Medizin & Wissenschaft

Morbus Chagas – eine Krankheit wird zunehmend zum globalen Problem

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Die Chagas-Krankheit, Morbus Chagas, vor allem in Mittelamerika und Südamerika durch Raubwanzen verbreitet, wird zunehmend zum globalen Gesundheitsproblem.

Morbus Chagas betrifft in Mittel-und Südamerika Millionen Menschen. Sie leben unter Bedingungen, die eine Infektion begünstigen. Die Überträger (Vektoren) der eben hauptsächlich in Mittel- und Südamerika beheimateten Chagas-Krankheit sind Raubwanzen aus dem Genus Panstrongylus, Triatoma und Rhodinus.

Diese nachtaktiven Blutsauger, die tagsüber in Ritzen oder strohgedeckten Dächern fast unauffindbar Unterschlupf finden, orten ihre Opfer mittels Thermorezeptoren. Zur Untergruppe „Stercoraria“ gehörend, ist nach der Blutmahlzeit die Defäkation obligat verbunden und damit die Kontamination der Haut mit der Infektionsform der Parasiten, den Metatrypanosomen.

 Durch die juckende Läsion bedingt, wird der Wanzenkot vom Menschen unter Umständen in den Stichkanal eingerieben – damit beginnt die eigentliche Infektion. Weitere Infektionswege bestehen durch Transfusionen mit infiziertem Blut und kongenital. Charakteristisch für Trypanosoma cruzi ist dessen Unvermögen eines „antigen shiftings“, wodurch die trypomastigoten Blutformen zerstört würden.

Pathophysiologisch werden folglich durch die „endogene Reinfektion“ in Verbindung mit allergischen, sowie AG-AK-Reaktionen, ständig neue Entzündungsherde in periodischem Wechsel zwischen Blut- und Gewebsbefall gesetzt. Der experimentell bewiesene Tropismus zu Zellen des RHS, der Herzmuskulatur und den Gliazellen erklärt den klinischen Befund.

Globales Problem

Die Chagas-Krankheit, die einst vor allem in Mexiko, Mittelamerika und Südamerika auftrat, ist heute zunehmend ein globales Gesundheitsproblem. Beispielsweise sind geschätzte 300.000 Einwanderer in den Vereinigten Staaten chronisch mit dem Parasiten Trypanosoma cruzi infiziert. Das Bewusstsein der medizinischen Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten sowie in Großbritannien für die Chagas-Krankheit ist jedoch gering. US-Experten fordern ein konsequenteres Screening, in den Vereinigten Staaten gibt es dazu seit dem Jahr 2007 einen ELISA-basierten, von der FDA zugelassenen Bluttest.

Klinik des Morbus Chagas

Akuter Morbus Chagas: in etwa 30% findet sich an der Inokulationsstelle eine entzündliche Infiltration der Haut, begleitet von regionaler Lymphadenitis, dem „Chagom“. War die Eintrittspforte die Augenbindehaut, bezeichnet man die entstehende unilaterale Konjunktivitis mit Lidödem als „Roman’sches Zeichen“.

Etwa zwei Wochen post infectionem erfolgt der Übertritt der Trypanosomen in das Blut, begleitet von häufig intermittierendem Fieber, generalisierter Lymphadenopathie, Hepatosplenomegalie und morbiliformem Exanthem. Als Komplikation mit hoher Letalität gilt eine diffuse Myocarditis und Meningoencepahalitis. Neben oligosymptomatischen Verlaufsformen klingt die akute Phase innerhalb von sechs Monaten ab.

Chronisch-asymptomatischer Morbus Chagas: Leber, Milz und Lymphknoten sind nicht mehr tastbar, der Patient fühlt sich über viele Jahre subjektiv wohl. Aufgrund der myo-, neuro- und retikulotropen Eigenschaften sind aber Fibroblasten, Herz- und Skelettmuskelzellen, glatte Muskelfasern des Verdauungstraktes sowie intramurale Ganglien der muskulären Hohlorgane weiterhin befallen und Sitz der Vermehrung des Erregers.

