Medizin & Wissenschaft

Histaminintoleranz: Ein Problem der Bilanz

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Die typische Symptomatik der Histaminintoleranz ist nur schwer einzugrenzen, wenn auch gastrointestinale Symptome im Vordergrund stehen. Wenn die Betroffenen überdies nicht wissen, worauf sie bei der Ernährung achten müssen, schränken sie ihre Ernährung oft so stark ein, dass Mangelsituationen die Folge sein können.

von Laura Scherber

Wie bei anderen Unverträglichkeiten spielt auch bei der Histaminintoleranz die Darmgesundheit eine wichtige Rolle, da viele Bestandteile, die nicht mehr gut vertragen werden, im Darm abgebaut werden.

„Es ist sehr spannend, da wissenschaftliche Befunde zeigen, dass bei Patienten mit Histaminintoleranz im Gegensatz zu gesunden Kontrollpersonen eine Dysbiose vorhanden ist und dass wahrscheinlich auch die intestinale Barrierefunktion verändert ist“, berichtet Assoz. Prof. Eva Untersmayr-Elsenhuber vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung an der Medizinischen Universität Wien.

Zusätzlich kann die Diaminooxidase die Entwicklung der Beschwerden beeinflussen: durch eine genetisch bedingte verminderte Produktion, durch hemmende Medikamente oder Nahrungsmittel sowie durch eine zu hohe Histamin-Freisetzung im Körper. Letztere kommt der Expertin zufolge vor allem bei Allergikern vor, die viel Histamin freisetzen und bei denen die Abbaukapazität für Histamin bei einer zusätzlich hohen Zufuhr mit der Nahrung reduziert ist und mit entsprechenden Beschwerden einhergeht. „Die Diaminooxidase ist eines der wichtigsten Histamin-abbauenden Enzyme und scheint auch in der Physiologie eine wichtige Rolle zu spielen“, erklärt Univ. Prof. Birger Kränke von der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie in Graz. So steige die Kapazität der Diaminooxidase während der Schwangerschaft in der Plazenta auf das bis zu 400-Fache des Normalwertes an. Bei der Histaminintoleranz liegt dem Experten zufolge eine Art Bilanzproblem vor, da Histamin sowohl von extern zugeführt als auch intern im Körper selbst produziert wird und im eigenen Stoffwechsel vorkommt. Wie bei vielen Botenstoffen sollte auch ein gewisser Histaminspiegel normalerweise nicht überschritten werden. Kommt es dennoch dazu, muss die Zufuhr reguliert oder der Abbau verbessert werden.

„Man vermutet, dass ungefähr ein bis drei Prozent der österreichischen Bevölkerung an einer Histaminintoleranz leiden, wahrscheinlich eher im höheren Lebensalter“, sagt Untersmayr-Elsenhuber.

Frauen seien deutlich häufiger betroffen. Als Abbauprodukt von Bakterien ist Histamin vor allem in lang gereiften Lebensmitteln wie Käse, Rotwein oder Sauerkraut enthalten. „Aber auch Fertigprodukte, besonders wenn die Kühlkette unterbrochen wird, oder nicht adäquat gelagerte Fleischprodukte sind besonders histaminreich“, resümiert die Expertin.

Typische und untypische Beschwerden

Die typische Symptomatik ist bei der Histaminintoleranz schwer einzugrenzen. Neben klassischen Allergiebeschwerden können kardiovaskuläre Symptome (Migräne, Schwindel, Palpitationen, Kollapsneigung), Hautprobleme und vor allem gastrointestinale Symptome auftreten. „Studien haben gezeigt, dass die gastrointestinalen Beschwerden überwiegen“, berichtet Untersmayr-Elsenhuber. Und weiter: „Die Patienten haben Durchfälle, abdominelle Schmerzen oder aber Verstopfung, Koliken, Aufstoßen und Übelkeit – teilweise bis zum Erbrechen“. Durch die Vielzahl von Organen und Stoffwechselvorgängen, an denen Histamin beteiligt ist, habe die Histaminintoleranz laut Kränke mittlerweile den Ruf, eine Internet-Diagnose zu sein. So werden viele Befindlichkeitsstörungen ungerechtfertigter Weise auf dieses Beschwerdebild zurückgeführt.

Die Histaminintoleranz ist diagnostisch relativ herausfordernd. „Es gibt keinen wirklich zu 100 Prozent zuverlässigen Test. Zwar wird gerne die Aktivität der Diaminooxidase gemessen. Allerdings können trotz Histaminintoleranz Normalwerte gefunden werden“, erklärt Kränke.

