Medizin & Wissenschaft

Neue Möglichkeiten der Therapie urologischer Tumore

Lesezeit: 2 Minuten Quelle: MEDMIX Online

In der Therapie urologischer Tumore findet ein Paradigmenwechsel statt – man kann sie heute viel besser behandeln als vor wenigen Jahren.

In der Therapie urologischer Tumore findet derzeit ein Paradigmenwechsel statt. Urologische Tumore sind heute wesentlich besser behandelbar als noch vor wenigen Jahren. In Abhängigkeit von der Tumorart ist heute Langzeitüberleben auch in fortgeschrittenen Stadien möglich, die früher in kürzester Zeit zum Tod geführt haben. Verantwortlich für diese Erfolge sind Innovationen sowohl im Bereich der Diagnostik als auch im Bereich der Behandlung.

Fortgeschrittene urotheliale Karzinome

Wesentliche Erfolge sind in der Therapie des fortgeschrittenen Blasenkarzinoms zu verzeichnen. Bisher bestand die Erstlinientherapie bei Metastasierung aus platinhältigen Chemotherapien, viele Patienten sind jedoch nicht einmal zu Behandlungsbeginn fit genug dafür. Nach Versagen der Erstlinien-Chemotherapie standen bisher kaum wirksame Optionen zur Verfügung. Daher war das metastasierte Urothelkarzinom bisher mit einer schlechten Prognose verbunden. Nach mehr als 30 Jahren ohne wesentliche Behandlungsfortschritte brachte nun die Entwicklung von sogenannten Checkpoint-Inhibitoren einen dramatischen Durchbruch. Bei guter Verträglichkeit kann mit der neuen Immuntherapie das Überleben bei bestimmten Patienten deutlich verlängert werden.

Fortgeschrittenes Nierenzellkarzinom

In der Behandlung des fortgeschrittenen Nierenzellkarzinoms wurde 2006 der erste Durchbruch mit zielgerichteten Therapien, welche die Durchblutung des Tumors vermindern, erzielt. Dadurch konnten die Überlebenszahlen erheblich verbessert werden. Nach einer gewissen Zeit wirken allerdings auch diese Therapien nicht mehr. 2016 konnten neue, effiziente Zweitlinientherapien etabliert werden. Die innovativen Strategien beruhen entweder auf einer neuerlichen zielgerichteten Therapie mit weiterentwickelten Substanzen, die auf andere Merkmale abzielen als die Erstlinientherapie, oder auf der Unterstützung und Einbeziehung des körpereigenen Immunsystems (wie beim Blasenkarzinom).

Multidisziplinäre kombinierte Therapien urologischer Tumore

Im Grunde genommen werden in der Tumor-Behandlung zunehmend mehrere zeitlich abgestimmte Therapien gegen Krebszellen gerichtet. Durch ein Zusammenwirken von Chirurgie, Strahlen-, Immun- und Chemotherapie bzw. Hormontherapie gelingt es immer besser, eine individuell auf den Patienten zugeschnittene Strategie zu entwickeln – Stichwort „personalisierte Medizin“.

Prostatakrebs

Der Prostatakrebs ist der häufigste Tumor des Mannes. In diesem Bereich werden derzeit neue Diagnosemethoden wie beispielsweise Magnetresonanztomographie (MRT) oder Positronenemissionstomographie (PET) sowie um neue Verfahren der Prostatabiopsie auf ihren Stellenwert in der klinischen Routine untersucht. Darüber hinaus stehen innovative Therapien wie beispielsweise eine neue Art der Hormontherapie zur Verfügung.

Unter dem Strich spielt jedoch angesichts der vielfältigen, vielfach sehr kostspieligen Optionen – beispielsweise auch für die roboterassistierte Chirurgie – die Frage nach der Angemessenheit einer Therapie urologischer Tumore eine zunehmende Rolle. Beispielsweise ist es dank innovativer Diagnostik mittlerweile möglich, bei Prostatakrebs bereits sehr kleine Metastasen zu identifizieren. Ungeklärt ist jedoch die Frage, inwieweit die Entfernung dieser Absiedlungen tatsächlich eine Heilung ermöglicht oder lediglich ein Hinausschieben der Erkrankung, mit der Option, zu einem späteren Zeitpunkt mit einer medikamentösen Behandlung, beispielsweise einer Hormontherapie, beginnen zu können.

Das bedeutet, dass die individuelle Sinnhaftigkeit einer Behandlung gewissenhaft hinterfragt werden muss. Das heißt, es wird nicht nur aus medizinischen, sondern auch als ethischen und gesellschaftspolitischen Überlegungen notwendig sein, hier klare Richtlinien und Strategien zu entwickeln, um Übertherapien zu vermeiden.

Rehabilitation

Insbesondere in der Uroonkologie wird nach großen Tumoroperationen, Strahlen- und Chemotherapie zunehmend die Bedeutung einer Anschlussheilbehandlung, wie sie beispielsweise in der Orthopädie üblich ist, erkannt. Dazu gehören nicht zuletzt auch psychologische Betreuung sowie Beratung bezüglich Bewegung und Ernährung, um den Patienten umfassend zu unterstützen und seine Lebensqualität sowie seine Alltagskompetenz zu stärken.


Literatur:

Amparore D, Campi R, Checcucci E, Sessa F, Pecoraro A, Minervini A, Fiori C, Ficarra V, Novara G, Serni S, Porpiglia F. Forecasting the Future of Urology Practice. A Comprehensive Review of the Recommendations by International and European Associations on Priority Procedures During the COVID-19 Pandemic. Eur Urol Focus. 2020 Sep 15;6(5):1032-1048. doi: 10.1016/j.euf.2020.05.007. Epub 2020 May 31. PMID: 32553544; PMCID: PMC7261455.

Esperto F, Pang KH, Albisinni S, Papalia R, Scarpa RM. Bladder Cancer at the time of COVID-19 Outbreak. Int Braz J Urol. 2020 Jul;46(suppl.1):62-68. doi: 10.1590/S1677-5538.IBJU.2020.S107. PMID: 32549074; PMCID: PMC7719998.


Quelle:

Statement » Neue Therapiemöglichkeiten urologischer Tumore « von Univ.-Doz. Dr. Michael Rauchenwald, Vorstand der Abteilung für Urologie und Andrologie im Donauspital Wien – SMZ Ost Wien, Präsident der österreichischen Gesellschaft für Urologie und Andrologie, 2017


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