Medizin & Wissenschaft

Weibliche Genitalverstümmel-
ung: Schwer erkennbar

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Die weibliche Beschneidung führt oft zu massiven gesundheitlichen Problemen, ist für den Gynäkologen jedoch meist nur schwer erkennbar. Primär über Symptome sollte man mit den betroffenen Frauen ins Gespräch kommen.

 

von Manuela‑C. Warscher

Jährlich dürften – offiziellen Schätzungen zufolge – 100 Mädchen und Frauen in Österreich Opfer einer Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation – FGM, Female Genital Cutting – FGC) werden. Insgesamt leben hierzulande ungefähr 8.200 beschnittene Frauen. „Diese Angaben sind Schätzwerte, da es bei diesem Thema keine Transparenz gibt. Keine Mutter würde einen Eingriff zugeben, da sie weiß, dass ihr die Obsorge entzogen werden könnte beziehungsweise eine Anzeige droht“, gibt Univ. Prof. Daniela Dörfler von der Ambulanz für Kinder- und Jugendgynäkologie der Medizinischen Universität Wien zu bedenken. Die weibliche Beschneidung erfüllt seit 2001 den Tatbestand der absichtlichen schweren Körperverletzung mit Dauerfolgen. „Bei Kindern wird sofort das Amt für Jugendhilfe über eine Gefährdungsmeldung involviert beziehungsweise Anzeige erstattet.“ Doch bei Frauen, die in ihrer Kindheit in der Heimat beschnitten wurden, kommt es selten dazu. „Da durch eine SOP im Gesundheitsverbund mit der Patientin entschieden werden kann, ob sie eine Anzeige gegen ‚unbekannt‘ wünscht, kommt es selten dazu. Es wurden Reverse entwickelt, die der Krankengeschichte beigelegt werden. Eine Gerichtsverhandlung würde wohl in vielen Fällen zu einer Re-Traumatisierung führen“, sagt Dörfler.

Die weibliche Beschneidung erfolgt üblicherweise im Alter zwischen 0 und 15 Jahren in asiatischen und afrikanischen Ländern sowie im Nahen Osten. Abhängig von der jeweiligen Tradition wird die Genitalverstümmelung entweder kurz nach der Geburt, im Kindesalter, in der Pubertät oder unmittelbar vor oder nach der Eheschließung oder der ersten Entbindung vorgenommen. Dieser mehr als 5.000 Jahre alten Praxis liegen gesellschaftliche Traditionen, ästhetische Ideale und Vorstellungen über weibliche Reinheit und Sexualität zugrunde. „Die weibliche Beschneidung bedeutet in afrikanischen Landessprachen ‚Reinheit‘. Daher ist das Prozedere für Afrikanerinnen aus Somalia, dem Tschad, Mali und Eritrea etwas völlig Normales. Für diese Frauen sind wir unrein, weil wir nicht beschnitten sind“, erklärt Dörfler. Häufig würden sich die beschnittenen Frauen damit rechtfertigen, dass sie im Gegensatz zu Europäerinnen beispielsweise niemals eine Brustvergrößerung vornehmen lassen würden.

Die WHO unterscheidet vier Typen der weiblichen Genitalbeschneidung, die je nach Umfang des Eingriffs mit zum Teil schwerwiegenden und langfristigen gesundheitlichen Folgen einhergehen. Der Typ III – die Infibulation – wird mit ungefähr 15 Prozent aller Beschneidungen vorwiegend in Ägypten, Äthiopien, Dschibuti, Eritrea, Mali, Somalia und dem Sudan durchgeführt. „In diesen Ländern benötigen Frauen die Beschneidung, um verheiratet werden zu können“, konkretisiert Dörfler. In den übrigen afrikanischen Ländern, Pakistan oder Indien herrschen traditionell Typ I und II vor. In Ethnien mit starken traditionellen Bindungen waren bislang weder das gesetzliche Verbot noch die strafrechtliche Verfolgung erfolgreich. „Wir beobachten vielmehr, dass die Tradition bewahrt wird, indem auf alternative Rituale zurückgegriffen wird. Meist handelt es sich dabei um Typ I der WHO-Klassifikation. Für eine österreichische Gynäkologin ist dieser Eingriff oft schwer erkennbar. Die Symptome können dennoch massiv sein.“

