Medizin & Wissenschaft

Kindliche Entwicklung und Smartphones: Vom Smartphone zum Smart-Baby?

Lesezeit: 4 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Eine geringere Dichte von Bahnen der weißen Gehirnsubstanz, die die Sprachfähigkeiten unterstützen, schwächere Leistungen beim Sprechen und beim Erkennen von Gegenständen – in Studien konnte bei Kindern ein Zusammenhang mit der häufigen Nutzung von Bildschirmmedien gezeigt werden. Intensiv genutzt, gibt es auch Auswirkungen auf die emotionale Entwicklung des Kindes.

von Sophie Fessl

Bereits 72 Prozent der Kinder zwischen 0 und 6 Jahren nutzen digitale Medien; am häufigsten werden dabei Smartphone und Tablet verwendet. Das zeigt eine neue Studie, die im Rahmen der Initiative Saferinternet.at durchgeführt wurde. 24 Prozent der Kinder nutzen digitale Medien sogar täglich, 33 Prozent mehrmals in der Woche. Das steht in krassem Gegensatz zu den Empfehlungen der WHO, gemäß denen Kinder bis zum Alter von zwei Jahren keine Zeit vor einem Bildschirm verbringen sollten. Doch bevor Kinder selbst zum Smartphone greifen, sind es oft die Eltern, an denen sie dieses Verhalten beobachten – und das bleibt nicht ohne Auswirkungen. „Das Phänomen, dass Eltern ihr Handy in der Hand halten, während sie das Baby im Buggy schieben oder auf dem Arm haben, sieht man Land auf Land ab“, bestätigt Univ. Prof. Karl Heinz Brisch vom Institut für Early Life Care an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg. Das ist seiner Ansicht nach problematisch, denn, „die intensive soziale Interaktion steigert sich, sobald das Baby im Alter von sechs Wochen anfängt, sozial zu lachen. Babys suchen dann den Kontakt und den affektiven Austausch von Gesicht zu Gesicht. Was passiert, wenn Eltern nicht mehr mit dem Baby sprechen oder den Kontakt oft unterbrechen?“ Obwohl Smartphones aus dem Alltag kaum mehr wegzudenken sind, sind die Auswirkungen elterlicher Nutzung auf die Entwicklung ihrer Kinder kaum erforscht. „Es ist erstaunlich, wie wenige Studien es angesichts dieses globalen Phänomens gibt“, erklärt Brisch. „Wir können nicht gesichert sagen, welche Auswirkungen es auf die frühkindliche Entwicklung hat.“ Univ. Prof. Kathrin Sevecke von der Universitätsklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kindes- und Jugendalter Innsbruck und Landeskrankenhaus Hall erlebt die klinische Relevanz dieser Thematik.

„Gelegentlich telefonieren ist Alltag und gehört dazu. Aber Elternnutzung ist ein Thema, denn es lenkt die Eltern in der Kommunikation zum Kleinkind ab. Was Mütter sonst ganz natürlich während der Entwicklung ihres Kindes machen – das Kind beobachten, Affekte spiegeln, Rückmeldung geben – wird bei häufiger Mediennutzung gestört. Wenn es in intensivem Ma. vorliegt, hat es Auswirkungen auf die emotionale und gesamte Entwicklung des Kindes.“

