Medizin & Wissenschaft

Gestationsdiabetes: Steigende Zahlen, fehlende Daten

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Rund zehn Prozent aller Schwangeren in Österreich leiden an Gestationsdiabetes. Genaue Zahlen gibt es nicht, da Registerdaten fehlen. Darüber hinaus hat eine Frau, die einen Gestationsdiabetes hatte, ein 50-prozentiges Risiko, innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Typ-2-Diabetes zu entwickeln.

von Sophie Fessl

Etwa jede zehnte Schwangere ist in Österreich von einem Gestationsdiabetes betroffen. „Das ist durchaus ein innerhalb von West- und Mitteleuropa vergleichbarer Wert“, erklärt Assoz. Prof. Susanne Kaser von der Universitätsklinik für Innere Medizin I der Medizinischen Universität Innsbruck. Allerdings: Genaue Zahlen gibt es nicht. „Das Problem ist das Fehlen wirklicher Registerdaten. Die angegebene Prävalenz von etwa zehn Prozent beruht auf Schätzungen und kleinen Studien.“ Speziell in Anbetracht der Frage, ob die Prävalenz von Gestationsdiabetes steigt, wären exakte Daten hilfreich, erklärt Kaser. „Wir sehen einen Anstieg, aber haben dazu keine genauen Zahlen und Auswertungen. Doch die Daten wären vorhanden, da der Zuckerbelastungstest ja im Rahmen der Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen durchgeführt wird.“

Auch wenn sich der Anstieg an Frauen mit Gestationsdiabetes nicht an exakten Zahlen festmachen lässt, so ist er in der Klinik zu beobachten, stimmt Univ. Prof. Bernhard Ludvik von der Abteilung für Innere Medizin 1 mit Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie der Krankenanstalt Rudolfstiftung Wien, zu. Ludvik sieht die Ursachen dafür im steigenden Auftreten von Übergewicht sowie in Schwangerschaften in höherem Lebensalter. Zu den weiteren Risikofaktoren für Gestationsdiabetes zählen eine positive Familienanamnese, Hypertonie, vorliegende Stoffwechselstörungen sowie das Auftreten eines Gestationsdiabetes in einer vorangegangenen Schwangerschaft und die frühere Geburt eines Kindes mit Geburtsgewicht über vier Kilogramm. Weiters steigt auch die Zahl der Frauen, die bereits zu Beginn der Schwangerschaft an Diabetes mellitus leiden, erklärt Ludvik. „Immer mehr Frauen haben bereits vor der Schwangerschaft einen Diabetes, sowohl Typ 1 als auch Typ 2. Sie sind oft deswegen bereits in Behandlung. Unter Umständen können gute Zuckerwerte mit Metformin gehalten werden, aber meist erfolgt recht früh eine Insulin-Therapie.“ Bei Vorliegen eines Typ-1- oder Typ-2-Diabetes sollte die Behandlung bereits präkonzeptionell optimiert werden, rät Kaser. „Optimal ist, wenn die Schwangerschaft geplant ist, damit die Therapie und die Zuckereinstellung im Vorhinein optimiert sind. Das ist nicht nur relevant in Hinsicht auf den Blutzuckerwert, sondern auch auf die medikamentöse Therapie. Denn Lipidsenker oder Statine sollten schon vor der Schwangerschaft abgesetzt werden.“ Außerdem müsse ausgeschlossen werden, dass ein verborgener Typ-1-Diabetes besteht, der sich in der Schwangerschaft manifestiert. Das kann der Fall sein, wenn sich der Zuckerwert bei einer eher schlanken Schwangeren rasch verschlechtert, so Ludvik. „Die zahlreichen körperlichen Veränderungen während einer Schwangerschaft führen dazu, dass einige Zytokine und Hormone der Wirkung von Insulin entgegenarbeiten“, führt Kaser aus. Dadurch entsteht in der Schwangerschaft eine Insulinresistenz. Bei rund 90 Prozent der Schwangeren kann die Insulinresistenz durch eine Mehrausschüttung von Insulin kompensiert werden. Bei rund zehn Prozent der Betroffenen gelingt das aber nicht, entweder weil eine Vorerkrankung besteht oder weil die Funktion der Bauchspeicheldrüse beeinträchtigt ist. Kaser weiter: „Wenn etwa Prädiabetes oder ein metabolisches Syndrom bestehen, haben Schwangere ein höheres Risiko, dass die Zuckerwerte die Grenzwerte übersteigen.“