Neben der direkten Schädigung tragen auch Autoimmunphänomene zur fortschreitenden Zerstörung myocardialer Anteile, einer autonomen Denervierung des Herzens, aber auch der muskulären Hohlorgane wie Oesophagus und Colon, bei. In etwa 60% der Fälle führt dies schließlich zum

Morbus Chagas-Leiden: Die stattgefundene selektive „parasympatische Denervierung“ verursacht einerseits eine zunehmende Herzinsuffizienz bei Dilatation aller Herzabschnitte, extreme Bradykardie (bis zu 10 Schlägen / Minute!) und niederen Blutdruck, andrerseits leidet der Patient unter Schluckbeschwerden bei Reflux-Oesophagitis, einer hartnäckigen Obstipation, sowie starken Blähungen. Kachexie und plötzliches Herzversagen sind die Folge.


Aktuell sind 6 bis 7 Millionen Menschen mit Morbus Chagas infiziert.

Die Diagnose erfolgt auf folgende Arten:

  • Direkter Erregernachweis im Dicken Tropfen bei Giemsafärbung (ist nur in der akuten Phase möglich)
  • Serologische Tests als Suchverfahren während der chronischen Phase
  • Die Xenodiagnose stellt die zuverlässigste Durchführung eines Infektionsnachweises dar, ist aber auf das Vorhandensein von parasitenfreien Raubwanzen angewiesen und daher meist auf die Verbreitungsländer beschränkt. Im vierten oder fünften Larvenstadium werden der Testperson die Wanzen zur Blutmahlzeit angesetzt, und nach 30, 60 und 90 Tagen wird der Wanzenkot auf das Vorkommen von epimastigoten Formen untersucht.
  • Nachweis der infektionstüchtigen, epimastigoten Tripanosomen durch Anreicherung in Kulturen. (NNN-Medium).
  • Durch Übertragen von Patientenblut auf Kleinnager und einem anschließenden Erregernachweis.

Behandlung des Morbus Chagas

Die Substanzen Nifurtimox und Benznidazol haben sich in der Chemotherapie des Morbus Chagas bewährt. Die Heilungsrate beträgt im akuten Stadium ungefähr 80%, die der parasitologischen Heilung im chronischen Stadium ist geringer. Danach erst sind chirurgische und internistische Weiterbetreuungen sinnvoll.

Das seit dem Jahr 2004 (außer bei der Malaria-Eindämmung) verbotene DDT, wird durch teure Insektizide abgelöst, welche unter Einhaltung spezieller Vorsichtsmaßnahmen versprüht werden. Sehr effektiv wäre der Umbau der Hütten in Ziegel- oder Betonbauten mit festem Dach.

Im Grunde genommen sollten Touristen, die im Freien, in der einfachen Behausung oder baulich schlechten Hotels übernachten, ohne Ausnahme ein Moskitonetz um die Schlafstelle montieren! Denn das schützt nicht nur gegen Wanzen und damit auch gegen die Chagas-Krankheit. Sondern man ist dadurch auch gegen Moskitos, Spinnen und Schlangen gefeit.


Literatur:

Zheng C, Quintero O, Revere EK, et al. Chagas Disease in the New York City Metropolitan Area. Open Forum Infect Dis. 2020;7(5):ofaa156. Published 2020 May 6. doi:10.1093/ofid/ofaa156

Sanz MG, De Sario V, Mingo AG, et al. Chagas disease in the United Kingdom: A review of cases at the hospital for Tropical Diseases London 1995-2018. The current state of detection of Chagas disease in the UK [published online ahead of print, 2020 Jun 1]. Travel Med Infect Dis. 2020;101760. doi:10.1016/j.tmaid.2020.101760

Bern C. Chagas‘ Disease. N Engl J Med. 2015;373(5):456‐466. doi:10.1056/NEJMra1410150

Rassi A Jr, Rassi A, Marin-Neto JA. Chagas disease. Lancet. 2010;375(9723):1388‐1402. doi:10.1016/S0140-6736(10)60061-X


Weitere Informationen: http://www.who.int/mediacentre/factsheets/fs340/en/


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