Medizin & Wissenschaft

Multiple Sklerose: Vorbeugende Therapie

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Mittlerweile haben Therapien bei Multipler Sklerose das Ziel, nicht nur das Auftreten weiterer Schübe zu verhindern, sondern jegliche Krankheitsaktivität zu unterdrücken. Aktuell sind Zulassungsstudien für bestimmte Formen von Tyrosin-Kinase-Inhibitoren in Gang, von denen sich Experten einen weiteren Durchbruch in der Therapie erwarten.

Typische Symptome, die auf eine mögliche Multiple Sklerose hindeuten, sind eine einseitige Visusminderung mit begleitendem Augenbewegungsschmerz sowie Sensibilitätsstörungen, die länger als 24 Stunden andauern. „Bei diesen typischen Symptomen sollte jedenfalls ein Neurologe aufgesucht werden“, erklärt Priv. Doz. Peter Wipfler von der Multiplen Sklerose Ambulanz am Uniklinikum Salzburg. Aber auch atypische Symptome, die nicht gleich an eine neurologische Ursache denken lassen – vor allem bei jungen Frauen – können mit Multipler Sklerose vergesellschaftet sein. „Auch Miktionsstörungen können durch eine Multiple Sklerose verursacht werden. Wenn hier keine andere Ursache gefunden wird, sollte auch ein Neurologe hinzugezogen werden.“ 

Die Therapie der Multiplen Sklerose hat sich vor allem in den vergangenen zehn Jahren stark weiterentwickelt, berichtet Wipfler. Meilensteine in der Therapie dabei waren „innovative Therapiekonzepte“ wie die gepulste Immunrekonstitution durch Induktionstherapien, mit denen in Einzelfällen ein Stillstand der Erkrankung erreicht wird. Während früher nur die schubförmigen Verlaufsformen der Multiplen Sklerose therapiert werden konnten, so stehen mittlerweile auch Therapieoptionen für die Behandlung der primär chronisch progredienten und der sekundär chronisch progredienten Multiplen Sklerose zur Verfügung. Von einer reinen Injektionstherapie (s.c. oder i.m.) hat sich das Therapiespektrum auf orale Medikamente erweitert sowie auf verschiedene Infusionen, die auch im Abstand von bis zu sechs Monaten verabreicht werden können. „Mittlerweile haben die Therapien das Ziel, nicht nur das Auftreten weiterer Schübe zu verhindern, sondern jegliche Krankheitsaktivität zu unterdrücken. Bei MS-Schüben sollte daher unbedingt eine neurologische Vorstellung erfolgen, um die Effektivität der Therapie zu überprüfen und gegebenenfalls eine andere Therapieoption anzubieten.“ 

Für die nächsten Jahre erwartet Univ. Prof. Florian Deisenhammer von der Neuroimmunologie an der Medizinischen Universität Innsbruck weitere Durchbrüche in der Therapie der Multiplen Sklerose. „Momentan laufen Zulassungsstudien für bestimmte Formen von Tyrosin-Kinase-Inhibitoren. Mit ihnen wird 2024 oder 2025 voraussichtlich die nächste Generation an Medikamenten für die Behandlung von Patienten mit Multipler Sklerose auf den Markt kommen.“ 

Lebenslange Betreuung

Trotz der Weiterentwicklung der Therapieoptionen bleibt die Multiple Sklerose eine Erkrankung, die eine lebenslange Betreuung der Patienten bedeutet. „Die Therapie ist eigentlich eine vorbeugende“, betont Wipfler. „Wir müssen daher die Patienten dabei unterstützen und zu einer oft jahrelangen medikamentösen Therapie motivieren, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern.“ Wichtig sei laut Deisenhammer auch die Motivation zur gesunden Lebensführung. „Multiple Sklerose bedeutet, dass die Patienten Verantwortung übernehmen müssen für ihren Lebensstil und die regelmäßige Kontrolle von Nebenwirkungen. Mit einer klaren Kommunikation und guter Vertrauensbasis ist eine Grundlage für die Langzeitbetreuung geschaffen.“ 