Rasches Eingreifen essentiell

Essentiell ist laut Ludvik eine richtige Diagnose des Gestationsdiabetes und ein rasches Eingreifen. Die Diagnose erfolgt mittels Zuckerbelastungstest aus venösem Plasma zwischen der 24. und der 28. Schwangerschaftswoche. Bei Schwangeren mit bestehendem Diabetes mellitus entfällt der orale Glukosetoleranz-Test; bei Hochrisiko-Patientinnen muss der Test vorgezogen werden. „Ist in einer vorangegangenen Schwangerschaft ein Gestationsdiabetes vorgelegen oder war das Kind von einer Makrosomie betroffen, sollte der erste Belastungstest bereits in der 14. bis 18. Schwangerschaftswoche durchgeführt werden.“ Ist dieser Belastungstest krankhaft, sollte die Therapie sofort begonnen werden. Wenn dieser frühe Test noch normal ist, muss er in der 24. bis 28. Schwangerschaftswoche wiederholt werden. Dabei handelt es sich um die Phase, in der die Zuckerwerte normalerweise ansteigen; dabei ist bei rund zehn Prozent der Schwangeren mit einer Überschreitung der Grenzwerte zu rechnen. Zu den sofortigen Therapiemaßnahmen zählen Ernährungsberatung sowie die regelmäßige Überwachung der Blutglukosewerte. Der Nüchternblutzucker sollte unter 95 Milligramm pro Deziliter liegen; eine Stunde nach den drei Hauptmahlzeiten sollte der Blutzucker jeweils unter 140 Milligramm pro Deziliter liegen. „Werden diese Zielwerte nicht allein mit diätetischen Maßnahmen erreicht, muss eine Insulin-Therapie begonnen werden“, erklärt Ludvik. Der HbA1c-Wert hat bei einem Gestationsdiabetes eine geringere Relevanz. „Der HbA1c-Wert gilt nicht als verlässlicher Indikator in der Schwangerschaft. Zwar muss er am Anfang kontrolliert werden, für die laufende Kontrolle muss die Schwangere allerdings selbst täglich den Blutzuckerwert messen.“ Eine Umstellung der Ernährung und gesteigerte Bewegung sind ausreichende Maßnahmen für die Mehrzahl der Patientinnen mit Gestationsdiabetes, betont Kaser. „Ungefähr zwei Drittel sprechen auf Maßnahmen bei Ernährung und Bewegung an. Bei rund einem Drittel wird eine Insulin-Therapie notwendig. Wenn allerdings Probleme mit der kindlichen Entwicklung vorliegen, müssen die Blutzucker-Zielwerte noch enger gewählt werden.“

Komplikation Makrosomie

Komplikationen des Gestationsdiabetes betreffen hauptsächlich das Kind, dazu zählen asymmetrisches Wachstum und Makrosomie. „In der 28. Woche beginnt das Kind, selbst Insulin zu produzieren“, so Ludvik. Deshalb wird auch zwischen der 24. und der 28. Woche der Glukosetoleranztest durchgeführt. Der erhöhte Blutzucker der Mutter geht über die Plazenta-Schranke auf das Kind über. Dadurch kommt es zu Hyperplasie der fetalen Bauchspeicheldrüse. Außerdem kommt es zu einem erhöhten Wachstum des Kindes. Die Makrosomie birgt Geburtsrisiken – etwa eine Schulterdystokie aufgrund des Missverhältnisses zum Geburtskanal; auch die vermehrte Bildung von Fruchtwasser kann geburtshilfliche Probleme bereiten. Außerdem muss das Kind nach der Geburt einige Tage überwacht werden, da postpartal eine Hypoglykämie auftreten kann. Kontrollen der kindlichen Entwicklung während der Schwangerschaft sind den Aussagen von Kaser zufolge wesentlich. „Die Ultraschall-Untersuchungen sind wichtig, um das kindliche Wachstum und die Bildung von Fruchtwasser zu überwachen. Wenn zu viel Fruchtwasser gebildet wird oder ein starkes asymmetrisches Wachstum vorliegt, was vor allem den Bauchumfang betrifft, werden die Blutzucker-Zielwerte enger gewählt und eine Insulin-Therapie möglicherweise früher begonnen.“ Zusätzlich zur täglich mehrmaligen Blutzucker-Messung werden Schwangere mit Gestationsdiabetes daher alle ein bis zwei Wochen internistisch kontrolliert. „Bei normaler Größe und gut eingestelltem mütterlichen Blutzuckerwert spricht nichts dagegen, die Schwangerschaft normal zu führen und mit der Geburt bis zur 40. Schwangerschaftswoche zu warten“, erklärt Ludvik. „Wenn das Kind allerdings größer ist, muss man überlegen, ab der 38. Schwangerschaftswoche einzuleiten. Bei einem Geburtsgewicht über vier Kilogramm muss man jedoch aufpassen.“ Bei einem zu hohen Geburtsgewicht besteht für das Kind ein erhöhtes Risiko, selbst übergewichtig zu werden oder Diabetes zu entwickeln; ein Risiko für Stoffwechsel-Erkrankungen sei gegeben, betont Kaser. Aber auch für Frauen mit Gestationsdiabetes besteht nach der Geburt ein langfristiges Risiko. „Nach der Schwangerschaft rechnet man damit, dass sich der Blutzucker normalisiert. Acht Wochen nach der Geburt sollte daher wieder ein Zuckerbelastungstest durchgeführt werden, dessen Wert sollte normal sein“, berichtet Ludvik. Allerdings bestehe ein 50-prozentiges Risiko, dass eine Frau, die an Gestationsdiabetes gelitten hat, innerhalb der nächsten zehn Jahre einen Typ-2-Diabetes entwickelt. Der Blutzuckerwert sollte daher jährlich kontrolliert werden. Ludvik weiter: „Außerdem raten wir dazu, nach der Geburt das Normalgewicht wieder zu erreichen und entsprechend körperlich aktiv zu sein.“


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 09/2020
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