Medizin & Wissenschaft

Adipositas-Risiko: Erbliche Faktoren beeinflussen Essverhalten

Lesezeit: 2 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Unkontrolliertes, häufiges Naschen ist ein teilweise erblich bedingtes Essverhalten, das die Entstehung von Übergewicht und Adipositas begünstigt.

Die Anfälligkeit für Übergewicht und Adipositas kann auch mit einem Essverhalten zusammenhängen, das durch häufiges Naschen gekennzeichnet ist und teilweise erblich bedingt ist. Im Grunde genommen können Personen mit genetischer Prädisposition für Übergewicht es deutlich schwerer haben, ihr Gewicht zu halten. Ein Forschungsteam um die Ernährungsepidemiologin Leonie-Helen Bogl konnte in der spezifischen Datenauswertung einer finnischen Kohortenstudie von Zwillingen zeigen, dass erbliche Risikofaktoren das Essverhalten und damit auch die Entstehung von Übergewicht und Adipositas beeinflussen. Insbesondere das unkontrollierte Naschen zwischen den Mahlzeiten ist ein solches häufiges Verhaltensmuster.

Daten aus der FinnTwin16-Studie analysiert

Essgewohnheiten sind individuell verschieden und haben einen entscheidenden Einfluss auf das Körpergewicht. Wie weit Betroffene diese erlernen oder ob genetische Prädispositionen dabei eine Rolle spielen, untersuchte ein Forschungsteam von der Abteilung für Epidemiologie am Zentrum für Public Health der MedUni Wien im Rahmen einer Kooperationsstudie mit der Universität Helsinki.

Die Wissenschaftler werteten Datenmaterial aus der laufenden finnischen Kohortenstudie FinnTwin16 mit etwa 4.000 Zwillingen im Alter von 31 bis 37 Jahren aus. Die Probanden gaben ihre Größe und ihr Gewicht, ihr Essverhalten, ihre Ernährungsqualität sowie ihren Taillenumfang selbst an.

Einerseits hat man Methoden der klassischen Zwilllingsforschung angewandt. In deren Rahmen erfolgten empirische Untersuchungen zur Abklärung von genetischer Prägung und umweltbedingten Faktoren.

Andererseits haben die Forscher polygene Risikofaktoren berechnet, die auf neuesten genomweiten Assoziationsstudien beruhen. Bei dieser Methode wird das komplette Genom tausender Menschen nach Genvarianten durchsucht. Und zwar um genetische Variationen zu finden, die mit einer bestimmten Krankheit assoziiert werden. Heute sind bereits rund eine Million Genvarianten für Übergewicht bekannt, die das Forschungsteam zu einem genetischen „Risiko-Score“ zusammenfasste.

Erbliche Risikofaktoren beeinflussen das Gewicht, Übergewicht und Adipositas, indem sie das Essverhalten steuern

In Bogls Studie wurden für die Datenauswertung vier Verhaltensmuster des Essens identifiziert. Das waren „Snacking“, „unregelmäßiges und ungesundes Essen“, „restriktives Essen“ sowie das „emotionale Essverhalten“. Alle waren teilweise erblich. Das zeigte sich am deutlich ähnlicherem Essverhalten eineiiger Zwillingspaare im Gegensatz zu jenem von zweieiigen Zwillingspaaren.

Als weiteres Resultat der Studie stellte sich heraus, dass genetische Risikofaktoren das Gewicht beeinflussen, indem sie das Essverhalten steuern. Das gilt insbesondere für das Verhaltensmuster „Snacking“. Denn das ist durch ein „Überessen“ beziehungsweise „nicht aufhören können“ charakterisiert. Zudem kommt es dabei zu Naschen zwischen den Mahlzeiten und auch abends.

Vorbeugung von Übergewicht und Adipositas bei erblichen Risikofaktoren

Das Ergebnis der Studie bedeutet, dass Menschen mit entsprechender genetischer Veranlagung es deutlich schwerer haben, ihr Gewicht zu halten. Therapeutische Ansätze zur Vorbeugung von Übergewicht und Adipositas könnten daher von einem Ansatz zur Änderung des Essverhaltens profitieren. Und zwar ist das insbesondere bei PatientInnen mit einem erblichen Risikoprofil der Fall.

Bogl: „Diese Ergebnisse sollen nicht entmutigen, sondern aufzeigen, warum es manche Menschen schwerer haben ihr Gewicht zu halten als andere. Keinesfalls sind Gene aber deterministisch. Unsere Gene haben sich über Generationen hinweg kaum bis gar nicht verändert. Und dennoch gibt es in Europa immer mehr Menschen mit Übergewicht und Adipositas. Mit einer ausgewogenen Ernährung, körperlicher Bewegung sowie mit ausreichend Schlaf kann man gegen die Genetik ankämpfen. Es gibt Studien, die zeigen, dass Schlafmangel zu hormonellen Veränderungen führt, die den Appetit anregen“.


Literatur:

Guiomar Masip, Karri Silventoinen, Anna Keski-Rahkonen, Teemu Palviainen, Pyry N Sipilä, Jaakko Kaprio, Leonie Helen Bogl. The genetic architecture of the association between eating behaviors and obesity. Combining genetic twin modeling and polygenic risk scores [published online ahead of print, 2020 Jul 20]. Am J Clin Nutr. 2020;nqaa181. doi:10.1093/ajcn/nqaa181


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