Medizin & Wissenschaft

Einfluss der Psyche beim Reizdarmsyndrom (Reizdarm)

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Beim Reizdarmsyndrom, Reizdarm, bestehen chronische anhaltende Darm-Beschwerden, bei denen auch die Psyche eine wichtige Rolle spielt.

Das Reizdarmsyndrom (RDS), das man auch somatoforme autonome Funktionsstörung des unteren Verdauungssystems nennt, ist eine häufige Erkrankung, bei der die Psyche eine wichtige Rolle spielt. In unseren Breiten leiden etwa 15% der Patienten beim Hausarzt am Reizdarm. Zudem sind es sogar etwa 50 Prozent der gastroenterologischen Vorstellungen aufgrund entsprechender Beschwerden (Enck et al. Nat Rev Dis Primers 2016).


Definition in der Leitlinie zum Reizdarmsyndrom

In der deutschen S3-Leitlinie wird das Reizdarmsyndrom wie folgt definiert: Es bestehen chronische – länger als drei Monate  anhaltende Beschwerden auf. Das sind beispielsweise Bauchschmerzen sowie Blähungen, die von Patient/Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Veränderungen des Stuhlgangs einhergehen (aber nicht müssen).

Der Patient sucht dann aufgrund der Beschwerden und seiner Sorgen Hilfe beim Arzt. Dieser muss dann andere Krankheitsbilder ausschliessen (Layer et al. Z Gastroenterol 2011).

Die aktuellen weltweit gültigen Rom-IV-Kriterien sprechen beim Reizdarm erstmals von einer Disorder of the Gut-Brain Interaction (Rome IV Consensus Conference. Gastroenterology 2016), ein Begriff, welcher auf zugrunde liegende pathophysiologische Änderungen verweist (Goebel-Stengel & Stengel. Z Komplementärmed 2016).

Reizdarm-Pathophysiologie

Die Pathophysiologie des Reizdarmsyndrom ist komplex, neben Umwelt- spielen auch psychische und genetische Faktoren eine Rolle. Auch der Ernährung und dem Darm-Mikrobiom werden sowohl eine pathophysiologische als auch therapeutische Rolle zugesprochen. Am ehesten wird der Pathogenese das biopsychosoziale Krankheitsmodell gerecht.

Die Diagnostik besteht aktuell noch immer weitgehend im Ausschluss möglicher anderer zugrunde liegender Erkrankungen. Der Einsatz von Biomarkern hat sich bislang nicht durchsetzen können; eventuell könnte eine Biomarker-Batterie Verwendung finden.

Therapeutische Maßnahmen bei Reizdarmsyndrom

Neue therapeutische Möglichkeiten könnte die Beeinflussung des Mikrobioms bieten. Allerdings kann die Gabe von Probiotika bislang evidenzbasiert nicht empfohlen werden (Mazurak et al. Neurogastroenterol Motil 2015).

Der fäkale Mikrobiomtransfer (sogenannte Stuhltransplantation) muss erst in weiteren Studien untersucht werden, um eine valide Nutzen-Risiko-Kalkulation abgeben zu können.


Ernährungstherapie

Einen besonderen Stellenwert nimmt die Ernährungstherapie ein. Während eine Laktoseintoleranz sowie Fruktosemalabsorption ausgeschlossen und gegebenenfalls behandelt werden sollten (Goebel-Stengel et al. J Neurogastroenterol Motil 2014), kann die unterstützende Behandlung mittels einer sogenannten FODMAP-reduzierten Diät (fermentierbare Oligo- und Disaccharide, Monosaccharide and/und Polyole) hilfreich sein (Goebel-Stengel & Mönnikes. Dtsch med Wochenschr 2014).

Demgegenüber ist die Rolle der nicht Zöliakie-bedingten Glutenunverträglichkeit (Volta et al. J Neurogastroenterol Motil 2015) beim Reizdarmsyndrom bislang nicht ausreichend verstanden und evidenzgesichert. Nicht zuletzt stellen die Arzt-Patienten-Beziehung sowie die Aufklärung über die Erkrankung (Psychoedukation) eine wichtige Säule in der Behandlung des Reizdarmsyndrom dar.

Reizdarmsyndrom und Psyche

Auch psychotherapeutische (verhaltenstherapeutische, psychodynamische, hypnotherapeutische) Verfahren haben einen wichtigen Stellenwert in der Behandlung des RDS, wie in einer aktuellen Metaanalyse aufgezeigt wird (Laird et al. Clin Psychol Rev 2017). Dies wird umso klarer, wenn man sich die Häufigkeit der psychischen Begleiterkrankungen bei einem Reizdarm von bis zu 60 Prozent vor Augen führt (Walker et al. Psychol Med 1995).

Interessanterweise legt eine aktuelle Studie nahe, dass es häufig zuerst zu Darmbeschwerden und später zu psychischen Erkrankungen kommt. Während der umgekehrte Fall deutlich seltener ist (Koloski et al. Aliment Pharmacol Ther 2016). Das Reizdarmsyndrom ist somit eine häufige Erkrankung, mittels enger interdisziplinärer Zusammenarbeit von Gastroenterologen und Psychosomatikern jedoch gut behandelbar.



Literatur:

Enck P, Aziz Q, Barbara G, et al. Irritable bowel syndrome. Nat Rev Dis Primers. 2016;2:16014. Published 2016 Mar 24. doi:10.1038/nrdp.2016.14


Quelle:

Statement » Aktuelle Erkenntnisse zum Einfluss der Psyche beim Reizdarmsyndrom « von Professor Dr. med. Matthias Rose, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Psychosomatik, Charité Universitätsmedizin Berlin anlässlich des Deutschen Kongresses für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, 2017 in Berlin


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