Medizin & Wissenschaft

Psychiatrie: Entstigmatisierung ­von psychischen Erkrankungen notwendig

Lesezeit: 4 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Experten fordern die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, denn die Aufbringung von Ressourcen für die Psychiatrie und die Stigmatisierung psychisch Kranker hängen sehr zusammen.

Im Grunde genommen weist die Weltgesundheitsorganisation seit mehreren Jahren auf die immense Bedeutung von psychischen Erkrankungen hin. Die WHO betont dazu, dass in Anbetracht des Leides und der Kosten, die psychische Krankheiten verursachen, international sowohl in den Industrieländern als auch in den Ländern der zweiten und dritten Welt zu wenig Geld und Ressourcen zur Verfügung stehen. Da aber die Stigmatisierung psychisch Kranker ein wichtiger Faktor ist, dass in den Staaten weniger Ressourcen zur Verfügung stehen, ist hierzu eine Entstigmatisierung ­von psychischen Erkrankungen notwendig, wozu eine öffentlich kommunizierte qualitätsgesicherte Psychiatrie zur Verringerung von stigmatisierenden Einstellungen in der Bevölkerung hilfreich ist.

Psychische Erkrankungen stehen jedenfalls in Bezug auf die Zuerkennung von Berufsunfähigkeitspensionen bereits an zweiter Stelle und verursachen nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen die höchsten Gesamtkosten für die Volkswirtschaft. Trotzdem setzen die Gesundheitssysteme weltweit nur ein verschwindend geringen Bruchteil der Gesamt-Gesundheitsaufwände in diesem Bereich ein. Die Situation sollte auch in der Ärzteschaft und bei Medizinstudenten sowie bei anderen Sanitätsberufen eindringlicher kommuniziert werden, wie Experten fordern.

Stigmatisierung gegenüber psychisch Kranken ist jedenfalls ein bekanntes Phänomen und nicht auf bestimmte Gemeinschaften oder Länder beschränkt. Stigmatisierung, sei es Selbststigmatisierung oder öffentliche Stigmatisierung, hat schließlich einen großen Einfluss auf die psychiatrische Versorgung.

Entstigmatisierung von Patienten mit psychischen Erkrankungen

Ziel der WHO ist auch die Entstigmatisierung psychisch Erkrankter, denn Ressourcenaufbringung und Stigmatisierung hängen nach wie vor eng zusammen. Weltweit werden Menschen, die psychische Erkrankungen haben, aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Über ihre Erkrankungen wird wenig gesprochen, sie glauben, sich verstecken zu müssen, innerhalb der Familien werden diese Themen tabuisiert, und so erhalten psychisch erkrankte Menschen oft nicht eine adäquate Behandlung.

Es ist mittlerweile so, dass heute alle psychischen Erkrankungen entweder heilen oder zumindest gut behandeln können – der Zugang zu diesen Behandlungen ist weltweit aber sehr ungerecht verteilt. Wenngleich die Offenheit der Gesellschaften im Umgang mit psychischen Erkrankungen besser geworden ist – von einem Idealzustand ist man aber weit entfernt. Es muss noch viel getan werden, um eine Entstigmatisierung voranzubringen.

Beispiel Stigmatisierung und Schizophrenie: Soziale Situation, Arbeitsfähigkeit und soziale Kontakte

Es ist ein ganz altes Wissen der Psychiatrie, dass man die Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises in drei große Gruppen einteilen kann:

Erstens wird etwa ein Drittel der Patienten mit diagnostizierter Schizophrenie gesund. Wobei die Chancen gesund zu werden, mit einer möglichst frühzeitigen Erkennung und einem baldigen Therapiebeginn steigen. Denn die Erkrankung schreitet in vielen Fällen progressiv fort und führt, wenn man sie nicht behandelt, zu bleibenden Schäden im zentralen Nervensystem. Diese Schäden können durch medikamentöse Behandlung aufgehalten oder verhindert werden.

