Medizin & Wissenschaft

Onkologie: Sport gegen Kognitionsdefizite?

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Bei Frauen, die an einem Mammakarzinom leiden, werden während der Chemotherapie immer wieder neurokognitive Einschränkungen beobachtet. Am Kepler Universitätsklinikum in Linz sollen im Zuge einer Studie die Auswirkungen von sportlicher Betätigung auf neurokognitive Effekte während der Therapie untersucht werden.

Sport hat beim Mamma-, Colon- und Prostatakarzinom einen Anti-Tumor-Effekt – und zwar nicht nur präventiv sondern auch unter bereits laufender Behandlung. „Regelmäßige körperliche Aktivität während der Therapie reduziert nicht nur Nebenwirkungen, sondern verbessert auch Krankheitsdauer, Rekonvaleszenz und letztlich das Überleben der Patienten“, erklärt Univ. Prof. Alexander Gaiger von der Klinischen Abteilung für Hämatologie und Hämostaseologie der Universitätsklinik für Innere Medizin I am AKH Wien. Gaiger weiter: „Patienten, die Sport machen, sind trotz Chemotherapie allgemein fitter, haben weniger mit kardiovaskulären Problemen, Erschöpfungszuständen oder Depressionen zu kämpfen.“ Außerdem würden die körperlich aktiven Krebspatienten seltener unter Infektionen oder Übelkeit leiden und benötigten weniger Antibiotika. Der Verlust  von  Muskelmasse  und  die  damit  einhergehende  Sturzneigung und   Frakturneigung  könnten  ebenso  durch  regelmäßiges  Training  verhindert      werden. „Durch die Veränderungen in Bezug auf Fettgewebe und Muskelmasse werden zusätzlich Stoffwechselveränderungen hervorgerufen. Im Optimalfall verbessert sich die Stoffwechsellage von katabol zu anabol“, fügt Gaiger hinzu.

Ausgehend von den positiven Effekten körperlicher Aktivität unter laufender Chemotherapie plant das Team um David Kiesl von der Abteilung Interne III/ Hämatologie und Onkologie am Kepler Universitätsklinikum in Linz in Zusammenarbeit  mit  der  Sporthochschule  Köln  nun  eine  groß angelegte kontrollierte    randomisierte Studie zur gezielten Sportintervention bei Frauen mit     einem Mammakarzinom. Der Fokus wird dabei speziell auf den Auswirkungen sportlicher  Betätigung  auf  neurokognitive  Nebenwirkungen  während der     Therapie, dem sogenannten „Chemobrain“ liegen. „Wir beobachten immer wieder, dass die  betroffenen  Frauen  während  der Chemotherapie  an neurokognitiven Einschränkungen leiden“, betont Kiesl.

Wie sehen nun die konkreten Rahmenbedingungen der für drei Jahre angelegten Studie aus? Alle Brustkrebs-Patientinnen der onkologischen Abteilung am Kepler Universitätsklinikum, die an der Studie teilnehmen, werden im Rahmen des therapeutischen Trainings-Interventionsprogramms ein Jahr lang während der Chemotherapie begleitet. „Wir beziehen ausschließlich lokalisierte, jedoch keine metastasierten Erkrankungen mit in die Studie ein und konzentrieren uns somit rein auf neoadjuvante oder adjuvante Chemotherapien“, so Kiesl. Man rechnet  mit  rund  40  Teilnehmerinnen  pro Jahr;  innerhalb  von drei Jahren könnten somit rund 120 Patientinnen in die Studie integriert werden. „Eine Gruppe von ihnen werden wir gezielt trainieren, die andere Gruppe im Rahmen der  klinischen  Routine  kontrollieren.“  In Kooperation mit der Abteilung für      Klinische und Gesundheitspsychologie des Kepler Universitätsklinikums wurde dafür ein spezielles Testprogramm entwickelt. Damit können speziell die Funk-tionen des Hippocampus überprüft und somit jegliche kognitive Einschränkung, die erwartet wird, leicht detektiert werden. Ebenso werden auch alle anderen neurobiologischen Marker kontinuierlich analysiert und überprüft. Sowohl zu Beginn als auch nach abgeschlossener Therapie wird eine Leistungsdiagnostik vorgenommen, die Aufschluss über Trainingsfortschritte geben soll. Während der  laufenden  Therapie  wiederum  wird  eine  Leistungsanpassung  vorge-      nommen – stets in Hinblick auf die Neurokognition als Hauptzielparameter.

Trainingsvariabilität und Flexibilität

Ob  es  eine  Sportart  gibt, die  sich  speziell für Patienten eignet, die an einer      onkologischen Erkrankung leiden, ist bis dato nicht bekannt: In einigen Unter-suchungen wird Ausdauersport als sinnvoll erachtet, in anderen wiederum Kraftsport- oder Intervalltraining. Die allgemeinen Empfehlungen heutzutage gehen jedoch in Richtung intensive Belastung. Kiesl dazu: „Aus sportmedizinischer  Sicht  befürworten  wir  ein  vielseitiges  Trainingsprogramm.  Davon     erhoffen  wir uns die besten Ergebnisse“.  Konkret  geht es  dabei  um  positive Auswirkungen auf die Neurokognition – speziell auf das Kurz- und Langzeitgedächtnis und auf Hippocampus-spezifische Funktionen – sowie auf Fatigue und die Lebensqualität ganz generell. Was das Trainingsprogramm selbst anlangt, soll es flexibel und weitgehend ortsunabhängig durchgeführt werden können. Einmal pro Woche sollen die betroffenen Frauen schließlich unter Anleitung vor Ort trainieren. „Es ist essentiell, die Therapie zu den Patientinnen zu bringen und nicht die Patientinnen zur Therapie“, unterstreicht auch Gaiger. Denn vor allem  lange  Anfahrtswege  würden  das Training  erfahrungsgemäß weniger  attraktiv erscheinen lassen.

Aktive Mitarbeit

Frauen, die an einem Mammakarzinom leiden, sind zu einem großen Teil auf ärztliche Anweisungen angewiesen; die Option, selbst etwas Handfestes zur  Genesung beizutragen, sei oftmals in nur sehr geringem Ausmaß gegeben. „Man  muss  aber  immer  bedenken,  dass  es  für  die Betroffenen  sehr viel bedeutet, selbst Einfluss auf die Gesundheit beziehungsweise auf den Krankheitsverlauf  nehmen  zu können“,  sagt Kiesl.  Dieser – buchstäblich – aktive     Beitrag, speziell kognitive Nebenwirkungen der Chemotherapie in Schach zu halten, finde letztlich in einer gesteigerten Lebensqualität und verbesserten psychischen Grundstimmung seinen Niederschlag. (lt)


Bildquellen & Copyright

© Österreichische Ärztezeitung Nr. 03 / 2019

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