Medizin & Wissenschaft

Schmerzprävention und optimales Management von Rückenschmerzen

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Ein Fokus der Österreichischen Schmerzwochen liegt heuer auf dem Thema Schmerzprävention und optimales Management von Rückenschmerzen.

Unter dem Strich gibt es vielfältige Möglichkeiten der Schmerzprävention. Zudem bestehen zahlreiche neue Erkenntnisse der schmerzmedizinischen Forschung sowie eine breite Palette etablierter Therapien. Wobei vor allem chronische Schmerzen, chronische Rückenschmerzen, eine große Belastung für die Betroffenen darstellen. Sie verursachen auch enorme Kosten. Daten aus Deutschland zeigen, dass chronische Schmerzen Kosten im Ausmaß von 2,2 Prozent des BIP verursachen, das enthält direkte Gesundheitskosten ebenso wie Produktivitätsausfälle. In Österreich dürfte die Situation ähnlich sein, Experten gehen von 1,5 bis 1,8 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen aus.

Die Etablierung einer gut funktionierenden abgestuften Schmerzversorgung kann jedenfalls das Leiden von Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten deutlich verringern. Notwendig ist dazu eine gut geplante abgestufte Versorgung, in der jede Schmerzpatientin und jeder Schmerzpatient genau auf jener Ebene behandelt und betreut wird, auf der er oder sie am besten aufgehoben ist.

Sport und Bewegung, aber auch Kultur, als ideale Schmerzprävention gegen chronische Schmerzen

Studien belegen, dass Bewegung geradezu ein Wundermittel gegen chronische Schmerzen ist. Menschen im Erwerbsalter entwickeln seltener chronische Schmerzen, wenn sie drei- bis fünfmal pro Woche trainieren. Eine aktuelle Metastudie zeigt, dass körperliches Training wirksam hilft, die Wahrscheinlichkeit für das Wiederauftreten von Beschwerden im unteren Rückenbereich zu reduzieren. Ab dem 50. Lebensjahr scheint regelmäßige Bewegung ein regelrechter „Schutz“ gegen chronische Schmerzen zu sein.

Eine englische Langzeitstudie mit rund 2.600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern kam zum Ergebnis, dass neben einem wöchentlichen intensiven Training auch die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen, etwa Museums- oder Konzertbesuche, eine effektive Schmerzprävention gegen chronische Schmerzen darstellt. Dies vermutlich deshalb, weil diese Form der Freizeitgestaltung moderate Bewegung, soziales Leben und geistige Herausforderung verknüpfen und für Wohlbefinden sorgen. Um die Motivation zur körperlichen Aktivität zu erhöhen, sollte man jedenfalls die entsprechenden Sport- und Bewegungsangebote für Menschen jeden Alters verbessern.

Abgestufte Schmerzversorgung verbessern

Als optimal für die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen hat sich ein abgestuftes Versorgungsmodell mit drei Ebenen erwiesen. Dazu gehört erstens die Basisversorgung durch niedergelassene Allgemeinmediziner beziehgunsweise Fachärzte. Zweitens gibt es eine spezialisierte Versorgung wie etwa Schmerzambulanzen. Und schließlich besteht drittens gegebenenfalls eine hochspezialisierte Versorgung. Dazu zählen Einrichtungen, die intensive multimodale Therapieprogramme anbieten.

Jeder Ebene werden leitliniengerechte Kompetenzen zugeordnet, mit dem Ziel, den Patientinnen und Patienten eine zeitgerechte optimale Diagnostik und Therapie zu ermöglichen. Die drei Versorgungsebenen sollten in unseren Breiten allerdings weiter verbessert werden. Mögliche Verbesserungen in der Versorgung wären beispielsweise mehr ambulante und stationäre Schmerzzentren, die Ausweitung von multimodalen Therapieangeboten und entsprechenden Zentren und eine optimale Vernetzung von niedergelassenen Schmerzbehandlerinnen und -behandlern. Zudem braucht es eine Aufwertung der schmerzmedizinischen Aus- und Weiterbildung, angepasst auch an die verschiedenen Versorgungsebenen.

