Medizin & Wissenschaft

Tabuthema Stuhlinkontinenz: Ursache für psychische Probleme bei sozialen Kontakten

Lesezeit: 2 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Stuhlinkontinenz kann Ursache für Scham, Ekel und den Verlust an Selbstachtung sowie großen psychischen Problemen bei sozialen Kontakten sein.

Nur wenige Menschen suchen nach Hilfe. Auch weil medizinische Laien kaum wissen, dass es vielfältige Behandlungen für die Stuhlinkontinenz gibt, wobei als Ursache verschiedene Risikofaktoren gelten. Es ist wichtig, dass man den Betroffenen einen Überblick über dieses hochsensible Thema gibt. Ärzte sollten ihre Patienten auch motivieren, ihren professionellen Rat anzunehmen.


Stuhlinkontinenz bei Frauen sehr viel häufiger

Stuhlinkontinenz bedeutet den ungewollten Verlust von Darminhalt am falschen Ort zur falschen Zeit. Sie reicht von gelegentlicher, geringer Verschmutzung der Unterwäsche bis zum täglichen massiven, unkontrollierten Abgang von Winden und flüssigem, breiigem oder festem Stuhl. Im höheren Lebensalter steigt die Zahl der Betroffenen naturgemäß an.

Doch auch jüngere Menschen haben fallweise das Problem – zumindest 5 Prozent der Berufstätigen sind betroffen. Die Dunkelziffer ist hoch, vermutlich leiden insgesamt 10-15 Prozent aller Menschen in Österreich an einer Stuhlinkontinenz. Frauen sind im Verhältnis 9:1 deutlich häufiger betroffen.

Der Leidensdruck und der Verlust an Lebensqualität sind enorm. Die Inkontinenz für Darminhalt ist den Betroffenen oft so peinlich, dass viele mit niemandem darüber sprechen – auch nicht mit dem Arzt – und aus Angst, nicht rechtzeitig eine Toilette zu finden, das Haus nicht mehr verlassen. Die Folgen sind Verlust an Selbstachtung, häufig psychische Probleme und soziale Isolation. Auch die Angehörigen sind durch die Situation sehr belastet und schnell überfordert.

Ursache für Stuhlinkontinenz

Das Kontinenzorgan „Anorektum“ besteht aus dem Speicherreservoir Mastdarm (= Rektum) und dem Schließmuskelapparat (= Sphinkter), der den Analkanal umgibt. Kann eine dieser beiden Komponenten ihre Funktion nicht mehr erfüllen, ist ein unkontrollierbarer Stuhlgang die Folge.

Das Reservoir des Mastdarms kann aufgrund eines Tumors bzw. durch die Operation, mit welcher dieser entfernt wird, verkleinert werden. Auch Entzündungen in diesem Bereich kann das Speicherorgan zu klein für den Darminhalt werden lassen. Ein Nachlassen der Muskelkraft kann zum einen altersbedingt sein, denn mit den Jahren wird auch die Muskulatur im Bereich des Schließmuskels und des Beckenbodens schwächer.


Aber auch eine Störung der Nervenversorgung in diesem Bereich als Folge von neurologischen Erkrankungen, Wirbelsäulenproblemen oder der Zug an Beckennerven bei Geburten können die Analmuskulatur schwächen. Ein defekter Schließmuskel nach unbemerkten Einrissen bei Geburten ist oft die Ursache für eine sich entwickelnde Stuhlinkontinenz in höherem Alter.

Als mögliche Ursache für eine Stuhlinkontinenz gelten weiter auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen oder eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit (wie Laktose-Intoleranz). Die können zu Durchfall und in weiterer Folge zu dessen leichterem unwillkürlichen Verlust führen.

Ein Risikofaktor ist das Alter, denn geistige und körperliche Abbauprozesse führen mitunter auch dazu, dass die Toilette bei Stuhldrang nicht rechtzeitig erreicht oder Stuhldrang bzw. Stuhlverlust aufgrund der intellektuellen Einschränkung (z.B. Demenz) einfach ignoriert wird.

Stuhlinkontinenz effektiv behandeln

Mehr als zwei Drittel der Fälle kann man die Stuhlinkontinenz ohne Operation effektiv behandeln sowie weitgehend bis vollständig heilen. Durch Beckenbodentraining unter Anleitung spezialisierter Physiotherapeuten, medikamentöse Strategien, wie den Stuhl eindickende Mittel, gefolgt von gezielten Maßnahmen des Abführens oder Ernährungsumstellung kann die Stuhlinkontinenz-Behandlung je nach Ursache ganz individuell gestaltet werden.

Für schwierige Fälle stehen an spezialisierten chirurgischen Abteilungen wenig belastende operative Methoden. Dazu gehört der Wiederaufbau der Schließmuskulatur oder deren Stimulation durch einen Schrittmacher. Für die Stuhlinkontinenz gilt somit ganz besonders: Darüber reden statt darunter zu leiden!



Quelle:

Statement von UNIV.-PROF. DR. MAX WUNDERLICH, FRCS, Vizepräsident der Medizinischen Kontinenzgesellschaft Österreich (MKÖ), Facharzt für Chirurgie, Spezialgebiet Proktologie. kontinenzgesellschaft.at


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Pixabay Bild von Nina Edmondson 2432248


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