Medizin & Wissenschaft

Ernährung und Demenz: Essen beeinflusst Denken

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Gesunde Ernährung kann vermutlich das Fortschreiten der Demenz vom Alzheimertyp verlangsamen. Dabei scheint nicht die Zufuhr von einzelnen Nährstoffen einen positiven Einfluss auf kognitive Funktionen zu haben, sondern eher eine vollständige Umstellung der Ernährung ebenso wie die Zubereitung der Speisen.  

 

von Irene Mlekusch 

 

Die Ernährung ist in der wirklichen Welt kein unabhängiger Faktor“, erklärt Assoc. Prof. Priv. Doz. Dietmar Winkler von der Gedächtnisambulanz der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wien. Und weiter: „Es ist ein Fakt, dass sich Menschen, die sich gesund ernähren, auch sonst gesünder verhalten wie beispielsweise mehr Bewegung und Sport betreiben oder weniger Alkohol und Zigaretten konsumieren.“ Die intensive Forschung der letzten Jahre hätte aber gezeigt, dass eine gesunde Ernährung allein nicht nur präventiv Sinn macht, sondern wahrscheinlich das Fortschreiten einer Demenz vom Alzheimertyp verlangsamen kann. „Beispielsweise zeigt das eine rezent in BMC Psychiatry erschienene longitudinale Studie mit einer Population von 6.784 Personen über 50 Jahren, in der festgestellt wurde, dass ein Konsum von weniger als fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag inklusive Fruchtsaft mit einem 33 bis 37 Prozent erhöhten Risiko für Alzheimer-Demenz im Zehn-Jahres-Follow-up einherging“, fasst Priv. Doz. Sabrina Mörkl von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Graz zusammen. 

 

Drei Diäten im Fokus 

 

In den vergangenen Jahren wurden besonders drei Diäten im Zusammenhang mit kognitivem Abbau untersucht: die mediterrane Ernährung, die DASH-Diät und die MIND-Diät. Mörkl verweist darauf, dass es sich nicht um einzelne Nahrungsmittel handelt, sondern immer um den gesamten Ernährungsstil. Die Basis aller genannten Diäten ist eine pflanzenbasierte Kost mit ausreichend Obst und Gemüse, wie sie auch in den Ernährungsempfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Ernährung (ÖGE) abgebildet sind. Die mediterrane Küche mit viel frischem Gemüse, Salat und Obst, wenig Fleisch, dafür öfter Fisch, Olivenöl und Getreideprodukten gilt seit langem als gesund. „Es gibt einzelne Studien, die Hinweise darauf geben, dass eine mediterrane Diät aufgrund des hohen Anteils an Omega-3-Fettsäuren und verschiedener anderer Stoffe wie Polyphenole und Flavonoide einen antiinflammatorischen Effekt hat und sich dadurch günstig auf verschiedene Erkrankungen auswirken könnte“, sagt Winkler. Es konnte sogar ein Zusammenhang zwischen mediterraner Ernährung und der Zunahme der mediotemporalen grauen Substanz, verbesserter Gedächtnisleistung und einer Abnahme der Akkumulation von Amyloid-Plaques und Tau-Phosphorylierung gezeigt werden. Winkler sieht bezüglich der Demenzerkrankungen wie der Alzheimer-Demenz den Effekt wahrscheinlich auf das Vorstadium, das heißt, auf das amnestische Mild Cognitive Impairment (MCI), beschränkt. 

 

Die Dietary Approach to Stop Hypertension-(DASH-)Diät wurde in den USA um 1990 entwickelt, um kardiovaskulären Erkrankungen und deren Risikofaktoren vorzubeugen. Empfohlen wird eine Ernährung reich an Früchten, Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten. Im Gegensatz zur mediterranen Diät umfasst sie auch fettreduzierte Milchprodukte, da diese Kalium, Kalzium, magere Proteine, Mineralien und Ballaststoffe enthalten. Nahrungsmittel mit gesättigten Fettsäuren und Zucker sollten dagegen reduziert werden. Es konnte gezeigt werden, dass die DASH-Diät nicht nur Cholesterin, gesättigtes Fett und den Blutdruck senken kann, sondern sich auch positiv auf die kognitiven Fähigkeiten älterer Menschen auswirkt, wenn sie dieser Diät für einen längeren Zeitraum treu bleiben. 