Auch die Messung von Histamin im Blut und von Histaminabbauprodukten im Urin ermögliche keine sichere Zuordnung. „Die Histaminbestimmung im Serum ist problematisch, weil Histamin sehr schnell abgebaut wird“, fügt Untersmayr-Elsenhuber hinzu. Bei Diaminooxidase-Werten von unter zehn Units pro Milliliter könne man hingegen an eine Histaminintoleranz denken. Gleichzeitig sei es wichtig, die Co-Faktoren der Diaminooxidase mitzubestimmen, vor allem Vitamin B6. Je nach Symptomatik sollte außerdem eine Mastozytose durch Messung der Tryptase ausgeschlossen werden.

Zu Beginn der Diagnostik empfiehlt es sich, nicht gleich die Verdachtsdiagnose Histaminintoleranz in den Raum zu stellen, sondern dem Betroffenen zunächst einmal neutral zu begegnen. „Wir sind sehr zurückhaltend, weil die Patienten schnell dazu neigen, viele unspezifische Beschwerden auf dieses Krankheitsbild zurückzuführen“, berichtet Kränke.

Beschwerden konkretisieren

Um die Beschwerden zu konkretisieren und mögliche Zusammenhänge herzustellen, ist das Führen eines Beschwerdetagebuchs in Kombination mit einem Ernährungskalender eine wichtige Maßnahme. Ergibt sich aus den erhobenen Informationen und den Laborwerten ein Verdacht auf das Vorliegen einer Histaminintoleranz, verringert man die Zufuhr von histaminreichen Nahrungsmitteln und beobachtet die Folgen. „Erschwerend kommt hinzu, dass Histamin nur eines der biogenen Amine ist, die eine wichtige Rolle in diesem Symptomspektrum spielen“, weiß der Experte. So gebe es eine Vielzahl weiterer biogener Amine wie zum Beispiel Cadaverin, Spermidin und Serotonin, die ähnliche Beschwerden hervorrufen könnten.

Wichtigste Maßnahme: Ernährungsumstellung

Ebenso wie die Diagnose ist auch die Therapie der Histaminintoleranz nicht ganz einfach. Mit H1- und H2-Blockern stehen zwar abhängig von den Beschwerden medikamentöse Optionen zur Verfügung; im Vordergrund steht aber die Ernährungsumstellung der Patienten. Dabei müssen sie versuchen, die Histaminzufuhr zu reduzieren und auf Histamin freisetzende und die Diaminooxidase blockierende Lebensmittel zu achten. „Von den Patienten muss sehr individuell ausgetestet werden, wie sie auf die einzelnen Lebensmittel reagieren und erfasst werden, ob sich die Beschwerden verbessern“, führt Untersmayr-Elsenhuber aus.

Auch wenn es sich nicht bei jedem Patienten gleich auswirkt, gehören zu den Histamin-Liberatoren prinzipiell die klassischen Zitrusfrüchte, Erdbeeren, Kiwis, Ananas und Tomaten; zu den die Diaminooxidase blockierenden Lebensmitteln vor allem Alkohol sowie schwarzer und grüner Tee.

Ganz grundsätzlich lautet die Empfehlung, Gerichte frisch zuzubereiten. Wird Histamin im Rahmen der Ernährungsumstellung in der Nahrung reduziert, können sich die Diaminooxidase-Spiegel wieder erholen und die Beschwerden reduzieren. „Das Enzym Daosin kann man als Nahrungsergänzungsmittel zuführen – aber rein probatorisch, da es als Medikament nicht zugelassen ist“, fügt Kränke hinzu. Dies empfehle sich zum Beispiel für Personen, die aus beruflichen Gründen die Teilnahme an Buffets schwer umgehen könnten. Aber auch bei der Supplementierung der Diaminooxidase ist die Wirkung laut Untersmayr-Elsenhuber nicht einheitlich, weshalb es im individuellen Fall ausgetestet werden müsse. Wie bei allen Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist es auch bei der Histaminintoleranz wichtig, den Patienten eine genaue ernährungsmedizinische diätologische Begleitung zur Verfügung zu stellen. „Wenn die Patienten nicht wissen, worauf sie achten müssen, schränken sie ihre Ernährung in der Verzweiflung oft sehr stark ein, was in Mangelsituationen resultieren kann“, betont die Expertin abschließend.


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 19/2020
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