Weibliche Beschneidung: Formen

  • Typ I: Exzision des Praeputium clitoridis mit oder ohne Exzision eines Teils oder der ganzen Klitoris
  • Typ II: Exzision von Klitoris und Praeputium mit kleinen Labien (Teil oder in toto)
  • Typ III: Exzision der äußeren Genitalien und Vernähen der Vaginalöffnung (Infibulation)
  • Typ IV: Verschiedene Varianten ohne nähere Klassifikation wie Einritzen von Klitoris/Labien

Abklärung über Symptome

Schätzungen der WHO zufolge sterben zehn Prozent der Frauen an den akuten Komplikationen der Beschneidung und ein Viertel an der langfristigen Gesundheitsschädigung. Die jeweiligen gesundheitlichen Folgen hängen vom allgemeinen Gesundheitszustand der Frau und den hygienischen Bedingungen beim Eingriff ab. Zu den akuten Komplikationen zählen Schmerzen, Trauma oder Immobilisation. Langfristig kämpfen Betroffene mit chronischen Schmerzsyndromen, Menstruationsstörungen, aber auch Hepatitis oder HIV. „Mit betroffenen Frauen sollte man nicht primär über ihren Körper, sondern über die Symptome ins Gespräch kommen. Vor allem bei unerfülltem Kinderwunsch müssen die niedergelassenen Kolleginnen hellhörig werden“, sagt Dörfler. Mit vorsichtigen Fragen, ob als Kind ein chirurgischer Eingriff stattgefunden hätte oder ob eine Beschneidung erlebt wurde, können die Frauen zur Abklärung an eine Gynäkologin weitervermittelt werden. Erfolglos wird – so die Erfahrung von Dörfler – eine psychiatrische Intervention bleiben, denn „die Frauen dürfen nicht über das Prozedere sprechen – schon gar nicht mit einem Mann“. Am ehesten könne eine Ärztin zur Betroffenen durchdringen. Aber auch Broschüren in den Landessprachen tragen essentiell zur Aufklärung bei. Besonders Schulärzte agieren oft als Vertrauensärzte für afrikanische Mädchen und können daher bei häufigen Harnwegsentzündungen oder Menstruationsbeschwerden tätig werden. „Wichtig dabei ist die gegenseitige Wertschätzung“, betont Dörfler.

Rekonstruktive Therapieoptionen

Die Behandlungsoptionen reichen von der Defibulation – um den Abfluss von Menstruationsblut und Urin zu erleichtern – bis zur komplexen plastischen Chirurgie, um den Rest der Klitoris freizulegen oder eine Neoglans zu formen, die mit vaginalem Schleimhauttransplantat überzogen wird. Die Defibulation ist indiziert, wenn die Patientin Schwierigkeiten beim Urinieren hat oder über schmerzhaften Geschlechtsverkehr klagt. Aber auch bei Einschlusszysten oder rezidivierenden Infektionen erfolgt eine Defibulation beziehungsweise Entfernung der Zyste. Als Ziele all dieser chirurgischen Maßnahmen nennt Dörfler, die Betroffenen von Schmerzen beim Geschlechtsverkehr zu befreien und eine Schwangerschaft zu ermöglichen. „Die meisten Frauen haben nach einer Defibulation keine Schmerzen mehr und können auch normal entbinden“, sagt Dörfler. Äußerst selten hingegen sei der Wunsch nach dem Lustempfinden beim Sexualakt, weshalb sich auch die Nachfrage nach Klitoris-Rekonstruktionen in Österreich in Grenzen hält. „Anhand von Bildern oder eventuell mithilfe eines Spiegels erkläre ich den Frauen, wie normale weibliche Geschlechtsorgane aussehen und funktionieren. Allerdings wünschen sich nur äußerst aufgeklärte Frauen einen besseren Geschlechtsverkehr – ohne Schmerzen, aber mit Lustempfinden.“


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 11/2021

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