Medizin & Wissenschaft

Welchen Einfluss Pollen auf Menschen mit Neurodermitis haben

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Pollen beeinträchtigen bei Kindern und Erwachsenen mit Neurodermitis das Hautbild, bei starker Pollen-Belastung verschlechtern sich die Symptome oft deutlich.

Neurodermitis, atopische Dermatitis, ist eine quälend juckende Hauterkrankung, deren Häufigkeit in den letzten Jahrzehnten deutlich zugenommen hat und auch weiterhin zunimmt. Ihre Behandlung ist nach wie vor besonders schwierig, auch weil die Faktoren, die die Krankheit auslösen individuell sehr unterschiedlich sind. Verschiedene komplizierende Faktoren können beispielsweise Reizstoffe, Aeroallergene, Lebensmittel, mikrobielle Organismen, Kontaktallergene, Schweiß und Kratzer sein. Diese äußeren Einflüsse können die Entwicklung von Neurodermitis-Symptomen fördern. Weiter können Reizstoffe wie Seife und Shampoos sowie bestimmte Kleidungsstücke Juckreiz und Ekzeme verursachen. Darüber hinaus neigen beispielsweise kleine Kinder mit Neurodermitis dazu, für Eier, Milch oder Erdnüsse sensibilisiert zu werden, während ältere Kinder und Erwachsene häufiger für Umweltallergene wie Hausstaubmilben, Tierhaare oder Pollen sensibilisiert werden.

Pollen verschlechtern Neurodermitis-Symptome

Im Grunde genommen machen Pollen einen kleinen Teil der in der Luft vorhandenen lebensfähigen biologischen Partikel aus. Sie sind wichtige Aeroallergene in der Außenumgebung. Pollen aus der Luft können jedenfalls Neurodermitis-Symptome wie Juckreiz und Ekzeme verschlimmern. In einer Studie traten beispielsweise ausgeprägte Neurodermitis-Schübe eher an exponierten als an bedeckten Hautstellen auf.

Dabei lösten epikutane Pflastertests mit einem Pollen-Allergenextrakt bei Patienten mit Neurodermitis ekzematöse Läsionen aus. Somit gehören zu den vorbeugenden Maßnahmen, die die Patienten gegen Pollen einsetzen können, das Abbürsten von Pollen, das Waschen des Gesichts bei der Ankunft zu Hause, das Tragen von Brillen und Masken sowie die Verwendung einer Klimaanlage mit Pollenfiltern.

Unter dem Strich bestehen verschiedene erschwerende Faktoren, einschließlich allergischer und nicht allergischer Faktoren, die den Verlauf der Neurodermitis beeinflussen können. Um die jeweiligen Faktoren zu identifizieren, die für einzelne Patienten spezifisch sind, ist es wichtig zu prüfen, ob der Umweltveränderungen, Nahrungsmittel oder durch die Vermeidung des Kontakts mit vermuteten verursachenden Substanzen den Grad der ekzematösen Läsionen beeinflusst.

Darüber hinaus müssen wir Behandlungsstrategien festlegen, die den Lebensstil der Patienten berücksichtigen. Zudem ist es für Neurodermitis-Patienten nicht erforderlich, das Schwitzen zu vermeiden, da dies für die Homöostase der Haut wichtig ist.

Wenn Kinder und Erwachsene mit Neurodermitis jedoch überschüssigen Schweiß auf der Haut hinterlassen, kann dies zu Hautsymptomen führen. Daher sollte der Schweiß abgewaschen oder abgewischt werden. Darüber hinaus führt das Kratzen zu weiteren Hautschäden, was zu einer Verschlimmerung von ekzematösen Läsionen führt.

Es ist wichtig, klinische Faktoren zu berücksichtigen, die das Kratzverhalten beeinflussen können. Das sind beispielsweise Entzündungen, Stress sowie gewohnheitsmäßiges Kratzen.

Zusammenhang Pollen und Neurodermitis im Pollenprovokationsraum bestätigt

Was also seit mehr als 100 Jahren unter Wissenschaftlern diskutiert wurde, konnten deutsche Forschungen in den letzten Jahren wissenschaftlich beweisen. Unter dem Strich nimmt der Gräserpollenflug einen Einfluss auf Neurodermitis, denn sowohl betroffene Kinder als auch Erwachsene zeigen durch die Belastung durch Pollen ein deutlich verschlechtertes Krankheitsbild. Das konnten auch Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM und der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) unlängst bestätigen. Die Studienteilnehmer mit Neurodermitis reagierten dabei auf Pollen mit deutlich sichtbaren Schüben der Neurodermitis.

Und zwar brachte man in der Studie die Probanden in den  Fraunhofer-Pollen-Provokationsraum. In dieser »Wiese im Labor« des Fraunhofer ITEM fliegen Gräserpollen wie auf einer natürlichen Sommerwiese. Und dabei zeigte sich, dass die Belastung der Luft mit Pollen das Hautbild der Neurodermitis-Patienten innerhalb von Stunden signifikant verschlechtert. Die Forscher zeigten, dass im Blut dieser Patienten bestimmte Marker für allergische Entzündungen anstiegen. Fraglich ist, ob die Pollen-Provokation für die Entwicklung von neuartigen Wirkstoffen für Immuntherapien von Neurodermitis-Patienten infrage kommt.

Verwendung von DNAzyme

Die derzeit verfügbaren Therapien zur Behandlung der Neurodermitis zielen darauf ab, die Entzündungsreaktion mit breit wirksamen Medikamenten wie Kortikosteroiden zu unterdrücken. Ein gänzlich neuer Weg könnte mit einer neuartigen Behandlungsform beschritten werden, nämlich mit der Verwendung von DNAzymen bei Neurodermitis. Hierzu forschten die Wissenschaftler früher schon an synthetischen DNA-Molekülen mit Enzymaktivität, wobei die Sicherheit und Wirksamkeit von DNAzym-Wirkstoffen zur Behandlung des allergischen Asthmas schon früher geprüft wurden.

Der Wirkstoff mit der Bezeichnung »SB010« basiert auf der Hemmung des Transkriptionsfaktors GATA-3, der für Entzündungsreaktionen und damit einhergehende Symptome verantwortlich ist. So führte beispielsweise eine 28-tägige Behandlung mit »SB010« im Vergleich zu Placebo nach spezifischer Allergenprovokation zu einer signifikanten Verbesserung der Lungenfunktion. »SB010« erwies sich außerdem als sicher und gut verträglich.


Literatur:

Tamagawa-Mineoka R, Katoh N. Atopic Dermatitis: Identification and Management of Complicating Factors. Int J Mol Sci. 2020;21(8):2671. Published 2020 Apr 11. doi:10.3390/ijms21082671. PMCID: PMC7215488

Werfel T, Heratizadeh A, Niebuhr M, et al. Exacerbation of atopic dermatitis on grass pollen exposure in an environmental challenge chamber. J Allergy Clin Immunol. 2015;136(1):96-103.e9. doi:10.1016/j.jaci.2015.04.015

Krug N, Hohlfeld JM, Kirsten AM, et al. Allergen-induced asthmatic responses modified by a GATA3-specific DNAzyme. N Engl J Med. 2015;372(21):1987-1995. doi:10.1056/NEJMoa1411776


Quellen:  Fraunhofer-Instituts für Toxikologie und Experimentelle Medizin ITEM


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