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Leitsymptom Kurzatmigkeit: Covid-19 versus anderer Infektionen mit ähnlichen Symptomen

Lesezeit: 4 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Harvard-Forscher versuchen COVID-19 und andere Infektionen mit ähnlichen Symptomen zu differenzieren, Fokus steht dabei Kurzatmigkeit, Atemnot.

Unter dem Strich ist es nach wie vor schwierig, COVID-19 und anderen Infektionen mit ähnlichen Symptomen frühzeitig zu differenzieren. Es gibt dafür auch noch keine zuverlässigen diagnostischen Tests. Forscher der Harvard Medical School haben nun Daten von Patientenbesuchen in einer ambulanten COVID-19-Klinik zu Beginn der COVID-19-Pandemie im März analysiert.

Über 1.000 Daten von Patienten Atemwegserkrankungen analysiert

Bislang gab es vor allem Berichte zu Covid-19-Patienten mit ernsthaften Symptomen, die eine intensive Therapie benötigten, sowie Erkrankten mit milden Symptomen. Meistens hat man dabei aber eine andere große und wichtige Gruppe von Patienten übersehen. Un zwar solche mit Symptomen, die eine ambulante Behandlung suchten, aber nicht ernst genug erkrankt waren, um im Krankenhaus behandelt zu werden.

Die neue Analyse der Harvard-Wissenschaftler gemeinsam mit Wissenschaftlern der Cambridge Health Alliance basiert auf Daten von mehr als 1.000 Patienten, die seit der offiziell ausgerufenen COVID-19-Pandemie wegen Atemwegserkrankungen die ambulante COVID-19-Klinik im Großraum Boston besucht hatten.

Die Ergebnisse bieten eine Zusammenstellung von Beschwerden, mit denen Ärzte zwischen Patienten mit COVID-19-Infektionen und Patienten mit anderen Erkrankungen und COVID-19-ähnlichen-Symptome unterscheiden können.

Entscheidende Bedeutung für eine frühzeitige Triage

Im Grunde genommen gibt bestimmte Hinweise, Beschwerden beziehungsweise Symptome, die für eine schnelle Entscheidungsfindung und eine frühzeitige Triage von entscheidender Bedeutung sind. Auch wenn mittlerweile immer mehr Tests verfügbar sind, wobei die meistens eine Bearbeitungszeit von ein bis drei Tagen haben. Zudem sind schnelle Antikörper-Tests, die jetzt auf dem Markt sind, nicht ganz zuverlässig und können falsch negative Messwerte bringen.

„Bei Patienten, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind, können in den ersten Tagen der Infektion Symptome auftreten, die von einer Vielzahl anderer akuter viraler und bakterieller Infektionen nicht zu unterscheiden sind“, sagt Studienleiter Pieter Cohen, Associate Professor für Medizin an der Harvard Medical School und Arzt an der Cambridge Health Alliance.

„Selbst wenn diagnostische Tests in einer Ambulanz oder Ordination verfügbar sind, besteht angesichts des Potenzials falsch negativer Ergebnisse ein gewisses Risiko. Deswegen ist das Verständnis der Pathogenese von COVID-19 und der klinischen Fähigkeiten des Arztes für eine ordnungsgemäße Therapie unabdingbar.“

Typisches klinisches Bild bei COVID-19

Ein differenziertes Verständnis der typischen Beschwerden bei COVID-19 kann im ambulanten Bereich den Ärzten auch dabei helfen, festzustellen, wie oft sie sich bei Patienten, die wieder nach Hause gehen, melden müssen. Zum Beispiel brauchen Patienten, die bereits an Kurzatmigkeit leiden, eine sehr genaue Überwachung. Denn wenn sich der Patient weiter verschlechtert, muss er möglichst rasch ins Krankenhaus.

Typische COVID-19-Symptome sind leichtes Fieber, Husten und Müdigkeit, seltener Magen-Darm-Probleme. Die Kurzatmigkeit tritt normalerweise erst einige Tage später auf. Sie wird bei Anstrengung stärker und kann zu einer starken Abnahme des Blutsauerstoffgehalts führen.

Die wichtigsten Ergebnisse des Teams: Kurzatmigkeit als Kardinalsymptom, Leitsymptom

Fieber ist kein verlässlicher Indikator. Wenn vorhanden, kann es sich nur bei leichten Temperaturerhöhungen manifestieren.

COVID-19 kann mit unterschiedlichen Beschwerden wie Husten ohne Fieber, Halsschmerzen, Durchfall, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Rückenschmerzen und Müdigkeit beginnen.

Es kann auch sein, dass nur der ganze Körper schmerzt und gleichzeitig Erschöpfung auftritt.

Ein verlässlicher früher Hinweis ist der Verlust des Geschmack- und Geruchssinns in den ersten Tagen nach Ausbruch der Krankheit.

