Medizin & Wissenschaft

Woher kommt das Coronavirus SARS Cov-2 eigentlich wirklich?

Lesezeit: 4 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Noch liegt im Dunklen, woher das Coronavirus SARS Cov-2 eigentlich wirklich kommt, was Ursprung und Grund des plötzlichen Auftauchens sind.

Im Grunde genommen war die Menschheit bereits im Jahr 2002 mit einem ‚Severe Acute Respiratory Syndrome‘ Coronavirus konfrontiert. Das heute umbenannte SARS-1 Coronavirus war damals erstmals in der Provinz Guangdong im Süden Chinas aufgetaucht. Von dort breitete es sich damals bedrohlich aus. Vor allem woher das Coronavirus SARS Cov-2 eigentlich wirklich kommt, steht jetzt aktuell im Blickpunkt der Forschung zur Corona-Pandemie.

Fledermaus-Coronaviren

Es begann eine fieberhafte Suche nach der Herkunft des Erregers, die nach jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit auch zu schlüssigen Ergebnissen kam. Das neue Virus stammte von Fledermaus-Coronaviren ab. Und es breitete sich offensichtlich durch Infektion von Zibetkatzen und anderen Tieren aus. Dies führte dann auf Märkten in der betroffenen Region, wo die Tiere gehandelt wurden, zu Infektionen auch bei Menschen.

Voraussetzung dafür waren Mutationen in einem Hüllprotein des Virus, die die Erkennung des menschlichen Angiotensin-converting-enzymes 2, ACE2, als Rezeptor, um in die Wirtszellen eindringen zu können.

Im tierischen Reservoir sind alle erforderlichen Bausteine für humanpathogene Coronaviren vorhanden!

Die weitere Erforschung des natürlichen Fledermausvirus-Reservoirs fand insbesondere in einer aufgelassenen Mine in Yunnan im Westen Chinas statt. Dort hatten Wissenschaftler des Wuhan Institute of Virology interessante Isolate zutage brachten. So konnten manche Fledermausviren – auch ohne Adaptierung über einen Zwischenwirt – bereits den humanen ACE2-Rezeptor verwenden und menschliche Zellen infizieren.

Jedenfalls können Coronaviren ihre genetische Information bei Doppelinfektionen desselben Tiers vermischen. Und tatsächlich waren viele der neu gefundenen Viren mosaikartig aufgebaut.

Man wusste daher, dass im tierischen Reservoir alle erforderlichen Bausteine für humanpathogene Coronaviren vorhanden sind, die immer wieder neu kombiniert werden können und daher eine ständige Bedrohung für den Menschen darstellen.

Dementsprechend deutlich waren auch die Warnungen der Wissenschaftler zur Etablierung geeigneter Maßnahmen, damit Ähnliches wie bei SARS-1 nicht noch einmal passiert. Und zwar basierten diese Warnungen auf dem gewonnenen Wissen über Herkunft, Quelle der Übertragung und Eigenschaften des Coronavirus.

Trotzdem ist es wieder passiert, mit wesentlich weitreichenderen Folgen. Denn das neue Coronavirus SARS-Cov-2 konnte die Menschheit im Gegensatz zu SARS-Cov-1 nicht wieder durch Seuchen-hygienische Maßnahmen zum Verschwinden bringen. Stattdessen kam es zu einer Pandemie (COVID-19, coronavirus disease 2019).

Ursprung, woher das Coronavirus SARS Cov-2 eigentlich wirklich kommt, und der Grund liegen im Dunklen

Der Hauptgrund für das nun existierende Problem ist bekannt. Es ist die Kombination von schweren Verlaufsformen mit vielen asymptomatischen oder mild verlaufenden Infektionen. Diese erschwert die Identifizierung von Überträgern extrem. So konnte sich das Coronavirus SARS-Cov-2 explosiv weltweit ausbreiten konnte.

Die gesamte genetische Information des SARS-2 Virus und seine molekulare Struktur konnte die Forschung zwar innerhalb kürzester Zeit aufklären. Das ist Voraussetzung für eine noch nie erlebte Rasanz der Test- und Impfstoffentwicklung. Aber der Ursprung und der Grund des plötzlichen Auftauchens des Coronavirus SARS-Cov-2 liegen noch weitgehend im Dunklen.

Verschiedene Szenarien werden diskutiert

Das am nächsten mit SARS-2 verwandte Virus stammt aus der Kollektion von Fledermausviren aus der Höhle in Yunnan. Es wurde im Zuge der Suche nach dem SARS-1 Vorläufer 2013 isoliert und als RaTG13 bezeichnet.

In Bezug auf seine genetische Information ist es zu 96% mit dem SARS-2 Virus identisch. Es kann aber nicht das humane ACE2 als Rezeptor verwenden.

