Medizin & Wissenschaft

Prosopagnosie: Ursachen von Gesichtsblindheit geklärt

Lesezeit: 2 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Gesicht ist nicht gleich Gesicht: Forscher konnten ein wichtiges Detail zu den Ursachen der Gesichtsblindheit (Prosopagnosie, Nicht-erkennen) aufdecken.

Wissenschaftler haben die Ursachen einer fehlenden Fähigkeit, bekannte Gesichter und Gesichtszüge wieder erkennen zu können, als Gesichtsblindheit oder Prosopagnosie bezeichnet, untersucht. Sie konnten erstmals zeigen, dass die Ursachen der angeborenen Gesichtsblindheit, Prosopagnosie, bereits in sehr frühen Stadien der Wahrnehmung zu finden sind.

Angeborene Gesichtsblindheit – kongenitale Prosopagnosie: den Ursachen auf der Spur

Jedes Gesicht ist individuell, Gesichter sind wesentlicher Bestandteil der menschlichen Identität und Kommunikation. Über Merkmale von Gesichtszügen erkennen Menschen einander wieder. Anders ist dies bei Menschen mit angeborener Gesichtsblindheit, einer kongenitalen Prosopagnosie. Sie können ihr Gegenüber nicht anhand individueller Gesichtszüge erkennen.

Gesichtsblindheit wird im Alltag in vielen Fällen über andere Informationen kompensiert. Beispielsweise kann das eine charakteristische Erscheinung, die Frisur oder der Gang sein. Besonders zum Tragen kommt die Beeinträchtigung im sozialen Miteinander.

Oder wenn die betroffene Person beruflich darauf angewiesen ist, regelmäßig viele Menschen zu unterscheiden. Zum Beispiel als Lehrer oder Polizist. Ungefähr ein bis zwei Prozent aller Menschen leiden laut Schätzungen unter der Krankheit.

Bisher wurde angenommen, dass die Ursachen für Gesichtsblindheit beziehungsweise Prosopagnosie, für das Defizit beim Gesichtszüge erkennen, auf späteren Verarbeitungsebenen des Wahrnehmungsprozesses zu finden sind. Das sind jene Ebenen, auf denen die Gesichtsinformation langfristig in einem abstrakteren Code gespeichert wird.

Seit frühester Kindheit beeinträchtigt

Ein Forscherteam hat unlängst Kinder und Erwachsene untersucht, die seit frühester Kindheit durch Gesichtsblindheit beeinträchtigt sind und somit große Probleme haben, bekannte Gesichter zu identifizieren, ansonsten jedoch keinerlei kognitive Beeinträchtigungen aufweisen.

Dabei konnten sie nachweisen, dass bereits die frühesten gesichtsspezifischen Antworten, etwa 170 Millisekunden, nachdem man ein Gesicht gesehen hat, bei Personen mit kongenitaler Prosopagnosie verändert sind. Und man konnte auch zeigen, dass die Veränderung mit dem Defizit, Gesichter identifizieren zu können, eng verbunden ist.

Prosopagnosie trotz lebenslangem Kontakt nicht kompensierbar

Die Messungen magnetischer kortikaler Aktivität mittels MEG haben gezeigt, dass Gesichtsblindheit selbst trotz lebenslangem Kontakt zu anderen Menschen nicht kompensiert werden kann. Das spricht dafür, dass die zugrundeliegenden neuronalen Mechanismen in geschlossene Funktionseinheiten gegliedert sind, deren Aufgabe nicht durch andere Bereiche des Gehirns übernommen werden kann.

Ein wesentliches Ziel zukünftiger Projekte besteht darin, das Zusammenspiel verschiedener Mechanismen beim Gesichtszüge erkennen weiter zu charakterisieren.

Das bessere Verständnis dieser geistigen Leistung ist nicht nur in der Medizin relevant, sondern kann ebenso in weiteren Forschungsfeldern angewandt werden. Beispielsweise, um technische Systeme zur Objekterkennung wie in der Robotik „biologisch zu inspirieren“ und damit zu verbessern.


Literatur:

Cohen AL, Soussand L, Corrow SL, Martinaud O, Barton JJS, Fox MD. Looking beyond the face area: lesion network mapping of prosopagnosia. Brain. 2019;142(12):3975‐3990. doi:10.1093/brain/awz332

Anil Kumar; Michael Wroten. Agnosia. StatPearls [Internet]. Last Update: September 11, 2019.

Lueschow A, Weber JE, Carbon C-C, Deffke I, Sander T, Grüter T, Grüter M, Trahms L, Curio G. The 170ms Response to Faces as Measured by MEG (M170) Is Consistently Altered in Congenital Prosopagnosia. PLOS ONE, 2015, Sept 22, 10(9): e0137624. doi:10.1371/journal.pone.0137624.


Quelle:

Charité – Universitätsmedizin Berlin in Zusammenarbeit mit der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt Berlin und der Universität Bamberg


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