Die Kurzatmigkeit, Atemnot, bei schwerem COVID-19 ist ein entscheidender Unterschied zu anderen häufigen Krankheiten. Fast kein Covid-19-Patient entwickelt allerdings am ersten oder zweiten Tag nach Ausbruch der Krankheit eine Kurzatmigkeit, dem Kardinalsymptom der Krankheit.

Eine Kurzatmigkeit kann vier oder mehr Tage nach Auftreten anderer Symptome auftreten. Die ersten Tage nach Beginn der Atemnot sind eine kritische Phase, in der die Patienten durch telemedizinische Betreuung oder persönliche Untersuchungen engmaschig und häufig überwacht werden müssen.

Die kritischste zu überwachende Variable ist somit, wie sich die Kurzatmigkeit im Laufe der Zeit ändert. Die Sauerstoffsättigung kann ebenfalls ein wertvoller Hinweis sein. Der Blutsauerstoffgehalt kann bei Anstrengung selbst bei zuvor gesunden Menschen stark abfallen.

Eine kleine Anzahl von Menschen entwickelt möglicherweise nie Kurzatmigkeit, kann jedoch andere Symptome aufweisen, die auf einen niedrigen Sauerstoffgehalt hinweisen können. Einschließlich Schwindel oder Sturz.

Angstbedingter Atemnot versus COVID-19-bedingter Kurzatmigkeit

Auch Angst und Panik bei besorgten Patienten mit viralen Symptomen können ebenfalls zu Atemnot führen. Deswegen ist die Unterscheidung zwischen angstbedingter Atemnot und COVID-19-bedingter Atemnot entscheidend. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die beiden voneinander zu unterscheiden.

Wichtige Unterscheidungsmerkmale sind:

Zeitpunkt des Einsetzens der Atemnot. Angstbedingte Kurzatmigkeit tritt schnell auf, scheinbar aus heiterem Himmel, während sich die COVID-19-Kurzatmigkeit über einige Tage allmählich entwickelt.

Wie Patienten Kurzatmigkeit und Atemnot wahrnehmen. Patienten, deren Kurzatmigkeit durch Angstzustände verursacht wird, haben häufig das Gefühl, dass die Kurzatmigkeit während der Ruhephase oder beim Einschlafen auftritt sowie bei täglichen Aktivitäten nicht stärker wird. Sie beschreiben zudem das Gefühl der Unfähigkeit, genug Luft in ihre Lunge zu bekommen.

Im Gegensatz dazu verschlechtert sich bei COVID-19-Patienten die Atemnot bei körperlicher Anstrengung. Einschließlich einfacher täglicher Aktivitäten wie Gehen, Treppensteigen oder Putzen.
Angstbedingte Atemnot führt außerdem nicht zu einem Abfall des Blutsauerstoffgehalts.

Grippe, Pneumocystis-Pneumonie und Covid-19

Pneumocystis-Pneumonie. Verschiedene Arten von Lungenentzündungen, Pneumonien, können eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit COVID-19 haben. Die Pneumocystis-Pneumonie ausgelöst durch den Erreger Pneumocystis jirovecii ist so eine Form der Pneumonie, bei der die Symptome jenen von COVID-19 sehr ähnlich sind. Sowohl bei COVID-19-Patienten als auch bei Patienten mit Pneumocystis-Pneumonie kommt es bei Anstrengung und Atemnot zu einem starken Abfall des Sauerstoffgehalts. Bei einer Pneumocystis-Pneumonie entwickelt sich die Atemnot jedoch typischerweise über Wochen. Und nicht innerhalb von Tagen, wie dies bei COVID-19 der Fall ist. Hier ist eine sorgfältige Anamnese, in der die Entwicklung der Symptome detailliert beschrieben wird, von entscheidender Bedeutung, so die Harvard-Autoren.

Grippe. Ebenso können während der ersten Tage der Infektion sowohl die Grippe als auch COVID-19 identische Erscheinungsformen aufweisen. Wobei Menschen mit unkomplizierter Grippe selten eine signifikante Atemnot entwickeln. Wenn sie Atembeschwerden haben, ist die Kurzatmigkeit mild und bleibt stabil. In den seltenen Fällen, in denen die Grippe eine virale Lungenentzündung verursacht, verschlechtern sich die Patienten innerhalb der ersten zwei bis drei Tage rasch. Im Gegensatz dazu entwickeln Patienten mit COVID-19 erst einige Tage nach ihren ersten Beschwerden die Kurzatmigkeit.


Literatur:

Cohen PA, Hall L, Johns JN, Rapoport AB. The Early Natural History of SARS-CoV-2 Infection: Clinical Observations From an Urban, Ambulatory COVID-19 Clinic. Mayo Clinic Proceedings (2020). doi: https://doi.org/10.1016/j.mayocp.2020.04.010.


Quelle: Harvard Medical School


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