Zweitens hat etwa ein weiterer Drittel der Betroffenen einen schubhaften und phasenhaften Verlauf. Es kommt immer wieder zu Krankheitsausbrüchen, die sich aber mit und ohne Therapie teilweise zurückbilden. Durch eine kontinuierliche Therapie lässt sich das Auftreten dieser Schübe in vielen Fällen verhindern oder bremsen. Die betroffenen Menschen benötigen allerdings ein Leben lang Medikamente. Und nur ein Teil dieser Menschen kann über einen längeren Zeitraum die Arbeitsfähigkeit erhalten. Andere Patienten müsse hingegen aufgrund der Erkrankung in Pension gehen.

Patienten mit ungünstiger Prognose die Möglichkeit für sinnvolle Tätigkeiten

Es gibt drittens eine Gruppe mit etwa 20 bis 30% aller Betroffenen, bei der es zu einem langsamen fortschreitenden Verlauf der Schizophrenie kommt. Diese Verlaufsform hat eine eher ungünstige Prognose. Die medikamentöse Behandlung ist bei den Betroffenen zwar auch wichtig und wirkt. Allerdings hat sie aber nicht den gewünschten Effekt, den man bei den beiden anderen Gruppen erreicht. Diese Menschen sind üblicherweise relativ rasch frühpensioniert und können einer Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt nicht nachgehen. Trotzdem brauchen auch diese Menschen im Rahmen ihrer Fähigkeiten die Möglichkeit einer sinnvollen Tätigkeit, doch gibt es in diesem Bereich in allen Staaten Europas noch nach wie vor zu wenig Angebote. Eine sinnvolle Beschäftigung für Menschen, die nicht voll leistungsfähig sind, fehlt noch. Sehr wichtig ist ein geregelter Tagesablauf.

Die Medizin ist dazu da, die biologische Basis zu schaffen. Hingegen sollen Institutionen und Vereine beziehungsweise Selbsthilfegruppen helfen, die soziale Basis bereitzustellen. So werden die Familien unterstützt, damit die Betroffenen möglichst gut in die Familie integriert sein können. Für die Betroffenen werden Angebote geschaffen, um die sozialen Kontakte auf allen Ebenen aufrechterhalten und sinnvolle Tagesaktivitäten durchführen zu können. Das beginnt bei ganz einfachen Dingen wie Kontaktgruppen, wo man sich regelmäßig trifft und einfach nur plaudert, und geht bis hin zu einer Teilzeitbeschäftigung und Arbeit.

Körpervernachlässigung durch psychische Erkrankungen häufig

Generell ist es bei Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen so, dass eine gewisse Vernachlässigung des eigenen Körpers auftritt. Die Körperwahrnehmung ist teilweise gestört und die Erkrankten sind, wenn man sie nicht entsprechend motiviert und Angebote hat, sehr unbeweglich. Das kann über eine Gewichtszunahme zum metabolischen Syndrom führen. Hierzu helfen Bewegungsprogramme wie regelmäßige Wanderguppen, Sportgruppen, Tanzen und Körperselbsterfahrung. Außerdem können diese Aktivitäten ebenfalls die sozialen Kontakte stärken.


Literatur:

Gaebel W, Stricker J. Qualitätsgesicherte Psychiatrie und Entstigmatisierung : Kann qualitätsgesicherte Psychiatrie und Psychotherapie zur Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen beitragen? [Quality psychiatry and destigmatization : Can quality psychiatry and psychotherapy contribute to destigmatization of mental illnesses?]. Nervenarzt. 2020;91(9):792-798. doi:10.1007/s00115-020-00941-w

Eksteen HC, Becker PJ, Lippi G. Stigmatization towards the mentally ill: Perceptions of psychiatrists, pre-clinical and post-clinical rotation medical students. Int J Soc Psychiatry. 2017;63(8):782-791. doi:10.1177/0020764017735865


Quellen:

Psychiatrie: Stigmatisierung psychisch Kranker und Entstigmatisierung psychisc­her Erkrankungen. Interview mit Univ.-Prof. Dr. Karl Dantendorfer. MEDMIX 11/2005

www.promente-wien.at


Bildquellen & Copyright

AdobeStock 121206743


Ganzen Artikel lesen
Diese Seite benutzt Cookies. Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie dem Einsatz von Cookies zu. Weitere Informationen Ablehnen Akzeptieren