Medizin & Wissenschaft

Asthma und Komorbiditäten: Risikofaktor, Risikopatient zu werden

Lesezeit: 4 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Depressionen und Arthritis stellen häufige Komorbiditäten von Asthma dar. Ebenso besteht bei Vorliegen eines Asthmas ein höheres Risiko, eine Kollagenose oder Vaskulitis zu entwickeln. Darüber hinaus geben die jeweiligen Komorbiditäten auch Hinweise darauf, wie der weitere Krankheitsverlauf aussieht.

von Laura Scherber

 

An einer europäischen Studie zur Kontrolle von Asthma, in die 7.000 Personen aufgenommen wurden, war auch das Team von Univ. Prof. Wolfgang Pohl von der Abteilung für Atmungs- und Lungenkrankheiten des Krankenhauses Hietzing Wien beteiligt. Dabei zeigte sich, dass speziell Patienten, bei denen die Asthmakontrolle nicht optimal erfolgt, Komorbiditäten haben. Pohl dazu: „Es kommen auch Erkrankungen des Herzens vor wie zum Beispiel arterielle Hypertonie und zwar nicht nur bei Personen mit COPD, sondern auch bei Asthmatikern.“

Univ. Prof. Horst Olschewski von der Universitätsklinik für Innere Medizin Graz wiederum berichtet von einer groß angelegten Studie in den USA, bei der mehr als 80.000 Personen telefonisch befragt wurden. Dabei stellte sich heraus, dass Asthma zwar – ebenso wie COPD – mit Komorbiditäten assoziiert ist, allerdings nicht so stark. So sind beispielsweise kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs und Nierenerkrankungen stärker mit COPD assoziiert, während Depression und Arthritis relativ häufige Komorbiditäten von Asthma darstellen. „Asthmatiker  leiden häufiger an Allergien, es kommt auch manchmal zur Bildung von Auto-antikörpern im Rahmen der Aktivierung des inflammatorischen Systems“, erklärt Olschewski. Deswegen sei es auch meistens möglich, Asthma mit einer    inhalativen Kortisontherapie „gut zu kontrollieren“. Diese Autoimmunphänomene sind aber eine mögliche Erklärung für den Zusammenhang zwischen Asthma und Arthritis. „Da die Asthmatherapie keine feststellbare Wirkung auf die systemische Inflammation hat, ist es wichtig, für das Thema sensibilisiert zu sein, weil bei Vorliegen eines Asthmas ein höheres Risiko besteht, beispielsweise eine Kollagenose oder Vaskulitis zu entwickeln“, betont Olschewski.

Anhand der Komorbiditäten lassen sich auch Risikofaktoren für einen ungünst-igen Krankheitsverlauf von Asthma ableiten – etwa im Falle einer zusätzlichen Depression. Olschewski dazu: „Je mehr jemand durch zusätzliche Krankheiten belastet ist, desto schwieriger ist es, sich auf das Asthma zu konzentrieren und die bestmögliche Therapie zu finden.“

Kinder: meist keine schweren Komorbiditäten

Kinder und Jugendliche, die an Asthma leiden, haben in der Regel keine schweren Komorbiditäten. Diese werden erst in einem späteren Lebensalter relevant, weiß Olschewski. Ein epidemiologischer Faktor, der die Entwicklung von Asthma begünstigt, ist Übergewicht - besonders bei Mädchen. Und Allergien, die bei Kindern und Jugendlichen mit Asthma häufig vorliegen, gehören laut Olschewski zum Krankheitsbild und stellen „keine Komorbiditäten im engeren Sinn“ dar.

Was nach Ansicht des Experten jedenfalls wichtig ist: bei den Asthmafällen, die im Kindesalter auftreten, zu differenzieren. Zum Teil handle es sich dabei um Anfälle, die zwar als „Asthmaanfälle“ bezeichnet werden, sich aber bis zum zehnten oder zwölften Lebensjahr „auswachsen“, wie Olschewski ausführt. Und weiter: „Aus Sicht der Experten, die sich mit Asthma bei Erwachsenen beschäftigen, handelt es sich bei den Krankheiten, die sich „auswachsen“, um Anfälle von Atemnot mit pfeifender Atmung, aber ohne eigentliches Asthma. Diese entstehen fast immer im Rahmen von Infekten der oberen Atemwege.“ Sie können von echten Asthmaanfällen bis zum achten Lebensjahr nicht sicher unterschieden werden. Die Symptomatik hört auf, wenn die Atemwege wachstumsbedingt größer geworden sind und nicht mehr jede Entzündung zu einer kritischen   Verengung der Atemwege führt. Rund sieben Prozent der Bevölkerung leiden an Asthma; die Symptome machen sich zwar häufig erstmals im Schulalter bemerkbar, können aber auch im frühen oder späteren Erwachsenenalter zum ersten Mal auftreten.

