Medizin & Wissenschaft

Essstörung und Diabetes mellitus: Brisante Kombination

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Zwar kommt Diabetes mellitus in Kombination mit einer Essstörung nicht häufig vor; wenn es dazu kommt, handelt es sich jedoch um eine brisante Kombination. Der nicht sorgsame Umgang mit dem Körper bei Anorexie und Bulimie steht in totalem Widerspruch zur Compliance der Betroffenen beim Diabetes-mellitus-Management.

Schätzungsweise 3,5 Prozent der Patientinnen mit Diabetes mellitus Typ1 leiden auch an einer Bulimie, erklärt Univ. Prof. Barbara Mangweth-Matzek von der Universitätsklinik für Psychiatrie II der Medizinischen Universität Innsbruck. „Frühere Schätzungen setzten diesen Wert bei 35 Prozent an. Das wurde aber mittlerweile revidiert. Diabetes in Kombination mit einer Essstörung tritt also nicht so häufig auf, aber wenn, dann ist es brisant.“

Bei Patientinnen mit Diabetes mellitus Typ 1 – laut Mangweth-Matzek betrifft es hauptsächlich Frauen, die an Diabetes leiden –  entsteht die Essstörung meist erst nach der Diagnose Diabetes mellitus durch die Kombination aus einer subtil vorhandenen Körperunzufriedenheit und dem strengen Ernährungsregime aufgrund der Diabetes-Therapie. „Wenn jemand ein gesundes Verhältnis zum eigenen Körper und Gewicht hat, kann der starke Fokus auf das Essen und das notwendige Kalorienzählen gut gehandhabt werden“, berichtet Mangweth-Matzek aus der Praxis. „Wenn aber schon ein Körperproblem vorhanden ist, kann die Diagnose und vor allem Therapie von Diabetes eine deutliche Verstärkung des pathologischen Gehalts der Essstörung bedeuten.“ Da das Management von Diabetes mellitus eine rigide Kontrolle des Essverhaltens bedeutet, wird das Essverhalten nicht mehr nur durch das natürliche Körpergefühl reguliert, sondern durch Diätvorschriften gesteuert – es kommt zum „restraint eating“.

Essstörung versus Compliance

Bei Anorexie und Bulimie ist das Merkmal der Selbstdestruktion dominant. „Dieser nicht sorgsame Umgang mit dem Körper steht aber im totalen Widerspruch mit der Compliance im Kontext von Diabetes“, betont Mangweth-Matzek. „Essgestörte Patienten können sich nicht compliant verhalten.“ Im Kontext der Essstörung werden Ziele, wie eine extreme Gewichtsabnahme oder die Kombination aus Gewichtsabnahme und Sport, so hoch gesteckt, dass es zur Selbstschädigung des Körpers kommt. „Essgestörte Personen sind in ihrem Handeln so eingeschränkt, dass Abnehmen das einzige Ziel ist und sie gegen die gute Körperwahrnehmung agieren.“

So werden auch Erkrankung und Therapie für die Gewichtsabnahme genutzt. In Kombination mit Typ-1-Diabetes steht weniger die Diagnose Anorexia nervosa, sondern eher die Diagnose Bulimia nervosa in Verbindung. Häufig wird durch eine verminderte, sehr restriktive Insulin-Gabe eine erhöhte Ausscheidung von Zucker durch den Harn erzielt. Mitunter verzichten die Betroffenen auch auf das Basalinsulin und spritzen nur zu Mahlzeiten zu, um eine komplette Entgleisung zu vermeiden. „Dieses sogenannte Insulin-Purging oder auch Erbrechen über die Niere führt zu einem Verlust von mehreren 100 Kilokalorien über den Harn pro Tag“, berichtet Univ. Prof. Bernhard Ludvik von der 1. Medizinischen Abteilung mit Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie der Klinik Landstraße in Wien. „Im Gegensatz zu nicht-diabetischen Patienten ist für den Kalorienverlust kein Erbrechen notwendig. Allerdings führt das Insulin-Purging zu Schädigungen und Spätfolgen.“