Diese Langzeitbetreuung von Patienten mit Multipler Sklerose erfordert zum Teil viel Koordination. Denn aufgrund der Sekundärschäden durch die Bewegungseinschränkung sei auch eine Zusammenarbeit und Koordination mit anderen medizinischen Kräften notwendig, wie Deisenhammer betont. „Neben der Neurologie sind in der Behandlung auch andere Disziplinen wie Urologie und Psychiatrie gefragt. Auch Rehabilitationsaufenthalte müssen koordiniert werden.“ 

Bewegungseinschränkungen, Schmerzen und Spastik benötigen eine komplexe Therapie, oft ist eine chronische Schmerztherapie notwendig. „Die motorischen Symptome können wir mittlerweile gut therapieren und oft schon sehr gut vorbeugend behandeln, sodass diese nur mehr relativ selten bereits in frühen Stadien auftreten“, erläutert Wipfler. Und weiter: „Die frühe Störung der kognitiven Fähigkeiten steht in den letzten Jahren im Fokus der Forschung.“ Oft sind zu Beginn einer Multiplen Sklerose nur die kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt, die häufig selbst nicht wahrgenommen werden, aber mit verschiedenen kognitiven Tests überprüft werden können. Therapien, die rein auf die kognitiven Defizite abzielen, gibt es nicht. „Um die kognitive Leistungsfähigkeit langfristig zu gewährleisten, muss die Multiple Sklerose an sich früh und konsequent therapiert werden. Und bereits die kleinsten kognitiven Einbußen können für die meist jungen Patienten, die mitten im Arbeitsleben stehen, eine massive Belastung sein.“ 

Auch psychische Begleiterkrankungen können bei Patienten mit Multipler Sklerose auftreten. „Paranoide Psychosen etwa sind doppelt so häufig anzutreffen wie in der Vergleichspopulation“, führt Deisenhammer an. Wichtig sei auch die Depression, die – wie bei vielen Patienten mit einer chronischen Erkrankung – auch bei Patienten mit Multipler Sklerose häufiger auftritt. „Es ist wichtig, die Depression frühzeitig zu erkennen und zu behandeln“, betont Wipfler. „Eine korrekte Behandlung der Depression bedeutet auch eine wesentlich bessere Krankheitsbewältigung der Multiplen Sklerose.“ 

Organschäden als Nebenwirkung

Das Profil der Nebenwirkungen ist abhängig von der gewählten Therapie. Bei den meisten Therapien können Organschäden als Nebenwirkung auftreten. Daher sollten das Blutbild und die Leberwerte regelmäßig kontrolliert werden. Die Interferon-Beta-Therapien, die vor etwa 25 Jahren auf den Markt kamen, riefen nach der Verabreichung Grippe-ähnliche Symptome hervor. „Bei den neueren infundierbaren Medikamenten treten infusionsassoziierte Nebenwirkungen nicht so selten auf. Sie sind aber durch gute medikamentöse Vorbereitung vermeidbar“, erläutert Wipfler. 

Als Sekundärschäden der Immobilität sind auch die Häufigkeit von Thrombosen sowie die Infektanfälligkeit erhöht. „Aber obwohl alle Therapien in das Immunsystem eingreifen und die Infektgefahr durch die MS-Therapie minimal erhöht ist, treten schwerwiegende Infektionen nur selten auf“, erklärt Wipfler. Bei einzelnen hocheffizienten MS-Therapien tritt eine Reaktivierung des Varicella-zoster-Virus häufiger auf als in Vergleichspopulationen. Eine gefürchtete opportunistische Erkrankung ist die seltene progressive multifokale Leukenzephalopathie (PML). Dabei sind multiple Symptome möglich; typisch sind epileptische Anfälle, eine progrediente Hemisymptomatik oder enzephalopathische Symptome. „PML kann aber auch als schwerer MS-Schub verkannt werden. Daher muss man hellhörig werden, wenn zum Beispiel ein progrediente Hemisymptomatik oder epileptische Anfälle bei MS-Patienten auftreten.“ 

COVID-19 ist derzeit auch für Patienten mit Multipler Sklerose ein relevantes Thema. „Ausschlaggebende Risikofaktoren für MS-Patienten sind der Behinderungsgrad, das Alter und die Begleiterkrankungen. Hier ist das Risiko eines schweren COVID-Verlaufs erhöht“, betont Wipfler, der ergänzt, dass allen Patienten mit Multipler Sklerose auch eine SARS-CoV-2-Impfung empfohlen werde. (SF)


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 8/2021
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