Medizin & Wissenschaft

Gesundheitsrisiko Mobilfunk 5G: Unkontrollierte Umbrüche

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Eine mögliche karzinogene Wirkung des 5G-Mobilfunknetzes mit höheren Geschwindigkeiten und neuen Frequenzen ist nicht auszuschließen. Die größtenteils negativen Auswirkungen wie Suchtverhalten, Depressionen und auch jene auf die Sozialisation sind bereits relativ gut erforscht.

von Manuela Warscher


Ist das aktuelle Mobilfunknetz mit Frequenzen von weniger als 2,6 Gigahertz (GHz) ausgekommen, so werden für die Mobilfunktechnologie der fünften Generation (5G) derzeit Frequenzen von vier GHz sowie um 700 und 900 MHz verwendet. Künftig werden aber auch Frequenzen von über 24 GHz benötigt. Damit wird es möglich sein, einen „Technologieschritt in eine neue, ganz andere Dimension“ zu machen, unterstreicht Assoz. Prof. Hans-Peter Hutter von der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin der Medizinischen Universität Wien. Bislang gibt es allerdings noch relativ wenig Konkretes hinsichtlich der Anwendungsbereiche von 5G – außer dass es um die Digitalisierung von möglichst vielen bisher anlog geführter Lebensbereiche gehen soll.

Darüber hinaus wird 5G der neue Standard für die Industrie und das Internet der Dinge (IoT – Internet of Things) sein sowie durch den Einsatz von Augmented Reality Spiele in neue Sphären hieven. „Es wird so sein, dass praktisch überall die gesamte Bevölkerung vom vorgeburtlichen Leben bis zum Greisenalter 5G-Funkwellen ausgesetzt sein wird“, erklärt Hutter. Doch: „Auch wenn wir in ein paar Jahren mit diesem 5G werden leben müssen, kann heute noch niemand sagen, wer wie stark exponiert sein wird und wofür es letztlich dann wirklich genutzt werden soll“, gibt Hutter zu bedenken.

„Das Motto heißt ‚schneller, schneller und nochmals schneller‘“, bestätigt Univ. Prof. Wilhelm Mosgöller vom Institut für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien. Grundsätzlich gilt: je höher die Frequenz, umso geringer die Reichweite. Daher muss auch die Zahl der Sendemasten für das 5G-Netz drastisch erhöht werden, um das gleiche Gebiet versorgen zu können. „Die Sendeanlagen sind zwar nicht so strahlenintensiv, dafür sind sie aber möglicherweise näher an uns dran“, sagt Hutter.

Mobilfunkstrahlung ist elektromagnetische Strahlung. Einige Studien, die für eine Strahlung von sechs GHz bis 100 GHz (Millimeterwellen) durchgeführt wurden, zeigen eindeutige biologische Reaktionen. „Limitierend ist allerdings die Studienqualität. Deshalb sind zwar viele Fragen immer noch offen. Doch es gibt überwiegend Hinweise, dass es biologische Reaktionen gibt, die auch gesundheitlich relevant sein können“, so Hutter. Und weiter: „Gerade wenn man die Erkenntnisse zu den älteren Mobilfunk-Generationen heranzieht, muss man die neuen Anwendungen genau betrachten. Immerhin wurden die Mikrowellen als möglicherweise krebserregend seitens der Internationalen Agentur für Krebsforschung der WHO eingestuft. Tatsächlich haben Untersuchungen gezeigt, dass Gehirnzellen von Ratten, die hochfrequenter Strahlung ausgesetzt waren, DNA-Strangbrüche aufweisen. „DNA-Brüche können völlig harmlos sein oder eine Vorstufe zu Krebs darstellen“, sagt Mosgöller. Allerdings: „Wenn wir Mobilfunk benützen, haben wir den Sender direkt am Kopf. Handkrebs gibt es nicht, sehr wohl aber Schilddrüsen- oder Hirntumore.“ Argumente, wonach die Häufigkeit der Karzinome weltweit zurückgeht, lässt der Krebsforscher jedenfalls nicht gelten. „Die Krebswelle nach Hiroshima war erst nach 40 Jahren erkennbar. Mobilfunk gibt es seit 20 Jahren und dieser Zeitraum ist für Gehirntumore kein Gradmesser.“

