Medizin & Wissenschaft

Adipositas bei Kindern: Stabil auf hohem Niveau

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Jedes vierte Volksschulkind in Österreich ist übergewichtig, wie der aktuelle Bericht der Childhood Obesity Surveillance Initiative der WHO zeigt. International gesehen liegt Österreich weiter im oberen Mittelfeld. Nicht nur das: Fast zwei Drittel der Sechs- bis Neunjährigen verbringen mehr als zwei Stunden vor dem Bildschirm. 

 

Um die Veränderungen von Übergewicht und Adipositas bei Kindern im Volksschulalter zu erfassen, etablierte das Regionalbüro Europa der WHO im Jahr 2006/2007 die „Childhood Obesity Surveillance Initiative“ (COSI). Dabei handelt es sich um die größte epidemiologische Studie zur Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Volksschulkindern. Österreich beteiligte sich erstmals an der Erhebung 2016/2017; zuvor fanden bereits drei Erhebungen (2007/2008, 2009/2010, 2012/2013) in unterschiedlichen Altersgruppen zwischen sechs und zehn Jahren statt. Zuletzt wurden in 38 europäischen Ländern rund 250.000 Daten erhoben. In Österreich beauftragte das Gesundheitsministerium für 2020/2021 schon wie bei der letzten Erhebung die Obesity Academy Austria/Qualitätsnetzwerk Übergewicht (c/o Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Salzburg) mit der Erhebung. 

 

Die gestiegenen Kosten im Gesundheitssystem durch Adipositas im Kindes- und Jugendalter sind in mehreren Studien belegt. Einer deutschen Studie beispielsweise zufolge betragen die Mehrkosten durch Übergewicht und Adipositas rund 8.500 Millionen Euro; 70 Prozent der Versorgungskosten fallen im ambulanten Bereich an. Bei einer Senkung auf das Niveau von vor zehn Jahren besteht ein Einsparungspotential von 836 Millionen Euro. 

 

Messung 

Der BMI von Kindern und Jugendlichen unterliegt aufgrund der Änderungen der Körperzusammensetzung in der Wachstumsphase typischen alters- und geschlechtsspezifischen Veränderungen. Daher sollte die Bestimmung von Adipositas und Übergewicht im Wachstumsalter anhand des altersbezogenen BMI in Form von populationsspezifischen BMI-Perzentilen erfolgen. Zur Beschreibung der Prävalenz von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen werden – obwohl es Unterschiede gibt – die Referenzwerte der WHO sowie jene der International Obesity Task Force (IOTF) empfohlen. 

 

Folgende Basisdaten wurden standardisiert erhoben: Körpergröße, Körpergewicht, Body Mass Index (BMI), Hüft- und Bauchumfang. Darüber hinaus wurden auch Einflussgrößen auf den BMI im schulischen Umfeld erhoben: Angebot von Süßigkeiten- und Getränkeautomaten, Außen- und Innenspielplätzen, Sportangebot etc. Von den durch eine zufällige statistische Selektion ausgewählten 200 Volksschulen in allen Bundesländern beteiligten sich 98. Dabei konnten die Daten von 2.445 Kindern (davon 1.170 Mädchen) erhoben werden. Die Untersuchungen der Schüler zwischen sieben und 9,9 Jahren erfolgten zwischen September und Dezember 2019. Aus biologischer Sicht ist dieser Altersabschnitt vor dem Eintritt in die Pubertät für die Prädiktion von Übergewicht und Adipositas im späteren Jugendlichen- und Erwachsenenalter relevant, weil präventive Maßnahmen effektiver sind als danach. 

 

Ergebnisse 

Insgesamt sind bei den Achtjährigen laut WHO-Klassifikation 25 Prozent der Buben und 23,6 Prozent der Mädchen als übergewichtig, adipös oder extrem adipös zu klassifizieren. Bei den Neunjährigen sind 36,2 Prozent der Buben sowie 24,7 Prozent der Mädchen als übergewichtig, adipös oder extrem adipös einzustufen. Bei den Buben zeigte sich jedoch insgesamt ein Trend hin zu einer niedrigeren Gesamtprävalenz; es wurden weniger Buben mit Übergewicht und extremer Adipositas registriert als bei der vorangegangenen Erhebung. 

