Medizin & Wissenschaft

Multimedikation, Polypharmazie, im Alter hat oft mehr Nach- als Vorteile

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Multimedikation, Polypharmazie, im Alter kann wie ein Löschwasserschaden sein, denn oft ist die Wirkung auf die Gesundheit schädlicher als ohne Medikamente.

Die Thematik Arzneimittelversorgung und Polypharmazie bei älteren Menschen beziehungsweise Multimedikation, Polypharmazie, im Alter ist selbst für erfahrene Mediziner eine Herausforderung. Denn Chronische Leiden und Mehrfacherkrankungen beziehungsweise die sogenannte Multimorbidität tragen dazu bei, dass immer mehr Medikamente dauerhaft verschrieben werden. Denn daraus ergeben sich wiederum teils gefährliche Wechsel- und Nebenwirkungen.

Allerdings tragen auch Patienten sowie Angehörige oft selbst zum Problem der Multimedikation im Alter bei. Denn häufig fügen sie zusätzlich zu den ärztlich verordneten Präparaten noch frei verkäufliche Mittel dem täglichen Bedarf hinzu. Deswegen fordern Gegenstrategien. Im Grunde genommen sollten bereits Altersmediziner im Krankenhaus damit beginnen, Medikamente zu reduzieren oder überhaupt abzusetzen. Denn weniger ist letztendlich sehr oft mehr.

Problem Polypharmazie: Gefahren der Multimedikation im Alter

Die Multimedikation wird mit einer Reihe negativer Folgen in Verbindung gebracht. Dazu gehören sogenannte Arzneimittelinteraktionen, unerwünschten Nebenwirkungen sowie häufigere Krankenhausaufenthalten aufgrund einer ineffizienten, unstrukturierten Therapie. Nur zu oft werden die Krankheiten, die ein Patient über die Jahre angesammelt hat, alle gleichermaßen ein wenig behandelt. Stattdessen sollten sich Ärzte auf das Symptom, das die Lebensqualität des Patienten am meisten beeinträchtigt, konzentrieren.

Gerade wenn sich Medikamente nicht untereinander vertragen, besteht jedenfalls die Gefahr, dass der „Löschwasserschaden“ größer sein kann als der „Brandschaden“. Das Problem wird weiter akzentuiert durch den Prozess der Gebrechlichkeit, d.h. durch nachlassende Organreserven von Leber, Niere, Hirn und Muskulatur. In solchen Fällen kann sich die Medikamentenwirkung auch ins Gegenteil verkehren und krankmachende Effekte verursachen.

Bekanntes schlechtes Beispiel

Beispielsweise gehen alte Menschen zumindest im Krankenhaus oft recht zeitig zu Bett. Dadurch klagen sie dann nicht selten über „Schlaflosigkeit“. Wenn dann die medikamentöse Behandlung mit einem Benzodiazepin den Patienten Schlaf bringt, sodass kann das Sturzrisiko zunehmen. Denn die Schlafmittel haben als unerwünschte Wirkungen muskelschwächende Effekte. Dementsprechend brauchen Altersmediziner checklistenartige Anleitungen, wie sie mit schlecht vertragener Multimedikation umgehen sollen.

Eine Multimedikation kann auch positiv sein

In der Pharmakotherapie alter Menschen geht es nicht per se darum, weniger Medikamente zu verschreiben. Wenn ein alter Mensch viele Krankheiten hat und viele Tabletten einnimmt, muss das nicht immer ein Problem darstellen. Denn wenn die Tabletten eine gute Lebensqualität und eine gute Symptomkontrolle bringen sowie keinen ungewollten Gewichtsverlust bringen, so ist an der Multimedikation nichts auszusetzen. Wichtig ist dabei auch, dass der Patient mit der Medikamenteneinnahme gut zurecht kommt und nichts durcheinander bringt.

Schließlich gibt es durchaus auch Patienten, die unterversorgt sind. Daher muss der Arzt genau schauen, was etwa zu viel ist und an welcher Stelle etwas fehlt. Grundsätzlich erhalten in der Regel die Patienten allerdings eher zu viele Medikamente.

