Medizin & Wissenschaft

Symposium Mikronährstoffe – Kein Vorteil durch Mega-Dosierungen

Lesezeit: 2 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Bei einer nachgewiesenen ausreichenden Versorgungslage bringen Supplementierungen in Mega-Dosierungen keine nachweisbaren gesundheitlichen Vorteile. Hingegen ist die kontrollierte Supplementierung bei einem nachgewiesenen Mangel jedenfalls zu empfehlen, betonten Experten kürzlich beim Symposium Mikronährstoffe in Wien.

von Julia Obruca

Schon die ersten 1.000 Tage – von der Konzeption bis zum Ende des zweiten Lebensjahres – sind eng mit einer Adipositas im späteren Leben verknüpft, berichtete Prof. Louis Moreno Aznar von der medizinischen Fakultät der Universität Saragossa beim Wissenschaftlichen Symposium „Mikronährstoffe“, das von der Österreichischen Akademie für Ernährungsmedizin veranstaltet wurde.

Als Risikofaktoren für Adipositas in jungen Jahren nannte Angelo Pietrobelli von der Medizinischen Universität Verona Adipositas der Mutter vor der Schwangerschaft, niedriges Geburtsgewicht und schnelle Gewichtszunahme während der Kindheit. Außerdem hob er die Bedeutung von Kolostrum und Muttermilch für ein gesundes Wachstum hervor: „Bereits während des 17. und 18. Jahrhunderts erkannte man zwei essentielle Dinge: die Rolle von Kolostrum als Prävention vor gastrointestinalen Infektionen und die hohe Überlebensrate von Kindern, die mit Muttermilch anstelle von Tiermilch gefüttert wurden.“ Demnach liege der richtige Zeitpunkt, an dem Neugeborene feste Nahrung erhalten sollten, zwischen vier und sieben Monaten. „Aufgrund ihrer großen Dichte an Mikronährstoffen eignen sich dafür am ehesten Früchte und Gemüse, wohingegen die Gabe von Fruchtsäften zu einem Anstieg von Adipositas führt“, so die Empfehlung des Experten.

Die wichtige Rolle von Mikronährstoffen im frühen Kindesalter untermauerte auch Prof. Peter Stehle von der Universität Bonn. Er erklärte, dass viele nicht übertragbare Krankheiten, die mit einer unzureichenden Nährstoffaufnahme in Verbindung stehen, ihren Ursprung oftmals in der Kindheit haben. „Das Fortschreiten einer metabolischen Störung ist meist in der Adoleszenz zu beobachten“, sagte Stehle. Ein möglicher Zusammenhang zwischen der Nährstoffaufnahme und der Konzentration von Biomarkern wurde im Zuge der länderübergreifenden HELENA-Studie (Healthy Lifestyle in Europe by Nutrition in Adoles-cence) ermittelt. Dafür wurden 3.528 Jugendliche zwischen 12,5 und 17,5 Jahren untersucht. Dabei zeigte sich u.a. bei Jugendlichen, die frühstücken, ein Zusammenhang mit einem niedrigeren Körperfettgehalt und einem gesünderen kardiovaskulären Profil. Jugendliche essen nur die Hälfte der empfohlenen Menge von Obst und Gemüse sowie mehr als die empfohlene Menge von Fleisch, Fleischprodukten, Fetten und Süßigkeiten. Bei europäischen Jugendlichen wurde eine zu geringe Konzentration der im Plasma vorhandenen Folsäure, Vitamin D, Pyridoxal-5‘-Phosphat, Beta-Carotin sowie Vitamin E festgestellt. Stehle fordert die Gesundheitsbehörden dazu auf, „die Jugendlichen zu einer gesundheitsbewussten Lebensmittelwahl zu animieren, um die Tageszufuhr von Vitaminen wie Folsäure zu erhöhen“.

Univ. Prof. Kurt Widhalm vom Österreichischen Akademischen Institut für Ernährungsmedizin sieht den Nährstoffmangel vor allem angesichts der weltweit steigende Zahl an adipösen Jugendlichen als Problem: „Aufgrund der Tatsache, dass die Behandlung krankhafter Fettsucht bei jungen Menschen sehr schwierig ist und sich oftmals als erfolglos herausstellt, entscheiden sich immer mehr Kliniken für den Roux-Y-Magenbypass.“ Dies bewirke nicht nur positive Effekte wie die Reduktion von Diabetes mellitus und Bluthochdruck, sondern führe bei den Betroffenen oftmals auch zu Mangelerscheinungen. „Nach dem Eingriff sind ein langfristiges Follow-up und eine kontinuierliche Supplementierung mit Vitaminen, Mineralien und essentiellen Nährstoffen indiziert. Dadurch sollen Mängel durch Malabsorption und den markanten Gewichtsverlust vermieden werden“, so Widhalm. Auch wenn bisher noch relativ wenig geforscht wurde, können ein Mangel im Eisen- und Ferritin-Metabolismus sowie kritische Vitamin-D- und
-B12-Spiegel laut dem Experten als Hauptprobleme angesehen werden. Am wenigsten problematisch gestaltet sich die Situation mit den Vitaminen A, B1 und Folsäure; dennoch müsse der postoperative Status von Vitaminen und Mineralien konsequent überprüft werden, „da besonders Jugendliche Probleme mit der Einhaltung von Follow-ups und einer kontinuierlichen Supplementierung von Mikronährstoffen haben“, berichtete Widhalm.

Carlos dos Santos aus Rio de Janeiro berichtete über eigene Studien, die zeigen, dass bei Jugendlichen nach bariatrischen Operationen die Knochendichte deutlich abnimmt und dadurch die Gefahr von Frakturen besteht. Daher ist die Messung der Knochendichte enorm wichtig.

Die zu geringe Aufnahme von Mikronährstoffen kann zahlreiche pathophysiologische Auswirkungen haben. Stehle nannte unter anderem Skorbut (Vitamin-C-Mangel), Beriberi (Mangel an Vitamin B1), Pellagra (Niacin-Mangel), Rachitis/Osteoporose (Vitamin-D-Mangel) oder Xerophthalmie (Vitamin-A-Mangel). „Da kontrollierte Supplementierungen mit Mega-Dosierungen von unentbehrlichen und entbehrlichen Mikronährstoffen bei nachweislich ausreichender Versorgungslage gesundheitlich keine nachweisbaren Vorteile bringen, sind sie nur bei einem nachgewiesenen Mangel zu empfehlen“, betonte Stehle.


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 03/2020
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