 

Weiters kann bei den Achtjährigen ebenso wie auch bei den Neunjährigen ein deutlicher Unterschied zwischen den Geschlechtern festgestellt werden: So waren Buben im Vergleich zu Mädchen deutlich schwerer und größer mit einem erhöhten Bauchumfang bei vergleichbarem BMI. Signifikante Veränderungen zeigten sich bei der Detailanalyse der Kategorien Übergewicht und extreme Adipositas: Hier waren weniger Buben mit Übergewicht und extremer Adipositas als bei der ersten in Österreich durchgeführten COSI-Untersuchung zu verzeichnen. 

 

Bei der Betrachtung nach Regionen zeigt sich bei Mädchen eindeutig ein Ost-Süd- sowie ein etwas geringer ausgeprägtes Ost-West-Gefälle. Auch konnte ein deutliches Stadt-Land-Gefälle beobachtet werden, das sich deutlicher bei Buben (Stadt: 31,6 Prozent; halbstädtisch: 26,7 Prozent; Land: 26,6 Prozent) als bei Mädchen (Stadt: 26,3 Prozent; halbstädtisch: 22,1 Prozent; Land: 22,2 Prozent) zeigte. Die höchste Adipositas-Prävalenz gibt es mit 13,4 Prozent bei Buben in der Stadt. 

 

Vergleicht man die beiden in Österreich durchgeführten COSI-Erhebungen, zeigen sich keine signifikanten Unterschiede der Gesamtprävalenz von Übergewicht, Adipositas und extremer Adipositas. Auf internationaler Ebene betrachtet liegt Österreich weiterhin im oberen Mittelfeld der 36 teilnehmenden Länder. 

 

Einflussgrößen aus dem Umfeld 

Ebenso wurden auch Einflüsse im schulischen Umfeld erhoben wie etwa die Verfügbarkeit von ausgewählten Speiseangeboten. Als positive Veränderung zum letzten Bericht wurde ein erhöhter Verzehr von Obst und Gemüse festgestellt. Das Angebot der „süßen Jause“ verringerte sich in den vergangenen drei Jahren von 89,6 auf 75,5 Prozent. Ebenso wurde über ein vermehrtes Angebot von gesundheitsfördernden Projekten als positive Veränderung im Vergleich zur letzten Erhebung berichtet. Weiters konnten als signifikante Determinanten von Adipositas identifiziert werden: die höchste abgeschlossene Berufsausbildung der Eltern; das Alter und Geschlecht des Kindes; die Zeit, die das Kind am Wochenende täglich vor dem Bildschirm verbringt; der Urbanisierungsgrad des Wohnumfeldes sowie das Essverhalten in Bezug auf Light-Getränke und süße Snacks. 

 

Bei dem im Zuge dieser Erhebung erstmals eingeführten Familienfragebogen zeigte sich, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen Übergewicht und Adipositas mit einer verkürzten Schlafdauer sowie vermehrtem Medienkonsum gibt. Dies konnte auch im internationalen Vergleich bestätigt werden. Demnach verbringen 60,2 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen mehr als zwei Stunden am Tag vor dem Bildschirm; 20 bis 30 Prozent schlafen weniger als die empfohlenen neun bis elf Stunden pro Nacht. Diese exzessiven Bildschirmzeiten und die verkürzte Schlafdauer sollten – so die Autoren – Gegenstand von spezifischen Maßnahmen werden, um die allgemeine psychische und mentale Gesundheit von Kindern zu verbessern. 

 

Weitere Ergebnisse des Familienfragebogens: Kinder, die gestillt wurden, haben eine niedrigere Wahrscheinlichkeit für Übergewicht als ungestillte Kinder und als diejenigen, die weniger als ein Monat gestillt wurden. Darüber hinaus korrelieren ein niedrigeres Bildungsniveau und ein reduziertes Einkommen mit einem erhöhten Risiko für Übergewicht. Als Limitationen dieser Studie werden die noch immer vergleichsweise hohen Ablehnungsraten der Eltern sowie der Schulen, an der Studie teilzunehmen, genannt. Bei der vorangegangenen Erhebung 2016/2017 hat rund die Hälfte der angefragten Eltern und die Hälfte der Schulen nicht teilgenommen. Auch ist zu berücksichtigen, dass die Erhebung während der COVID-19-Pandemie erfolgte; für diese Zeit ist eine Verschlechterung der Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten sowie des Ernährungsstatus der Kinder beschrieben. 

 

Quelle: Childhood Obesity Surveillance Initiative (COSI), Bericht Österreich 2021; herausgegeben vom Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Kosumentenschutz; https://www.sozialministerium.at/Themen/Gesundheit/Kinder–und-Jugendgesundheit/COSI.html 


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 03 /10.02.2022

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