Obwohl die Mutationsrate von Coronaviren sehr hoch ist, würde es 20 bis 50 Jahre dauern, bis aus RaTG13 das neue SARS-2-Virus entstehen könnte, sodass es als direkter Vorläufer ausscheidet.

Entsprechende Kandidaten aus der jüngeren Vergangenheit werden zwar fieberhaft gesucht. Man konnte sie bisher aber noch nicht identifizieren.

Pangoline, Katzen wie Zibetkatzen, Nerze oder andere Tiere als Zwischenwirte

Allerdings hat man in Pangolinen, den vom Aussterben bedrohten Schuppentieren, die in Malaysia und China vorkommen und als Spezialität sowie für Zwecke der traditionellen chinesischen Medizin illegal gehandelt werden, ein Virus gefunden, das insgesamt zwar weniger nahe mit dem SARS-2 Virus verwandt ist als RaTG13, aber dafür eine Rezeptor-Bindungsstelle enthält, die das humane ACE2 erkennt und menschliche Zellen infizieren kann.

Ein mögliches Szenario für den Ursprung des SARS-2 Virus würde daher ähnlich wie bei SARS-1 aussehen, nämlich ein Fledermausvirus als Vorläufer, der sich in einem Zwischenwirt ‚humanisiert‘ hat und von diesem auf den Menschen übergesprungen ist.

Dafür kommen nicht nur Pangoline in Frage, sondern eventuell auch Katzen (Zibetkatzen), Nerze oder andere Tiere. Auch in diesen Tieren kann sich das neue Coronavirus nicht nur vermehren, sondern die Tiere können es auch weitergeben.

Direkt von der Fledermaus auf den Menschen

Alternativ dazu könnte das Vorläufervirus auch schon vor vielen Jahren direkt von einem Fledermausvirus auf den Menschen übergesprungen sein. Und dann hat es zunächst unauffällige Infektionen verursacht, möglicherweise in einer relativ entlegenen Region Chinas.

Weitere genetische Veränderungen, wie sie das jetzige Pandemievirus auszeichnen, könnten dann zu jenen biologischen Eigenschaften geführt haben, die eine massive Ausbreitung in dicht besiedelten Gebieten und bei engem Kontakt ermöglichten.

Für eine bereits vor den ersten dokumentierten Fällen in Wuhan stattgefundene Adaptierung an den Menschen spricht die Beobachtung, dass sich das Virus in der gegenwärtigen Pandemie nur relativ wenig verändert. Schließlich ist das für Viren mit hoher Mutationsrate beim Überspringen von Speziesbarrieren unüblich.

Kein gentechnisch gezüchtetes Labor-Virus

Aus wissenschaftlicher Sicht kann ausgeschlossen werden, dass das SARS-2 Virus mit gentechnischen Methoden in einem Labor konstruiert worden wäre. Das sind unbegründete Verschwörungstheorien.

Nicht völlig unmöglich ist jedoch, dass es im Zuge von Arbeiten mit Fledermaus Coronaviren oder anderen virushältigen Proben zu einer Laborinfektion gekommen ist. Und dass dann das Virus mit einem infizierten Wissenschaftler seinen Weg aus dem Labor gefunden hat. Und zwar, auch wenn dieses Labor allen modernsten technischen Anforderungen und biologischen Sicherheitsvorkehrungen entsprach.

Selbst wenn diese Möglichkeit theoretisch besteht, erscheint eine ‚natürliche‘ Entstehungsgeschichte derzeit wesentlich wahrscheinlicher.

Möglichkeiten der Entstehung aufarbeiten

Jedenfalls sollte man eine akribische Aufarbeitung aller Möglichkeiten der Entstehung des neuen Coronavirus vornehmen. Doch das kann nur bei völliger Transparenz und Kooperation aller Beteiligten erfolgen.

Mit diesem Ziel hat die Weltgesundheitsorganisation zwei (namentlich nicht genannte) Personen nach China entsandt, die den Boden für eine entsprechend umfassende Untersuchung des Ursprungs der COVID-19 Pandemie bereiten sollen. Hoffentlich kommt das zustande.

Jedenfalls ist zu wünschen, dass wir jene Erkenntnisse, die im Prinzip bereits nach SARS-1 vorlagen, in der Zukunft besser nutzen. Damit man möglichst verhindern kann, dass ein Katastrophenvirus wie SARS-2 erneut auftritt.


logo-virusepidemiologische-informationen

Quelle:

VIRUSEPIDEMIOLOGISCHE INFORMATION” NR. 16 / 20-6.

Univ. Prof. Franz X. Heinz

Department für Virologie der Med. Universität Wien


Bildquellen & Copyright

AdobeStock 320594475


Ganzen Artikel lesen
Diese Seite benutzt Cookies. Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie dem Einsatz von Cookies zu. Weitere Informationen Ablehnen Akzeptieren