Medizin & Wissenschaft

Macht Facebook psychisch krank? Ja und Nein, sagen rezente Untersuchungen

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Befürchtungen, dass Surfen auf Facebook psychisch krank macht, haben sich eigentlich nicht bewahrheitet, allerdings besteht ein gewisses Sucht-Risiko.

Immer wieder werden Studie veröffentlicht, deren Ergebnisse darauf hindeuten, dass eine zu intensive Nutzung von Facebook und anderen Social Media Angeboten psychisch krank macht und schlecht für unsere Gesundheit ist. Eine dazu passendes Thema ist auch, ob soziale Medien allgemein Depressionen verursachen. Aber die Ergebnisse sind widersprüchlich, es hängt immer davon ab, wie man Social Media nutzt. Faktum ist jedenfalls, dass viele Menschen durchaus ein größeres Sucht-Risiko durch Facebook und andere Social-Media-Plattformen entwickeln. Grund dafür sind aber meistens Glücksgefühle, die durch die Kommunikation und durch positive Postings entstehen.

Facebook macht nicht psychisch krank, sondern positive Statusmitteilungen sind gut für die Stimmung

Forscherinnen am Leibniz-Institut für Wissensmedien in Tübingen haben unlängst herausgefunden, dass positive Posts auf Facebook eher glücklich als neidisch machen. In zwei Studien hatten sie untersucht, welche Emotionen die meist positiven Statusmitteilungen auf Facebook auslösen, und ob das Surfen auf Facebook ab einer gewissen Intensität psychisch krank macht.

Statusmitteilungen auf Facebook sind überwiegend positiv: Urlaubsfotos, gesellige Aktivitäten mit Freunden oder Erfolge. In den Medien tauchen daher immer wieder alarmierende Berichte auf, die ständige Konfrontation mit dem scheinbar perfekten Leben anderer auf Facebook würde Neid und Missgunst auslösen. Ruoyun Lin, Doktorandin am Leibniz-Institut für Wissensmedien Tübingen, und Prof. Dr. Sonja Utz geben Entwarnung.

In einer Onlinestudie baten die Forscherinnen Facebook-Nutzer, die vier neuesten Statusmitteilungen in ihrer Timeline zu beurteilen: wie positiv ist der Inhalt, wie nahe stehen sie der Person, die die Mitteilung geschrieben hat, welche Emotionen hat das Post ausgelöst? Dabei zeigte sich, dass Freude deutlich häufiger vorkommt als Neid oder Eifersucht. Je positiver der Inhalt, desto stärker die Freude bzw. der Neid. Zusätzlich spielt die Beziehungsstärke eine Rolle: „Kam der Beitrag von einem nahestehenden Freund und nicht von einem losen Bekannten, empfanden die Befragten ein höheres Maß an Freude bzw. an gutartigem, motivierendem Neid“, sagt Ruoyun Lin.

Personen mit niedrigem Selbstwert reagieren eher neidisch

Neid ist jedoch unabhängig von der Beziehungsstärke. Personen mit niedrigem Selbstwert reagieren eher neidisch, egal wie eng die Beziehung der Facebook-Freunde ist. Diese Studie zeigt, welche Emotionen Facebook-Nutzende beim Lesen empfinden. Allerdings könnten die Ergebnisse zur Beziehungsstärke auch durch andere Faktoren beeinflusst werden; möglicherweise posten enge Freunde andere Inhalte als Bekannte (oder der Facebook-Algorithmus wählt andere Inhalte aus).

Daher wurde in einer zweiten experimentellen Studie allen Teilnehmenden dasselbe Urlaubsfoto gezeigt. Je nach Bedingung sollten sie sich vorstellen, dass dieses Bild von einem engen Freund, einem Bekannten oder einem sehr entfernten Bekannten kommt. In dieser Studie wurde zusätzlich zwischen gutartigem und bösartigem Neid unterschieden. Wieder war dasselbe Muster festzustellen: Freude war die dominante Motivation. Wenn Personen Neid empfanden, dann gutartigen. Diese Emotionen waren wieder umso stärker, je enger die Beziehung zum Sender war. Bösartiger Neid dagegen war nur vom Persönlichkeitsmerkmal Neid abhängig.

Facebook löst mehr Freude als Neid aus

Facebook löst also keineswegs so viel Neid aus, wie oft befürchtet wird. Im Gegenteil, die meisten Nutzer freuen sich mit ihren Freunden. Bösartiger Neid tritt allenfalls bei Personen mit niedrigem Selbstwert oder chronischem Neid auf. Diese Personengruppe reagiert aber immer neidisch – egal, ob die Mitteilung von einer guten Freundin oder einem entfernten Bekannten kommt, ob auf Facebook oder offline.

Die Studie ist Teil des ERC-Starting Grant Projekts ReDefTie (Redefining tie strength – how social media (can) help us to get non-redundant useful information and emotional support). Die Forschenden untersuchen die Effekte und Wirkung der Social media-Nutzung. Die Ergebnisse können helfen, die Gestaltung von Social media-Plattformen zu optimieren, um damit das Wohlbefinden der Nutzer zu erhöhen.

Wenn Facebook zur Sucht wird

Eine andere Studie untersuchte unlängst an 520 Studienteilnehmern, wie sehr Facebook bei Surfern in Deutschland zur Sucht werden kann. Die Entsteheung einer Sucht nach Facebook hing dabei mit der Häufigkeit der Facebook-Nutzung zusammen. Wichtige weitere Risikofaktoren waren auch Narzissmus sowie Depressions- und Angstsymptome.

Im Blickpunkt stand aber auch das Empfinden subjektiven Glücks, dass zur Entstehung einer Sucht nach Facebook beitragen könnte. Das passt sehr gut zu den eingangs beschriebenen Glücksgefühlen durch positive Statusmitteilungen auf Facebook.

Die rezenten Ergebnisse gaben einen ersten Überblick über Sucht auf Facebook in Deutschland. Es zeigte sich, dass Sucht nicht nur Folge einer übermäßigen Nutzung von Facebook ist. Die positive Beziehung zwischen Facebook-Sucht auf Glücksemotionen hatten enorme Bedeutung.


Literatur:

Ruoyun Lin, Sonja Utz. The emotional responses of browsing Facebook: Happiness, envy, and the role of tie strength. Computers in Human Behavior. Volume 52, November 2015, Pages 29-38. https://doi.org/10.1016/j.chb.2015.04.064

Brailovskaia J, Schillack H, Margraf J. Facebook Addiction Disorder in Germany. Cyberpsychol Behav Soc Netw. 2018;21(7):450‐456. doi:10.1089/cyber.2018.0140


Quelle:

Redefining tie strength – how social media (can) help us to get non-redundant useful information and emotional support. https://cordis.europa.eu/project/id/312420/de


Bildquellen & Copyright

AdobeStock 256836011


Ganzen Artikel lesen
Diese Seite benutzt Cookies. Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie dem Einsatz von Cookies zu. Weitere Informationen Ablehnen Akzeptieren