Empfehlungen und Negativlisten

Schließlich dokumentieren Negativlisten wie Beers- und Priscus-Liste solche Wirkstoffe, die bei alten Menschen nebenwirkungsträchtig sind. Dementsprechend sollten Ärzte diese deshalb zurückhaltend verschreiben oder gar nicht einsetzen. Wenn bei einem Patienten in Folge die Verordnung eines neuen Medikamentes eine Verschlechterung des Allgemeinzustands verursacht (beispielsweise Verwirrtheit), dann sollte der Arzt die Verschreibungen überprüfen. Denn dann könnte ein Medikament unerwünschte Wirkungen verursachen. Ob es ursächlich ist, lässt sich dann durch einen sogenannten Auslassversuch feststellen. Zugegebenermaßen ist das recht viel „trial and error“. Aber die Pharmakotherapie der Hochbetagten, Multimorbiden ist oft ein „trial and error“. Denn je höher das Alter ist, desto individueller ist der Gesundheits- und Funktionsstatus von Menschen. Es gibt 85-Jährige, die spielen noch Tennis. Es gibt andererseits 75-Jährige, die kennen ihre Kinder nicht mehr oder sind bettlägerig.

Ab etwa dem 75. Lebensjahr geht eine Schere auf, wo sich die Menschen, in dem, was sie noch können, sehr stark unterscheiden. Deswegen ist es auch so schwierig, für gebrechliche alte Menschen Leitlinien aufzustellen. Um so wichtiger ist es, ein geriatrisches Assessment durchzuführen, also gezielte Tests, und damit Stärken und Schwächen eines alten Menschen aufzudecken und die Therapie danach maßzuschneidern.

Es gibt hier kaum Empfehlungen für Multimorbidität im Alter, klinische, kontrollierte Studie zur Ploypharmazie gestalten sich in dieser Patientengruppe oft sehr schwierig. Denn es müssten sehr viele Untergruppen gebildet werden und das mit großen Teilnehmerzahlen, weil sonst die sogenannten Drop-Outs – die vorzeitig gestorbenen Teilnehmer – den Abschluss der Studie gefährden würden.

Auch die Pharmaindustrie kennt  diese Problematik. Deswegen werden in neueren Medikamentenstudien mittlerweile auch immer mehr Menschen eingeschlossen, die über 65 Jahre alt sind. Aber Multimorbide sind in solchen Studien weiterhin oft unterrepräsentiert. Schließlich gelten Demenz oder Nierenfunktionseinschränkungen häufig noch als Ausschlusskriterium bei Studien. Dabei sind solche Krankheiten bei Hochbetagten und Gebrechlichen Realität.

Welche Probleme frei verkäufliche Präparate verursachen können

Ärzte sollten ihre Patienten dazu auffordern, einfach alle Medikamente und Präparate, die sie einnehmen, in eine Tüte zu füllen. In Folge sollten sie die Sammlung mit in die Ordination bringen und gemeinsam mit dem Arzt sortieren. Dadurch kann der Arzt feststellen, welche Medikamente der Patient aktuell einsetzt. Außerdem sieht er, welche abgelaufen sind und welche freiverkäuflichen Mittel zusätzlich jeden Tag geschluckt werden. So kann man den Status quo herausfinden und darauf aufbauend die Therapie optimieren.

Meistens ist die Reaktion der Patienten sehr positiv. Denn auch sie haben manchmal Sorge, dass sie zu viel einnehmen und dass manche Medikamente vielleicht überflüssig sind. Deswegen sollte sich der Arzt dafür Zeit nehmen. Schließlich sind dafür Patienten sowie Angehörige in der Regel sehr dankbar.


Literatur:

Turgeon J, Michaud V, Steffen L. The Dangers of Polypharmacy in Elderly Patients. JAMA Intern Med. 2017;177(10):1544. doi:10.1001/jamainternmed.2017.4790

Mortazavi SS, Shati M, Keshtkar A, Malakouti SK, Bazargan M, Assari S. Defining polypharmacy in the elderly: a systematic review protocol. BMJ Open. 2016;6(3):e010989. Published 2016 Mar 24. doi:10.1136/bmjopen-2015-010989


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)


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