„Die häufigsten Komorbiditäten, die sowohl bei allergischen als auch bei nicht-allergischen Asthmatikern auftreten, sind Erkrankungen der oberen Atemwege in Form einer Rhinitis, Polyposis nasi oder chronischen Sinusitis“, berichtet Pohl aus der Praxis. Unbehandelt tragen diese Begleiterkrankungen dazu bei, dass sich das Asthma verschlechtern kann und die Kontrolle der Erkrankung erheblich schwerer möglich ist - wobei man die Allergie sowohl als Komorbidität als auch als Auslöser ansehen kann. Weitere Faktoren, die besonders bei schwerem Asthma eine wesentliche Rolle spielen, sind wiederkehrende Infekte der unteren Atemwege, die zu Exazerbationen und damit zur Progredienz der Erkrankung beitragen. Ähnliches gilt für die „häufig übersehene“ (Pohl) Reflux-ösophagitis, die bereits bei jugendlichen Asthmatikern nachgewiesen werden konnte und ebenfalls zu Asthma-Exazerbationen führen kann.

COPD: häufige Komorbidität

Eine sehr große Bedeutung als Komorbidität von Asthma stellt COPD dar. Sie entwickelt sich meist bei über 40-Jährigen, die rauchen, unter Umständen auch unter chronischem Husten leiden und deren Atemwege sich nach der Inhalation mit einem Bronchodilatator nicht erweitern. Ein Drittel der Personen mit    einer COPD leidet auch an Asthma. Da die Atemwege von Asthmatikern viel empfindlicher sind, kommt es häufiger vor, dass sie eine COPD entwickeln: Hier spielen beispielsweise Rauchen, Feinstaub, aber auch Schadstoffe in der Luft eine wichtige Rolle. „Das Rauchen stellt in diesem Zusammenhang eine zusätz-liche Abhängigkeitserkrankung dar, die wir anerkennen müssen“, führt Pohl   weiter aus. Damit ist jedoch auch verbunden, dass die Therapie des Asthmas nicht so erfolgreich sein könne.

Außerdem bewirken Aktiv- und Passivrauchen während der Schwangerschaft, dass die Kinder ein höheres Risiko für die Entstehung von Asthma aufweisen. Auch Adipositas ist generell eine schlechte Ausgangslage, die die Entstehung von Asthma begünstigt. „Beim sogenannten Adipositas-Asthma spricht man von einem eigenen Phänotyp, der schlecht zu kontrollieren oder behandeln ist und immer wieder zu Symptomen führt“, erklärt Pohl. Zu einer wirklichen Besserung der Asthma-Symptomatik führt nur eine entsprechende Gewichtsreduktion. Im Rahmen der Komorbiditäten wird auch die Schlafapnoe laut dem Experten  häufig übersehen, die in Kombination mit Asthma zu einer Verschlechterung der Allgemeinsituation führen kann und unbehandelt einen Risikofaktor für eine schlechte Asthma-Entwicklung darstellt. „Man sollte auch nicht vergessen, dass die Psyche bei der Entwicklung des Asthmas und für den Krankheitsverlauf eine wichtige Rolle spielt“, hebt Pohl hervor. So leiden Asthmatiker häufig unter Angststörungen und Depressionen, die unbehandelt zu einer Progredienz der Erkrankung führen und mit einer unzureichenden Asthmakontrolle verbunden sind. Besonders bei Frauen, die post partum an Depressionen leiden, sei dieser Umstand zu berücksichtigen, betont Pohl.

Die Diagnostik selbst beruht auf mehreren Säulen. Sie umfasst neben der Überprüfung von physiologischen Parametern wie beispielsweise der Lungenfunktion auch eine genaue Anamnese der Krankengeschichte. So könnten alle möglichen Komorbiditäten erfasst und die therapeutischen Implikationen umgesetzt werden, betont Pohl. Einigkeit herrscht bei den beiden Experten darüber, dass die alleinige Behandlung des Asthmas nicht ausreicht; parallel dazu müssen auch alle vorhandenen Komorbiditäten beachtet werden. „Für ein optimales Asthma-Management ist es wichtig, auch psycho-soziale Faktoren und Begleitumstände der Betroffenen zu berücksichtigen und durch Informationen über die Erkrankung die Compliance zu steigern“, unterstreicht Pohl abschließend.


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 06 / 2019

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