Die Mediterranean-DASH Diet Intervention for Neurodegenerative Delay (MIND) stellt eine Kombination aus der mediterranen Diät und der DASH-Diät dar. Bei der MIND-Diät handelt es sich um eine auf die Gesundheit des Gehirns ausgerichtete Ernährungsform, die speziell für die Prävention und Verlangsamung des Voranschreitens von Demenzen entwickelt wurde. Die MIND-Diät fokussiert auf eine pflanzenbasierte, minimal verarbeitete Kost. „Dazu gehört die Reduktion von Fertiggerichten, Fleisch- und Wurstprodukten und Nahrungsmitteln mit Zuckerersatz“, berichtet Mörkl. Ganz generell werden drei Portionen Vollkornprodukte in der Woche empfohlen, mehr als sechsmal pro Woche grünes Blattgemüse und zusätzlich mindestens einmal täglich andere Obst- und Gemüsesorten. Ebenso sollten dreimal wöchentlich Bohnen, zweimal wöchentlich helles Fleisch wie zum Beispiel Geflügel und Fisch konsumiert werden. Die MIND-Diät fokussiert außerdem auf speziellen Lebensmitteln zur Verlangsamung des kognitiven Abbaus. Als gesunden Snack sollten mindestens zweimal wöchentlich Beeren und fünfmal wöchentlich Nüsse auf dem Speiseplan stehen. Olivenöl gilt auch bei der MIND-Diät als Hauptfettquelle zum Kochen. Auch ein kleines Glas Rotwein pro Tag ist erlaubt – enthält Rotwein doch das gefäßprotektive Resveratrol. Mindestens sechs Portionen grünes Blattgemüse pro Woche decken den Bedarf an Folat, Vitamin B6 und B12. Nüsse wiederum enthalten das antioxidativ wirkende Vitamin E. „Als protektiv gelten vor allem die in dieser Ernährungsform reichlich vorhandenen Vitamine wie zum Beispiel Folsäure, Flavonoide und Omega-3-Fettsäuren“, so Mörkl. Zur MIND-Diät gehört auch die Einschränkung von fünf Lebensmittelgruppen: Dazu gehören rotes Fleisch, Butter und Margarine, fettreicher Käse, Gebäck und Süßigkeiten sowie Frittiertes und Fast Food. „Morris et al. zeigten 2014 bei 915 Probanden mit einer hohen Adhärenz zur MIND-Diät eine deutlich niedrigere Zunahme von kognitiven Symptomen im Verlauf. Kognitiv gesehen waren jene Probanden, die eine MIND-Diät befolgten, um 7,5 Jahre jünger als jene, die das nicht taten“, bestätigt Mörkl.

 

Die Auswirkungen der Ernährung auf die kognitive Leistungsfähigkeit wurden nicht nur für spezielle Diäten untersucht, sondern auch für einzelne Nährstoffe wie beispielsweise Vitamine, Polyphenole und ungesättigte Fettsäuren. Mörkl macht darauf aufmerksam, dass das Ganze stets mehr ist als die Summe der Teile: „Die Basis jeglicher Therapie sollte deshalb meiner Ansicht nach eine Ernährungsumstellung sein. Nichtsdestotrotz hat der Nährstoffgehalt vieler Lebensmittel im Laufe der Zeit deutlich abgenommen, sei es durch industrialisierten Anbau und Auslaugung der Böden, sodass die Nährstofferfordernisse von Menschen mit psychischen Erkrankungen wahrscheinlich nicht mehr adäquat gedeckt werden können.“ Deshalb sollten zumindest einzelne Nährstoffe, wie zum Beispiel Folsäure oder Vitamin B12, gemessen und bei Mangel substituiert werden. 

 

Aber nicht nur die Zusammensetzung der Ernährung scheint Einfluss auf die Entstehung dementieller Erkrankungen zu haben, auch die Zubereitung der Speisen dürfte relevant sein. Durch Kochen bei hohen Temperaturen über einen längeren Zeitraum geht einerseits eine große Menge Wasser verloren, andererseits kommt es zum Abbau von hitzeempfindlichen Mikronährstoffen wie Vitamin C, Folsäure und Thiamin. Des Weiteren kommt es zur Entstehung von toxischen Sekundärprodukten, die als advanced glycation end products (AGE) bezeichnet werden. Diese sind bei höherer Serumkonzentration über einen längeren Zeitraum an der Entstehung von verschiedensten Krankheiten und einem schnelleren kognitiven Abbau beteiligt. Der am besten untersuchte Rezeptor für advanced glycation end products (RAGE) gehört zur Immunglobulin-Superfamilie, kommt im Gehirn von Alzheimer-Patienten in erhöhten Konzentrationen vor und spielt eine Rolle bei der Regulation des Transports von Beta-Amyloid über die Blut-Hirn-Schranke. Polyphenole in Kräutern und Gewürzen können sparsam eingesetzt die Entstehung von AGE beim Kochen reduzieren. Ein vergleichbarer Effekt konnte für saure Lösungen wie Essig und Zitronensaft gezeigt werden. 