Gestresstes Baby

In der „Smart.Baby-Studie“ untersucht Brisch mit seinem Team nun die Auswirkung des Smartphone-Konsums von Müttern auf die Interaktionsqualität zwischen Mutter und Baby. Im Videolabor erhalten Mütter die Aufgabe, ein Rätsel auf ihrem Smartphone zu lösen – in Anwesenheit ihres drei bis zehn Monate alten Babys. Gleichzeitig wird bei Mutter und Kind die Herzfrequenzvariabilität gemessen und mit dem Verhalten korreliert. „Das ermöglicht uns eine kontinuierliche Stressmessung bei Mutter und Kind. Wir erhalten so Einblick in das emotionale Erleben der Situation von beiden Seiten, und was noch wichtiger ist, in den dyadischen Austausch zwischen Mutter und Kind in Stresssituationen“, erklärt Brisch. Die Grundlage für die „Smart.Baby-Studie“ bildet das sogenannte „Still-Face-Experiment“. Dieses vor mehr als 40 Jahren erstmals beschriebene Experiment erfasste die Reaktion von Babys, deren Mütter plötzlich ein bewegungs- und ausdrucksloses Gesicht zeigen. „Studien haben gezeigt, dass das Baby gestresst ist, wenn die Mutter ein Still Face macht, und heilfroh ist, wenn sie wieder kontaktet“, berichtet Brisch. „Wir möchten untersuchen, ob die Beschäftigung mit dem Smartphone eine ähnliche Stressreaktion beim Baby hervorruft. Bedeutet es für das Baby Stress? Oder ist es vielleicht gar nicht so stressig, wie wir denken?“ Unterschiede könnten auch in der Intensität des mütterlichen Smartphone-Gebrauchs begründet sein, der in der Studie durch eine Web-basierte App erfasst wird. Denn manche Babys könnten sich an den häufigen Blick auf das Smartphone bereits gewöhnt haben – und das Gegenteil, nämlich der Blick zum Baby, könnte Stress hervorrufen. „Für Babys mit Müttern, die ihr Smartphone viel im Beisein ihres Babys nutzen, könnte das eine normale Situation sein. Sie würden eher Stress verspüren, wenn die Mutter im Rahmen des Experiments anfängt, intensiv mit dem Baby zu kontakten, weil das Baby das gar nicht mehr gewohnt ist. Wir haben Hinweise darauf, dass es so sein könnte, aber brauchen mehr Probandinnen, um diese Beobachtung zu untermauern“, erklärt Brisch.

Bei der Nachverfolgung der Probandinnen beobachten Brisch und sein Team die emotionale Entwicklung der Kinder, um langfristige Folgen zu bestimmen. „Wir erheben die emotionale Entwicklung, wenn die Kinder eineinhalb Jahre alt sind und analysieren die Bindungsentwicklung. Denn wenn der Smartphone-Konsum der Mutter langfristig keine Auswirkungen hat und nur in der Situation kurz Stress für das Kind bedeutet, wäre es ja nicht so schlimm. Wenn die emotionale Entwicklung aber gestört würde, hätten wir ein größeres Problem mit langfristigen Auswirkungen. Diese könnten sich später in einer niedrigeren Stress- und Frustrationstoleranz des Kindes oder Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen zeigen.“ Querschnittsstudien an älteren Kindern haben bereits einige der Auswirkungen der Smartphone-Verwendung untersucht. Eine in den USA durchgeführte Studie bei Familien mit Kindern unter fünf Jahren zeigte, dass Unterbrechungen in der Interaktion zwischen Mutter und Kind durch digitale Technologie zu verstärkten Verhaltensschwierigkeiten führen. Eine deutsche Studie an Kindern zwischen zwei und neun Jahren berichtete ebenfalls, dass Kinder am häufigsten Verhaltensschwierigkeiten zeigten, wenn ihre Mütter oder sie selbst häufig ein Smartphone nutzten. Natürlich hätten Smartphones auch positive Effekte, so Brisch. „Smartphones halten uns in sozialen Netzwerken. Sie helfen uns, mit anderen Leuten in Kontakt zu bleiben.“ Besonders bei Müttern kann das die Nutzung des Smartphones begründen. So berichteten Mütter, die ihre Kinder zuhause betreuen, in einer Studie, dass sie digitale Technologien als „Ausflucht“ aus Langeweile und Frustration der Kindererziehung nutzen würden, oder um ihre eigenen Emotionen zu regulieren.

Vorbildwirkung der Eltern

Ein weiteres Problem der elterlichen Smartphone-Nutzung sei allerdings auch die Vorbildwirkung schon auf die Kleinsten, erklärt Brisch. „Wenn das Baby den sozialen Kontakt sucht, die Mutter aber gerade mit dem Smartphone beschäftigt ist und dabei ganz lebendig spricht, so lernt das Baby: Das, was es evolutionär sucht, findet mit dem Smartphone statt. Ganz klar, so etwas möchte das Baby dann auch haben. Das Baby wird mit der Zeit erpicht auf das Smartphone.“ Die Mediennutzung durch Klein- und Kleinstkinder hat allerdings auch ganz klare Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung, die Sevecke in der Eltern-Kind-Station der Klinik beobachtet. „Die Auswirkung ist individuell verschieden, denn es gibt moderierende Faktoren, wie Persönlichkeit, Intelligenz, Umfeld, Sozialisationsbedingungen und Förderung. Es ist also nicht so einfach, miteinander zu vergleichen.

