Medizin & Wissenschaft

Interview Paul Plener: Wenn das Selbstverständliche genommen wird

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Durch den Verlust von sozialen Kontakten und die Pandemie-bedingten Einschränkungen hat sich bei Kindern und Jugendlichen das Wertigkeitsempfinden geändert, sagt Univ. Prof. Paul Plener von der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien. Sie haben gesehen, dass ihnen das Selbstverständliche genommen werden kann, erklärt er im Gespräch mit Manuela‑C. Warscher.

 

Was machen Kinder und Jugendliche aus dieser Pandemie? Wie haben sich deren Einstellung und das Verhalten geändert? 

Da für die Altersgruppe der 15- bis 24-Jährigen soziale Kontakte für die Erfüllung der Entwicklungsaufgaben zentral sind, um die eigene Identität zu finden, überrascht es nicht, dass durch den Verlust und die Einschränkungen das Wertigkeitsempfinden zugenommen hat. Kindern und Jugendlichen wurde bewusst, dass einem sehr wohl auch das Selbstverständliche genommen werden kann. Doch wie so oft erhalten Dinge eben erst ihre Wertschätzung, wenn sie verloren sind. Daher erleben wir eine höhere Anerkennung und Wahrnehmung von sozialen Kontakten und des Gemeinsamseins. Zudem sehen wir, dass Kinder und Jugendliche froh darüber sind, wieder in die Schule gehen zu können.

 

Wie lange werden Kinder und Jugendliche mit den Spätfolgen der Pandemie zu kämpfen haben? 

Das ist tatsächlich sehr schwierig zu beantworten, weil uns Grundlagen in Form von Studien fehlen. Wir können lediglich auf die ebenfalls spärlichen Daten aus früheren Pandemien oder Epidemien wie SARS‑1 zurückgreifen. Man kann darauf aufbauend hoffen, dass es etwa sechs Monate nach dem tatsächlichen Ende der Pandemie zu einem Rückgang der Belastungen kommt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist diese Zeitangabe allerdings noch reine Spekulation.

 

Mit welchen psychischen Problemen kämpfen Jugendliche und Kinder heute und auch mittelfristig? 

Wir haben derzeit eindeutige Signale, dass vor allem Depressionen, Angst- und Essstörungen zugenommen haben. Die werden mit dem Abflauen der akuten Pandemie zwar hoffentlich wieder abnehmen, doch es wird einen nicht unerheblichen Teil der Kinder und Jugendlichen geben, die Probleme haben, wieder ins normale Leben zurückzufinden. Es wäre daher auch wesentlich klüger und weitsichtiger gewesen, sich in den restlichen Schulwochen mit den Schülern und ihrem Befinden nach den vielen Monaten im Online-Learning auseinanderzusetzen und den Versuch zu unternehmen, die Klassengemeinschaft wieder zusammenzuführen. Bei vielen Schülern bleibt nämlich die Sorge vor dem Wiedereinstieg in den Schulalltag im Herbst bestehen. Viele werden vermutlich nicht mehr zurückfinden und nach und nach werden Angststörungen bei einigen Betroffenen dann einen Schulbesuch überhaupt verunmöglichen.

 

Wie stark hat sich Home-Schooling letztlich auf die Psyche und das Lernverhalten ausgewirkt? 

Von den Schülern wurde ein Grad an Selbstorganisation verlangt, mit dem sie eigentlich erst wesentlich später in ihrer Entwicklung während des Studiums konfrontiert gewesen wären. Die Schüler haben dennoch oder gerade deshalb oft teilweise sensationelle Lernfortschritte gemacht und fernab von Schulnoten eine immense Entwicklung hinsichtlich des Zutrauens in die eigenen Fähigkeiten und Organisation vollzogen.

 

Wie sieht es mit innerfamiliären Spannungen aus? 

Häusliche Eskalationen wie Streit und Gewalt vonseiten der Eltern scheinen zugenommen zu haben. Das lässt sich vor allem an der Zahl der Betretungsverbote, die ausgesprochen wurden, und auch aus kleineren Studien ablesen. Das ist eine prekäre Entwicklung, denn Misshandlungen sind ein Risikofaktor für weitere psychische Erkrankungen wie etwa Depressionen.

 

Haben auch Selbstschädigungen von Kindern und Jugendlichen zugenommen? Ja, es gibt in einigen Studien Hinweise dafür.

 

Wie kann der Allgemeinmediziner hier eingreifen? 

Der Allgemeinmediziner als Vertrauensperson hat in diesem Kontext eine ganz wichtige Rolle. Er kann durch sein medizinisches Know-how Veränderungen erkennen und ansprechen. Vor allem kann er Misshandlungen erfassen, dokumentieren und auch Eltern mit seinem Verdacht proaktiv konfrontieren und Jugendhilfeträger einschalten.

 

Wie hat sich die Suizidalität im Laufe der Pandemie verändert? 

Wir haben Hinweise – vor allem aus Studien – darauf, dass mehr Jugendliche von Suizidgedanken berichten und dass es zu Jahresbeginn 2021 zu einer Zunahme an Suizidversuchen kam. Die Suizidraten sind hingegen – auch in einem großen 21-Länder-Vergleich – nicht gestiegen.


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 12 /2021

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