Kontrollbehörde fehlt

Mit definierten Grenzwerten (SAR) sollen daher auch die schädlichen Wirkungen von Smartphones so klein wie möglich gehalten werden. Der zulässige SAR-Wert liegt bei höchstens zwei Watt pro Kilogramm Gewebe für den Kopf. „Die Selbstkontrolle ist jedenfalls einer der effektivsten Wege, um allfällige Gesundheitsgefahren abzuwenden“, sagt Mosgöller. Daher sollte öfter mit Freisprechanlage telefoniert werden. Männer sollten Smartphones nicht in der Hosentasche tragen. Dass sowohl das medizinische Personal als auch die Bevölkerung keine Anlaufstelle für ihre Fragen rund um 5G haben, sieht Mosgöller als Hauptmanko. „Wenn ich mir eine Lebensmittelvergiftung im Restaurant zuziehe, gibt es eine Behörde, die vom schadhaften Essen Proben zieht, sie untersucht und Maßnahmen setzt. Doch beim 5G-Mobilfunk gibt es keine Zulassungs- oder Kontrollbehörde, die die medizinübliche Vorsorge walten lässt. Das muss sich ändern“, so Mosgöller. „Inwieweit die gesamte 5G-Technologie und insgesamt die Telekommunikation auch Effekte auf andere Lebensbereiche wie zum Beispiel die Tierwelt hat, muss noch deutlich intensiver untersucht werden“, unterstreicht Hutter. Ebenso wurde dem Thema Ressourceneinsatz bislang noch wenig Beachtung geschenkt. „Woher kommen die Rohstoffe und die Energie für 5G? Diese Frage hat noch niemand umfassend beantwortet, vielleicht auch nicht einmal gestellt“, sagt Hutter. „Auch bei Entsorgungs- oder Recyclingkonzepten beispielsweise für Batterien, die in Sendestationen als Backup bei Stromausfall eingesetzt werden, sind Verantwortliche bislang säumig.“ Vor allem den Impact auf die Gesellschaft kann derzeit niemand genau abschätzen. „Was 5G für Arbeitsplätze oder Ordinationen und Gesundheitseinrichtungen bedeutet, ist völlig unklar“, fasst Hutter zusammen.

Problematisches Suchtverhalten

Der 5G-Mobilfunk wird die Gesellschaft nachhaltig verändern und zu „unkontrollierten Umbrüchen“ führen, sind Hutter und Mosgöller überzeugt. Die größtenteils negativen Auswirkungen auf das menschliche Verhalten und die Sozialisation sind bereits relativ gut erforscht. „Ein großes Thema ist das Suchtpotential. Diese Folgen der schönen neuen Telekommunikationswelt werden nach wie vor gerne unter den Tisch gekehrt“, betont Hutter. „Dabei verdichten sich die Hinweise, dass die problematische suchtartige Handy- beziehungsweise Smartphone-Nutzung mit Angst und Depressionen zusammenhängt“. Der Experte sieht insbesondere in den Möglichkeiten, die 5G im Gaming bieten wird, eine noch kaum einzuschätzende Gefahr für Kinder und Jugendliche und deren kognitive und psychosoziale Entwicklung. „Diese neue Dimension der Spiele… Darauf müssen sich auch die entsprechenden Beratungsstellen vorbereiten.“

Doch nicht nur das Suchtverhalten, auch psychische Krankheiten werden zunehmen. In Studien konnte gezeigt werden, dass bei mehr als drei Stunden Screen Time täglich Depressionen zunehmen. „Viele Jugendliche finden mittlerweile die Kommunikation über das Handy in der virtuellen Umgebung angenehmer als jemandem beim Sprechen in die Augen schauen zu müssen“, erklärt Mosgöller. Daher warnt der Zellforscher: „Das zentrale Problem von 5G ist nicht mehr die Tumorbildung, sondern die Sucht und die vernachlässigte Generation, die nicht mehr von einem menschlichen, sondern einem elektronischen Babysitter betreut wird.“ Er sieht den Allgemeinmediziner gefordert, allfällige Aufmerksamkeitsdefizite und Depressionen von Kindern und Jugendlichen als mögliches Resultat der Mobilsucht zu interpretieren, um die Behandlungskonzepte daran zu orientieren.


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 22/2020
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