Medizin & Wissenschaft

Doppeltes Glück, doppelte Risiken? Häufigkeit von Zwillings-Schwangerschaften nimmt zu.

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Die Häufigkeit von Zwillingsschwangerschaften nimmt zu, damit auch die Risiken für Frühgeburten und Fehlbildungen, weshalb eine engmaschige Betreuung notwendig ist.

In den vergangenen Jahren hat die Häufigkeit von Zwillingsschwangerschaften stark zugenommen. Etwa eine von 54 werdenden Müttern bekommt heutzutage zwei Kinder auf einmal. Wobei eine Zwillingsschwangerschaft ist immer mit besonderen Risiken verbunden. Denn Frühgeburten und Fehlbildungen kommen dabei deutlich häufiger vor als bei Einlingsschwangerschaften. Eine engmaschige Begleitung durch ultraschallerfahrene Ärztinnen und Ärzte sei bei einer Zwillingsschwangerschaft essenziell. Und zwar ganz besonders bei einer monochorialen Zwillingsschwangerschaft, bei der die Kinder eine Plazenta teilen. Dazu haben nun die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e. V. (DEGUM) gemeinsam die erste deutschsprachige AWMF-Leitlinie zur Überwachung und Betreuung von Zwillingsschwangerschaften herausgegeben.

Künstlichen Befruchtungen und höheres Durchschnittsalter der werdenden Mütter für die zunehmende Häufigkeit von Zwillingsschwangerschaften verantwortlich

War im Jahr 1977 nur jedes 56. Neugeborene ein Mehrling, so sind es heute nach Angaben des Statistischen Bundesamtes doppelt so viele. „Grund dafür ist zum einen die Zunahme von künstlichen Befruchtungen, zum anderen aber auch das höhere Durchschnittsalter der werdenden Mütter“, erklärt Privatdozent Dr. med. Kai-Sven Heling, Pränataldiagnostiker und Vizepräsident der DEGUM. Denn Frauen haben mit zunehmendem Alter häufiger zwei Eisprünge pro Zyklus.

Die gemeinsame deutschsprachige AWMF-Leitlinie der DGGG und der DEGUM zur Überwachung und Betreuung von Zwillingsschwangerschaften versucht hierzu einheitliche deutschsprachige Empfehlungen zum Management von Zwillingsschwangerschaften zu geben.

Regelmäßige Ultraschall-Untersuchungen

„Es ist von entscheidender Bedeutung, dass jene Zwillingsschwangerschaften, welche erhöhten Risiken für Komplikationen unterliegen, frühzeitig identifiziert und kontinuierlich per Ultraschall betreut werden“, erklärt Professor Dr. med. Constantin von Kaisenberg, Bereichsleiter Geburtshilfe und Pränatalmedizin des Perinatalzentrums der Medizinischen Hochschule Hannover und Leitlinienbeauftragter der DEGUM.

„Durch regelmäßige Ultraschall-Untersuchungen lassen sich durch die frühzeitige Erkennung von Komplikationen und ein daraus ableitbares Management die Mortalität und Morbidität der betroffenen Zwillinge deutlich senken“, ergänzt Professor Dr. med. Kurt Hecher vom UKE Hamburg und Leiter der Arbeitsgemeinschaft für Geburtshilfe und Pränatalmedizin in der DGGG.

Fehlbildungen und Frühgeburt sind Haupt-Risiken bei Zwillingsschwangerschaften

Im Vergleich zu Einlingsschwangerschaften kommt es bei Zwillingen häufiger zu komplizierten Verläufen. Zu den Hauptrisiken zählen Fehlbildungen und eine Frühgeburt. Die Schwangeren haben zudem schon allein aufgrund der stärkeren körperlichen Belastung durch zwei Kinder im Bauch ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes, Blutarmut und eine Schwangerschaftsvergiftung (Präeklampsie). Gefährdet sind aber vor allem die Feten selbst. Entscheidend dabei ist vor allem, ob sich die Ungeborenen eine Plazenta und/oder eine Fruchthöhle teilen müssen.

Zwillingsschwangerschaften, bei denen jeder Fetus eine eigene Plazenta und eine eigene Fruchthöhle hat, bergen in der Regel wenige Risiken. „Bei diesen Schwangerschaften geht es vor allem darum, dass die Feten wenig Platz haben und zusammen ein deutlich höheres Gewicht aufbringen als ein Einling“, erklärt von Kaisenberg. Der Druck auf den Muttermund steige enorm, eine Frühgeburt drohe. Zwillinge werden deshalb auch spätestens in der Schwangerschaftswoche 38 geboren.

Monochoriale Zwillingsschwangerschaft: Besondere Risiken, wenn sich beide Kinder eine Plazenta teilen

Bei jeder fünften Zwillingsschwangerschaft teilen sich die Ungeborenen hingegen eine Plazenta. Eine solche monochoriale Zwillingsschwangerschaft lässt sich bis Schwangerschaftswoche 14 mithilfe der Ultraschalldiagnostik feststellen. Diese Kinder sind in besonderer Weise gefährdet. So kann es sein, dass eine Gefäßverbindung zwischen den Zwillingen besteht, es droht die Gefahr des sogenannten fetofetalen Transfusionssyndroms (TTTS). Dabei kommt es zum einseitigen Blutaustausch zwischen den Ungeborenen: Das eine gibt Blut ab, das andere nimmt es auf.

„Bei monochorialen Zwillingen muss ganz engmaschig betreut werden, um zu sehen, ob eines der Kinder unterversorgt ist und das andere zu viel abbekommt. Es könnten einer oder auch beide sterben“, sagt von Kaisenberg. Er rät Schwangeren, sich in dieser Situation einen Arzt oder eine Ärztin mit hoher Ultraschallkompetenz zu suchen. Wer beispielsweise eine DEGUM-Zertifizierung der Stufe zwei und/oder drei besitzt, ist ausreichend qualifiziert, um Risiken zu erkennen und frühzeitige Therapiemaßnahmen einzuleiten.

„Trotz aller Risiken kommen die meisten Zwillinge heutzutage gesund und munter auf die Welt“, erklärt Heling. „Die neue Leitlinie leistet einen Beitrag zu einer verbesserten Versorgung – sowohl der Mütter als auch der Feten bei Zwillingsschwangerschaften.“


Literatur:

Beemsterboer SN, Homburg R, Gorter NA, Schats R, Hompes PG, Lambalk CB. The paradox of declining fertility but increasing twinning rates with advancing maternal age. Hum Reprod. 2006 Jun;21(6):1531-2. doi: 10.1093/humrep/del009. Epub 2006 Feb 23. PMID: 16497698.


Quelle:

https://www.degum.de/


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