Medizin & Wissenschaft

Zeigt wählerisches Essverhalten bei Kindern psychische Probleme auf?

Lesezeit: 4 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Ab welchem Zeitpunkt ist wählerisches Essverhalten bei Kindern – picky eater – kein Fehlverhalten mehr. Wann sollte man betroffene Kinder auf psychische Probleme hin untersuchen und gegebenenfalls behandeln?

„Nein, ich esse meine Suppe nicht – nein, meine Suppe ess‘ ich nicht!“ Schon der Frankfurter Arzt und Psychiater Dr. Heinrich Hoffmann hat in seinem berühmten Werk Struwwelpeter aus dem Jahr 1845 auf wählerisches Essverhalten bei Kindern hingewiesen.

Dort hat er unter anderem das Verhalten des Suppenkaspers thematisiert, der vermutlich unter psychischen Problemen litt. Und dann bis zum Tode seine Suppe verweigerte. Im Englischen spricht man von Picky Eater.

Wählerisches Essverhalten bei Kindern ist stark verbreitet und kann mit Angst, Depression und ADHS korrelieren

Insbesondere haben die Forscher von der Duke Medizin in Durham, NC, festgestellt, dass mittelschweres und schweres wählerisches Essverhalten bei Kindern mit Problemen wie Angst, Depression und einem Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zusammenhängen können.

Essprobleme sind so weit verbreitet, dass viele Forscher und Kliniker sie als normale Entwicklung eines Kindes im Vorschulalter betrachten: 14 bis 20% der Eltern geben an, dass Kinder im Alter von 2 bis 5 Jahren selektiv Essen.

„Die Frage für viele Eltern und Ärzte ist: Wann ist Wählerisches Essverhalten bei Kindern wirklich ein Problem?“ fragt Hauptautorin Dr. Nancy Zucker, Direktorin des Duke Center für Essstörungen. „Diese Kinder sind nicht nur Kinder, die sich schlecht verhalten und beispielsweise ihr Brokkoli nicht essen.“

Es ist wichtig herauszufinden, ab welchem Schweregrad wählerisches Essverhalten bei Kindern darauf hindeutet, dass psychische Probleme vorliegen und von einem Spezialisten behandelt werden sollten.

Wählerisches Essverhalten bei Kindern ist also recht weit verbreitet und bereits frühere Untersuchungen assoziierten es mit emotionalen, sozialen und physischen Verhaltensmustern.

Infolgedessen ist es wichtig, dass sowohl Forscher als auch Kliniker herausfinden, ab welchem Schweregrad wählerisches Essverhalten bei Kindern von einem Spezialisten behandelt werden sollte.

Wann wählerisches Essverhalten bei Kindern behandelt werden sollte

Dazu analysierten die Forscher eine Gruppe von 917 Kinder, alle zwischen 24 und 71 Monaten. Eltern und Kinderbetreuer wurden über Essgewohnheiten der Kinder, über deren geistige Entwicklung und mögliche bestehende psychische und psychiatrische Symptome befragt.

Die Forscher wollten eben auch herauszufinden, wann man die Entwicklung von psychischen Problemen durch wählerisches Essverhalten – bei mittlerer oder schwerer Ausprägung – vorhersagen kann.

Kinder mit schweren selektiven Essgewohnheiten erwiesen sich als fast doppelt so häufig zu erhöhten Symptome der Angst, als Kinder, die nicht wählerisch mit dem Essen umgingen. Sowohl mittelschwere und schwere selektive Essgewohnheiten wurden mit erhöhten Symptome der Depression, soziale Angst und generalisierte Angst verbunden.

Die Forscher fanden heraus, dass Kinder mit mäßig selektiver Essgewohnheiten und einer psychiatrischen Störung spät diagnostiziert werden. Streng selektive Esser werden mehr als doppelt so häufig mit Depressionen diagnostiziert.

Konflikte zwischen Eltern und Kindern mit wählerischem Essverhalten müssen nicht unbedingt dazu führen, dass das Kind seine Essgewohnheiten verändert. Deswegen brauchen Ärzte und Familien neue Strategien, um das Problem wählerisches Essverhalten bei Kindern zu lösen.

„Weil diese Picky Eater in ihrer Gesundheit und in ihrem Wohlbefinden offensichtlich beeinträchtigt sind, müssen wir neue Möglichkeiten aufzeigen, um den Eltern zu helfen. Ärzte müssen für die klinische Praxis wissen, wann und wie zu intervenieren ist.“

Ablehnung bestimmter Lebensmittel kann zu einem eigenständigen psychischen Problem führen

Wählerisches Essverhalten bei Kindern kann aber auch zu schlechten Erfahrungen mit bestimmten Lebensmitteln führen. Dies kann zu Angstzuständen führen, wenn das Kind gezwungen wird, etwas Bestimmtes zu essen oder auch, wenn es neue Gerichte ausprobieren soll.

Einige Kinder entwickeln Verhaltensmuster, sodass der Geschmack und das Äußere von manchen Gerichten zu Abscheu vor diesen führt. Somit erzeugt das wählerisches Essverhalten in der Folge selbst psychische Verhaltensstörungen.

Während traditionelle psychotherapeutische Strategien helfen könnten, um betroffenen Kindern die Ablehnung vor manchen Nahrungsmittel zu nehmen, können solche Methoden bei gewissen Kindern aber auch nicht funktionieren – speziell wenn es zuvor bereits zu einer übermächtigen Abscheu gekommen ist.

Fazit

Zucker fordert allgemein, dass man Therapiemodelle anwenden sollte, um ein derartiges wählerisches Essverhalten bei Kindern erfolgreich zu behandeln. Mit zunehmendem Alter nimmt wählerisches Essverhalten bei Kindern jedoch bei jedem Suppenkasper ab. Spätestens wenn regelmäßig in Kindergarten oder Schulen mit anderen Kindern gespeist wird, sollten betroffene Kinder offener für andere Lebensmittel und Essgewohnheiten werden.


Literatur:

Zucker N, Copeland W, Franz L, et al. Psychological and Psychosocial Impairment in Preschoolers With Selective Eating. Pediatrics. 2015;136(3):e582–e590. doi:10.1542/peds.2014-2386

Anthony J. Mascola, Susan W. Bryson, and W. Stewart Agras. Picky eating during childhood: A longitudinal study to age 11-years. Eat Behav. 2010 Dec; 11(4): 253–257. Published online 2010 May 27. doi: 10.1016/j.eatbeh.2010.05.006


Quellen:

http://pediatrics.aappublications.org/content/early/2015/07/28/peds.2014-2386.full.pdf+html


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