 

Vitamine 

 

Vitamine sind potente Antioxidantien. Die hochdosierte Einnahme von BVitaminen, vor allem Folsäure Vitamin B9, ist mit einem geringen Risiko assoziiert, an Alzheimer zu erkranken. In Studien konnte gezeigt werden, dass es bei Menschen, die BVitamine erhalten, zu einer langsameren Abnahme des episodischen und semantischen Gedächtnisses kommt und sie im Mini Mental State Examination (MMSE) besser abschneiden. Vor allem Menschen mit einem erhöhten Homocysteinspiegel scheinen von BVitaminen zu profitieren. Vitamin E und C konnten in Kombination supplementiert über die Nahrung sowohl die Prävalenz als auch die Inzidenz von Alzheimer reduzieren. In einer weiteren Studie fand sich durch die Einnahme von Vitamin E eine verlangsamte Progression bei Patienten mit moderater Alzheimer-Erkrankung und somit ein reduziertes Risiko für eine Institutionalisierung. Als Risikofaktor für Demenz wird schon seit Längerem ein erniedrigter Vitamin-D-Spiegel diskutiert. In-vitro Untersuchungen zeigten einen Anti-Beta-Amyloid-Oligomerisierungseffekt von Vitamin A und Beta-Karotin bei Patienten mit Demenz vom Alzheimertyp. „Insgesamt ist die Datenlage jedoch nicht ausreichend, sodass laut Leitlinienempfehlung der WHO zur Reduktion von MCI und Demenz die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln nicht empfohlen wird“, fasst Mörkl zusammen.

 

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren  

 

Die Langzeiteinnahme von Omega-3-Supplementen konnte im Tiermodell die Omega6/Omega-3-Ratio senken und dadurch den neuronalen Abbau verhindern und kognitive Funktionen verbessern. Einheitlich positive Studienergebnisse bei Menschen sind bisher ausgeblieben. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze wie etwa die komplexe Interaktion von verschiedenen Nährstoffen vor allem mit Vitaminen des BKomplexes. Winkler sieht einen positiven Effekt einer Supplementierung mit Omega-3-Fettsäuren vor allem hinsichtlich der vaskulären Faktoren, die häufig bei Demenzpatienten mit vaskulärer oder gemischter Demenz eine Rolle spielen.  

 

Polyphenole  

 

Polyphenole kommen in Pflanzen, Früchten und Gemüse vor. Vor allem Flavonoide können neuronale Signalkaskaden modulieren, Cholinesterasen und freie Radikale inhibieren und somit Gedächtnis und Lernfähigkeit bei Menschen und Tieren verbessern. Resveratrol, das im Wein und vielen Beeren enthalten ist, scheint ebenso neuroprotektiv zu sein wie das in der Kurkumawurzel enthaltene Kurkumin. Kurkumin kann vermutlich aufgrund seiner lipophilen Struktur die Blut-Hirn-Schranke überwinden und vorhandene senile Plaques reduzieren sowie dosisabhängig die Proliferation von Neurogliazellen stoppen.

 

Gut-Brain-Axis und Alzheimer-Demenz  

 

Im Alter verändert sich die Zusammensetzung der mikrobiellen Darmflora. „Dies kann nicht nur zu gastrointestinalen Beschwerden, sondern auch über das bidirektionale Kommunikationssystem der Darm-Hirn-Achse zu Erkrankungen des Zentralnervensystems wie beispielsweise Alzheimer-Demenz führen“, weiß Mörkl. Sie verweist auf eine Reihe von experimentellen und klinischen Studien, in denen mittlerweile weitreichende Assoziationen zwischen der Darmflora und kognitiven Leistungen aufgezeigt werden konnten. Mörkl erklärt den Mechanismus der Neurodegeneration mit der Dysbiose: „Mit der Sekretion von Amyloid durch vor allem gram-negative Bakterien und Lipopolysaccharide, die in der bakteriellen Zellwand vorkommen, wird die Durchlässigkeit der Darmbarriere und auch der Blut-Hirn-Schranke erhöht.“

 

So gelangen Fremdstoffe wie zum Beispiel bakterielle Antigene in die Blutbahn und das Immunsystem wird aktiviert. „Es kommt zur Neuroinflammation, neuronalen Schädigungen und schlussendlich zum Zelltod von Nervenzellen“, fasst Mörkl zusammen. Bakterielles Amyloid könne außerdem durch molekulares Mimikry eine Aggregation und falsche Faltung von Beta-Amyloid auslösen, das sich dann wiederum im Gehirn verteilt und Mikroglia aktiviert.

 

Eine gesunde Darmflora – sei es durch eine entsprechende Ernährung oder auch Probiotika – habe den Aussagen der Expertin zufolge positiven Einfluss auf die kognitive Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität im Allgemeinen. Winkler sieht in der Beeinflussung des Mikrobioms künftig weniger die Möglichkeit, Patienten mit fortgeschrittener Alzheimer-Demenz zu therapieren, als deren Rolle in der Prävention. 


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 08 /25.04.2022

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