Medizin & Wissenschaft

Diabetes und Adipositas der Frau

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Geht es um die Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, gelten Frauen als weniger gefährdet als Männer. Gerade Diabetikerinnen haben aber ein höheres KHK-Risiko als männliche Diabetiker. Zusätzlich entstehen durch ­Diabetes und Adipositas der Frau weitere geschlechtsspezifische Probleme.

Etwa ein Drittel aller Frauen ist übergewichtig (BMI > 25-29kg/m2) und etwa 10% leiden an Adipositas. Ab einem BMI von > 30kg/m2 (Adipositas) und besonders bei androider/ abdomineller Fettverteilung – bei einem Quotient aus Taillen- und Hüftumfang über 0,85 – wird ein Anstieg der Risikofaktoren und metabolischen Erkrankungen deutlich. Der Bauchumfang ist zur Abschätzung des Herz-Kreislauf-Risikos aussagekräftig, welches bei Frauen ab 88cm erhöht ist.

Todesursache Herz-­Kreislauf-Erkrankungen

Laut Frauengesundheitsbericht sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache von Frauen. Speziell für Diabetikerinnen stellen sie ein erhebliches Gesundheitsproblem dar. Jedoch zielen spezifische Maßnahmen zur Vorbeugung nach wie vor besonders auf das als gefährdet geltende starke Geschlecht ab. Tatsächlich ist aber das KHK-Risiko bei Frauen mit Diabetes Typ-2 höher als bei gleichaltrigen männlichen Diabetikern. Denn bei Frauen ist Diabetes Typ-2 für ein höheres Risiko für eine koronare Herzkrankheit verantwortlich (bei Männern ist dies 2-fach erhöht).

Nicht zuletzt, da etwa 10% mehr Frauen an Diabetes mellitus erkrankt sind und aufgrund der höheren Mortalität von Frauen nach Infarkt, sollte der genauen Kontrolle und adäquaten Therapie ein entsprechender Stellenwert gegeben werden. Der Blutzucker sollte bei Frauen mit einem Bauchumfang über 88 cm bzw. bei ­denjenigen, die während einer Schwangerschaft einen Diabetes entwickelt haben, vor dem 45. Lebensjahr kontrolliert werden. Ein zusätzlicher oraler Glukosetoleranztest ist ratsam.

Therapeutisch werden Diabetes Typ-2-Patienten beiderlei Geschlechts in der Praxis mit denselben Strategien behandelt. Zum Einsatz kommen zu Behandlungsbeginn meist Metformin bei übergewichtigen Patienten mit einem BMI ≥ 26kg/m2, Sulfonylharnstoffe bei einem BMI < 26kg/m2.

Infertilität und Adipositas der Frau

Im Grunde genommen beeinflusst Adipositas bei der Frau auch die Fertilität, und zwar besonders die abdominelle Form. Ein erhöhter Körperfettanteil kann über die extraovarielle Hormonsynthese Ursache von Oligo- oder Amenorrhoe sein, aber auch Anovulationen bei Hyperandrogenämie und Insulinresistenz (PCO-Syndrom) verursachen. Wird eine assistierte Reproduktion angestrebt, ist die Erfolgswahrscheinlichkeit bei einem BMI >30kg/m2 geringer als bei Normalgewichtigen.

Etwa 50% der Frauen mit PCO-Syndrom sind adipös. Die bei Insulinresistenz erhöhten zirkulierenden Insulinwerte sind über metabolische Veränderungen mitverantwortlich für Kinderlosigkeit: Insulin fördert in der NNR die DHEA-Produktion, welche in Hyperandrogenämie, Hirsutismus, aber auch Anovulationen und Sterilität münden kann. Besonders eine Gewichtsreduktion und die Verbesserung der Insulinresistenz durch medikamentöse Antidiabetika können in solchen Fällen eine Zyklusnormalisierung, verbesserte Ovulationsraten und die Erfüllung eines möglichen Kinderwunsches fördern.

Gestationsdiabetes

Gestationsdiabetes ist definiert als eine in der Schwangerschaft erstmals auftretende oder diagnostizierte Glukosetoleranzstörung. Sie kommt bei etwa 2 bis 5% aller Schwangeren vor und verschwindet üblicherweise nach der Entbindung wieder.

Komplikationen eines Schwangerschaftsdiabetes können bei der Mutter schwangerschafts­induzierte Hypertonie, Prä­eklampsie und Eklampsie sein, weiters steigt das Risiko einer operativen Entbindung. Für das Kind besteht die Gefahr einer Makrosomie (mit Gefahr der Schulterdystokie), neonataler Hypoglykämie, Hypokalzämie, Polyglobulie, Hyperbilirubinämie und Atemnotsyndrom. Weiters besteht bei unbehandeltem Gestationsdiabetes die Möglichkeit eines intrauterinen Fruchttodes.