Lange Wartezeiten für Schmerzpatienten verschlechtern Gesundheitszustand weiter

Eine gut funktionierende abgestufte Versorgung kann auch lange Wartezeiten in der Schmerzmedizin reduzieren. Das ist auch im Sinne Schmerzprävention sehr wichtig, da lange Wartezeiten in der Schmerzversorgung verschlechtern nachweislich den Gesundheitszustand von Menschen mit chronischen Beschwerden weiter. Ihre Schmerzen intensivieren sich, gleichzeitig verschlechtert sich ihre Lebensqualität bis hin zu Depression und Schlafstörungen.

Der Sinn der Basisversorgung auf der ersten Ebene ist neben der Diagnose-Stellung und Einleitung der Therapie ein Screening auf schwerwiegende Ursachen des Schmerzes, die sofort behandelt werden müssen. Manche Schmerzpatientinnen und -patienten sind bei einer Hausärztin oder einem Hausarzt gut aufgehoben. Doch insbesondere auf dem Land wirkt sich auch hier der Ärztemangel negativ aus.

Wenn bei nicht spezifischen akuten Schmerzen innerhalb von einigen Wochen keine wesentliche Besserung der Schmerzen erreicht wird, sollten Patienten auf die zweite Ebene verwiesen werden. Allerdings gibt es in ganz Österreich nur 48 Schmerzambulanzen, die zudem regional sehr ungleich verteilt sind. Die wenigsten können einen Vollbetrieb leisten. Meist aufgrund fehlender personeller und zeitlicher Ressourcen. Deshalb gibt es oft wochenlange Wartezeiten auf einen Behandlungstermin. Für Patienten mit besonders schweren chronischen Schmerzen sollten in der dritten Versorgungsebene spezielle interdisziplinäre Schmerzzentren zuständig sein. Diese sollten multimodale Therapiekonzepte nach internationalen Standards anbieten. Dieses Angebot ist allerdings noch immer viel zu klein, verfügbar sind solche multimodalen Programme etwa am Klinikum Klagenfurt und am Schmerzzentrum der ÖGK (vormals WGKK) in Wien. Ziel muss es sein, in jedem Bundesland zumindest ein Schmerzzentrum mit einem solchen multimodalen Angebot zu haben.

Neuer Qualitätsstandard für die abgestufte Schmerzversorgung unspezifischer Kreuzschmerzen

Einen wichtigen Fortschritt gibt es bei der Versorgung von Kreuzschmerzen, die in Österreich zu den häufigsten Leiden zählt. Hierzu wird es bald gelingen, einen Qualitätsstandard für eine abgestufte Versorgung im Österreichischen Strukturplan Gesundheit zu verankern. Im sogenannten »Qualitätsstandard abgestufte Schmerzversorgung unspezifischer Kreuzschmerz« haben Experten ein dreistufiges Versorgungskonzept detailliert festgelegt. Dieses soll eine bestmögliche Diagnostik und Therapie von Patientinnen und Patienten mit unspezifischen Rückenschmerzen flächendeckend, wohnortnah und effizient gewährleisten.

Ein wichtiger Teil des Qualitätsstandard ist das STarT Back-Screening-Tool. Mit diesem kurzen Fragenbogen können Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner rasch jene Kreuzschmerzpatienten herausfiltern, bei denen die Gefahr einer Chronifizierung besteht oder deren Akutbeschwerden rasch behandelt werden müssen. Sie können außerdem besser einschätzen, welche Versorgungsebene die Kreuzschmerzpatienten jeweils benötigen. Der Fragebogen erfasst nicht nur die biomedizinischen Aspekte des Kreuzschmerzes, sondern hilft auch, die psychosozialen Faktoren angemessen zu berücksichtigen.


Literatur:

T Landmark et al. Associations between recreational exercise and chronic pain in the general population: Evidence from the HUNT 3 study. Pain 2011; 152; 2241-2247

D Fancourt et al. Physical and Psychosocial Factors in the Prevention of Chronic Pain in Older Age. The Journal of Pain Volume 19, Issue 12, December 2018, Pages 1385-1391.

D. Steffens et al. Prevention of Low Back Pain: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Intern Med. 2016;176(2):199-208. doi:https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2015.7431

BMASGK (2019): Qualitätsstandard Unspezifischer Rückenschmerz. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, Wien

Karstens S, Steinhäuser J, Joos S: Der STarT-Fragebogen. Ein Instrument zur abgestuften Therapiezuweisung bei Kreuzschmerzen. pt_Zeitschrift für Physiotherapeuten 2013;65 (5):50-53


Quelle: Österreichische Schmerzgesellschaft (ÖSG), 19. Österreichische Schmerzwoche


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