Aber klar ist, dass die Mediennutzung bei Kleinkindern eine negative Auswirkung hat.“ Brisch wiederum verweist auf Studien, in denen gezeigt wurde, dass die neuronale Vernetzung anders verläuft, wenn Kinder das Smartphone häufig nutzen. So wurde bei 47 Kindern zwischen drei und fünf Jahren ein Zusammenhang zwischen der Nutzung von Bildschirm-Medien und einer geringeren Dichte von Bahnen der weißen Gehirnsubstanz, die die Sprachfähigkeiten unterstützen, festgestellt. Gleichzeitig zeigten Kinder, die Bildschirm-Medien häufig nutzten, schwächere Leistungen beim Sprechen und beim Erkennen von Gegenständen. „Das ist ein erschreckender Zusammenhang“, stellt Brisch fest. Deshalb sollte uns die Frage beschäftigen: „Welche Auswirkungen werden dann noch höhere Strahlungsintensitäten auf die hochdynamische Entwicklung der neuronalen Vernetzung im Gehirn bei Säuglingen und Kleinkindern haben?“

Sevecke fasst die in der Klinik beobachteten Auswirkungen zusammen. „Es gibt negative Auswirkungen sowohl bei der Internalisierung, also emotionale Auffälligkeiten, als auch bei der Externalisierung, also Aggressivität oder verminderte Aufmerksamkeit. Auch Auswirkungen auf den Schlaf sind zu beobachten. Ganz klar sind die körperlichen Folgen: Der BMI steigt schon bei Kleinkindern bei langem Medienkonsum an, langfristig ist die kognitive und sprachliche Entwicklung gehemmt.“ Allerdings reiche die Studienlage nicht aus, um klare Schlüsse zu ziehen. „Es fehlen Verlaufsstudien und eine genaue Altersdifferenzierung. Außerdem macht die Art der Mediennutzung einen großen Unterschied – konsumiert das Kind ein Hörbuch, einen Film oder ein Computerspiel? Wie begleiten die Eltern den Medienkonsum und kommt es zu einem körperlichen Ausgleich? Es wäre hilfreich, wenn Studien den Konsum genauer differenzieren würden“, so Sevecke. Langfristig hat die Mediennutzung auch Auswirkungen auf die Bewältigungsstrategien, die auch im Erwachsenenalter genutzt werden. „Spiel ist nicht einfach Spiel. Rollenspiele etwa dienen dazu, innere Erlebnisse, Ängste und Sorgen zu verarbeiten“, weiß Brisch. „Kinder verarbeiten im Spiel ihre Konflikte und verarbeiten sie dadurch. Wenn das durch eindimensionale Spiele auf einem Smartphone ersetzt wird, fallen wichtige menschliche Fähigkeiten wie Kreativität und die Verarbeitung von Erlebtem durch Malen oder Musik weg. Später haben diese Kinder eine entsprechende Prägung: Wenn sie Stress haben, spielen sie Computerspiele. Aber innere Konflikte oder Dynamiken können sie so nicht verarbeiten. Das ist vermutlich eine große Verarmung, aber auch eine Gefahr, wenn man an die neue Klassifikation der ICD-11 denkt, die Online-Spielsucht erstmals als eigenständige Krankheit ansieht.“ Und Sevecke verweist auf publizierte Empfehlungen für die Nutzung von digitalen Medien durch Kinder. „Es gibt wenige klare Empfehlungen, aber es gibt sie schon und man sollte sich an sie halten. Und für die Eltern gilt: Wenn möglich das Handy in der Schlafenszeit des Kindes nutzen. Es sollte nicht ständiger Begleiter sein.“


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 08/2020
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