Alle Schwangeren sollten daher zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche, bei Vorliegen von Hochrisikofaktoren schon im 1. Trimenon (Tabelle 1) einem oralen 75g Glukose-Toleranztest mit einer kapillären Blutglukosebestimmung unterzogen werden.


Hochrisikofaktoren für Gestationsdiabetes

– Übergewicht
– Diabetes bei Eltern/Geschwistern
– Gestationsdiabetes in einer vorangegangenen Schwangerschaft
– St. p. Geburt eines Kindes über 4.500 Gramm
– St. p. Totgeburt
– Schwere kongenitale Fehlbildungen in einer vorangegangenen Schwangerschaft
– Habituelle Abortneigung (mehr als 3 Fehlgeburten hintereinander)

Tabelle 1


Therapeutische Strategien bei Gestationsdiabetes

Empfohlen wird eine Ernährungsumstellung hin zu adäquater Kalorienmenge und Zusammensetzung. Der Kalorienbedarf für eine Schwangere im 2. und 3.Trimenon beträgt ca. 30 kcal/kg Körpergewicht. Liegt zu Beginn der Schwangerschaft ein BMI > 27kg/m2 vor, sollte die Kalorienmenge auf 25 kcal/kg Körpergewicht reduziert werden, eine gezielte Gewichtsreduktion ist jedoch nicht anzustreben. Die zugeführte Menge an Kohlenhydraten sollte nicht unter 40% der Tageskalorien liegen.

Blutzucker-Selbstmessung bei Gestationsdiabetes

Eine an Gestationsdiabetes ­erkrankte Schwangere sollte auf die BZ-Selbstmessung eingeschult werden. Die angestrebten Zielwerte sind bei kapillärem Vollblut nüchtern 60–90mg/dl, eine Stunde postprandial < 140 mg/dl und 2 Stunden danach < 120mg/dl. Kann das Einstellungsziel diätetisch und mit körperlicher Aktivität innerhalb von 2 Wochen nicht erreicht werden, wird eine Insulintherapie begonnen. Orale Antidiabetika sind in der Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert. Eine intensivierte, nach BZ-Messergebnis dosis­adaptierte Insulintherapie bietet in vielen Fällen die erforderliche Flexibilität.

Nachbetreuung

Die betroffenen Patientinnen haben besonders bei Übergewicht ein hohes Risiko, innerhalb der nächste Jahre einen ­Diabetes Typ-2 zu entwickeln – nach 10 Jahren liegt das Risiko bei etwa 50%. Daher sollten die in der Schwangerschaft gemessenen Werte etwa zwei Jahre nach der Geburt nochmals untersucht werden. Natürlich kann es sich bei einem Gestationsdiabetes auch um die Erstdiagnose eines vorbestehenden Diabetes mellitus handeln: Liegen bei Wöchnerinnen mit insulinpflichtigem Gestations­diabetes am 2. Tag nach der Geburt kapilläre Blutglukosewerte von 110mg/dl nüchtern und 200mg/dl 2 Stunden postprandial vor, ist eine diabetologische Weiterbetreuung anzustreben. Sind die postpartalen Blutglukosewerte normal, sollte zwei bis drei Monate nach der Entbindung und bei  normalem Ergebnis mindestens alle zwei Jahre ein oraler Glukose-Toleranztest durchgeführt werden.

Ausblick bei Gestationsdiabetes

Leider bestehen kaum präven­tive Maßnahmen zur Beobachtung und Kontrolle von Gestationsdiabetikerinnen nach der Schwangerschaft. Der oGTT ist derzeit auch nicht Bestandteil des Mutter-Kind-Passes, da die Grenzwertfrage nicht eindeutig geklärt ist. Zwar bieten einige Ärzte spezielle Schulungen und Kontroll­termine für Gestationsdiabe­tikerinnen an, ein flächen­deckendes Präventionskonzept fehlt allerdings.


Quellen und weitere Informationen:

http://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/gestational-diabetes/basics/definition/con-20014854

http://www.diabetes.org/diabetes-basics/gestational/what-is-gestational-diabetes.html?referrer=https://www.google.com/

http://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/obesity/basics/definition/con-20014834

http://vsearch.nlm.nih.gov/vivisimo/cgi-bin/query-meta?query=obesity&v%3Aproject=nlm-main-website


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