; sie gehen mit irritativen Effekten etwa der oberen Atemwege und Augen bis hin zu gastrointestinalen Symptomen einher. „Das große Problem sind allerdings die chronischen Effekte, also die über Jahre andauernde Exposition im sogenannten Niedrigdosisbereich“, erklärt der Experte.

Bei der Analyse des Gesundheitsrisikos gelte es, eine Vielzahl von Parametern zu berücksichtigen wie Sensibilisierungen, Allergisierungen, Genotoxizität, Kanzerogenität oder Reproduktionstoxizität. „Hier handelt es sich um eine Reihe von Endpunkten bei jeder Substanz und Kombination, die für die Zulassung berücksichtigt werden müssen“, führt Hutter weiter aus. Die Erkenntnisse stammten bislang überwiegend aus Arbeitsplatzstudien, da epidemiologische Studien sehr aufwendig, kostenintensiv und auch mit gewissen Limitierungen verbunden seien. Jedoch gibt es epidemiologische Feldstudien hinsichtlich der Effekte des Pestizideinsatzes auf die Gesundheit bei Landarbeitern in Ecuador und der Dominikanischen Republik, berichtet Hutter.

Aus diversen Arbeitsplatzstudien geht Hutter zufolge hervor, dass im Wesentlichen die folgenden Erkrankungsgruppen von Bedeutung sind: Erkrankungen des Nervensystems (wie zum Beispiel M. Parkinson, amyotrophe Lateralsklerose), psychiatrische Störungen (wie zum Beispiel Ängste, Depressionen), Autismus-Spektrum-Störungen, die Entwicklung von Tumoren (vor allem Lymphome) sowie hormonelle Beeinträchtigungen (Fortpflanzungsfähigkeit). „Im Zentrum der Diskussion stehen häufig endokrine Disruptoren, die durch komplexe Wirkungsmechanismen das körpereigene Hormonsystem durcheinanderbringen können“, berichtet Hutter. Je nach Pestizid gebe es zumindest evidenzbasierte Hinweise auf Zusammenhänge zwischen der Exposition und etwa Beeinträchtigungen der Fortpflanzungsfähigkeit: zum Beispiel reduzierte Anzahl und verminderte Beweglichkeit der Spermien, Kryptorchismus, Fehlbildungen der Harnröhre, eine veränderte Geschlechterverteilung, vorzeitige Thelarche, Mammakarzinome oder das polyzystische Ovarialsyndrom. Aus einer groß angelegten US-amerikanischen Anrainerstudie gehe außerdem hervor, dass die Nähe zu Einsatzorten von Pestiziden mit einer häufigeren Entwicklung von Autismus-Spektrum-Störungen in Verbindung stehe.

„Worauf man aufmerksam machen kann und sollte, ist, dass man den Pestizideinsatz – nicht nur in der Lebensmittelproduktion, sondern auch im privaten Bereich – reduzieren kann“, betont Hutter. So würden in Privatgärten meist mehr Pestizide pro Fläche verwendet als in der Landwirtschaft. Auch den Einsatz von Pyrethroiden („Gelsenstecker“) sieht der Experte kritisch. Inwiefern die konventionelle Landwirtschaft zahlenmäßig mit einem höheren Gesundheitsrisiko für die Konsumenten einhergehe und welche Mengen zu welchen Folgen führten, lasse sich nicht so einfach bestimmen. „Der biologische Landbau hat, was die Residuen anbelangt, immer Vorteile, ohne dass man das verminderte Gesundheitsrisiko genau quantifizieren kann“, fasst Hutter zusammen. Und weiter: „Jedenfalls weist diese Bewirtschaftungsform deutliche Vorteile auf, wenn es um den Schutz der Biodiversität geht“. Gleichzeitig werde in Österreich grundsätzlich zu wenig Obst und Gemüse verzehrt. Diese Problematik thematisiert auch Steinwider, da sich der Großteil der Bevölkerung nicht entsprechend der österreichischen Ernährungspyramide ernährt. Schließlich seien die Hauptrisikofaktoren für Erkrankungen und vorzeitigen Tod Bluthochdruck, Ernährung, Rauchen, Alkohol- und Substanzmissbrauch und ein hoher Body-Mass-Index. „Durch die EU-weite Vereinheitlichung der Kriterien für den Pflanzenschutzmittelgebrauch und die ausführliche Schulung der Landwirte für den richtigen Einsatz soll ein sorgenfreier Verzehr dieser Lebensmittel ermöglicht werden“, resümiert Steinwider. Und weiter: „Der Acceptable-Daily-Intake-Wert wird anhand hoher Sicherheitsfaktoren aus toxikologischen Studien abgeleitet, sodass Mengen unterhalb dieses Wertes für den Menschen sicher sind.“

Glyphosat: ja oder nein?


„Pflanzenschutzmittel werden regelmäßig von der europäischen Lebensmittelbehörde überprüft und einer Re-Evaluierung unterzogen. Bei Glyphosat hat dies zur Aufrechterhaltung der Zulassung geführt. Glyphosat ist das am meisten eingesetzte Pflanzenschutzmittel, wird aber europaweit nur in weniger als zwei Prozent der Lebensmittel als Rückstand nachgewiesen und nur zwölf von über 9.000 Proben führten zu einer Grenzwertüberschreitung. Dementsprechend niedrig ist auch die Auslastung der Acceptable-Daily-Intake-Auslastung von nur 0,2 Prozent, also kein gesundheitliches Risiko beim Verzehr von Lebensmitteln.“ – Johann Steinwider


„Die Diskussion bei Pestiziden wie Glyphosat ist meist von beiden Seiten – den grundsätzlichen Ablehnern und den Befürwortern – nicht wirklich faktenbasiert. Da die Entwicklungskosten für neue Pestizide sehr hoch sind, ist der darauffolgende wirtschaftliche Druck groß und sie müssen sich erstmal amortisieren. In der EU muss Glyphosat in bestimmten Abständen geprüft werden, ob die Zulassung aufrechterhalten wird oder nicht. Glyphosat ist das weltweit am meisten verkaufte Herbizid und zwar nicht als Glyphosat, sondern als Round-up – darin ist nicht nur Glyphosat enthalten, sondern auch Zusatzstoffe. Die Bestimmung des Acceptable Daily Intake basiert aber nur auf dem aktiven Wirkstoff, also nur auf Glyphosat, und nicht auf der gesamten Mixtur – aber medizinisch entscheidend ist natürlich die tatsächlich eingesetzte Mischung.“ – Hans-Peter Hutter


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 21/2020
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