Durch die Glukosorie kommt es zu einem großen Flüssigkeitsverlust und einer hohen Belastung der Nieren. Der hohe Zuckergehalt des Harns begünstigt Candida-Infektionen und ein hoher HbA1c-Wert führt zu mikrovaskulären Schädigungen. Bedrohlich seien kurzfristig die Entgleisungen des Zuckerwerts, warnt Ludvik. „Die Ketoazidosen sind mitunter lebensbedrohlich. Durch die schlechte Zuckereinstellung entstehen schon in relativ frühem Alter Spätschäden wie Neuropathien, Retinopathie und Nephropathien.“

Warnzeichen, die auf das Vorliegen einer Essstörung hindeuten, sind ein hoher HbA1c-Wert, häufige Entgleisungen, wenige Aufzeichnungen sowie versäumte Kontrollen. „Insulin-Purging führt eher dazu, dass die Patientinnen Hyperglykämien zeigen. Mitunter kommen sie auch mit Ketoazidosen auf die Notaufnahme. Bei langfristig schlechter Einstellung und bei häufigen Entgleisungen muss man die Ursache suchen, weshalb der Zuckerwert so hoch ist“, betont Ludvik.

Ein wichtiger erster Schritt ist für Mangweth-Matzek, die Frage nach einer Essstörung standardmäßig in die Anamnese einzubeziehen. Aufgrund der Stigmatisierung von Essstörungen sollte diese Frage besonders empathisch gestellt werden. „Manchmal negieren Patientinnen trotzdem oder sind noch nicht so weit, darüber zu sprechen. Auch das ist zu akzeptieren.“ Trotzdem solle man diesen Verdacht daraufhin nicht außer Acht lassen, sondern weiterhin die Ursache für die schlechte Einstellung suchen. „In diesem Kontext ist es auch durchaus richtig und wichtig, Patientinnen zur näheren Abklärung des Essverhaltens an die Psychiatrie weiter zu verweisen.“ Mangweth-Matzek betont weiters, dass man aus Sicht des Behandlers häufig davon ausgehe, dass Menschen mit einer Krankheit beziehungsweise Leidensdruck offen für Behandlung und Ratschläge sind. „Essgestörte Patienten sind aber nicht dafür offen, weil sie es nicht können.“

In der Therapie von Essstörungen bei Patientinnen mit Typ-1-Diabetes ist daher die Zusammenarbeit über fachliche Grenzen hinweg notwendig. „Diabetes bedeutet eine rigide Beschäftigung mit dem Essen. Das muss man versuchen, zu durchbrechen“, erläutert Ludvik. „Wir müssen zusammenarbeiten, um auch die Diabetes-Therapie zu flexibilisieren: Hier nimmt man eine mäßig gute Einstellung in Kauf, um die Insulinrestriktion hintanzuhalten.“ Ludvik betont, dass den Betroffenen mehr Flexibilität im Umgang mit Essen zugestanden werden sollte, um die Wahrnehmung von Mahlzeiten zu ändern – von einem reinen Rechenbeispiel hin zu einem entspannten lockeren Umgang mit Essen. „Bei Bedarf nachspritzen ist in diesem Fall besser als noch mehr Rigidität und Rechnen.“

Psychotherapie ist für Mangweth-Matzek essentiell, damit die betroffenen Frauen einen sorgsameren Umgang mit sich selbst erlernen und so eine Langzeit-Compliance bei der Diabetestherapie erreicht wird. Denn Essstörungen im Kontext von Diabetes mellitus Typ 1 betreffen nicht nur junge Patientinnen. „Insulin-Purging beginnt zwar oft in jungen Jahren, Diabetes mit Bulimie betrifft aber auch Frauen mittleren Alters und die Essstörung begleitet sie weiter bis ins hohe Alter.“ Diabetologen sollten daher eng mit Fachleuten aus Psychiatrie und Psychosomatik kooperieren, betont Ludvik. „Wir können nur gemeinsam versuchen, die Diabetes-Therapie so zu gestalten, dass sie die Behandlung der Essstörung begünstigt.“

Bei Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 steht als Essstörung meist das „Binge Eating“ im Vordergrund. Die Essstörung bestehe häufig schon vor der Diabetes-Diagnose und unterscheide sich vom adipösen Essen oder „overeating“, erklärt Mangweth-Matzek. Die Expertin weiter: „Binge eating zeigt die gleichen Essattacken wie die Bulimie mit einem suchtartigen Verlangen nach hochkalorischem Essen. Damit kommt es zu einer extremen Gewichtszunahme, so dass dadurch auch ursächlich Diabetes entstehen kann.“ (SF)


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 7/2021
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