Medizin & Wissenschaft

Frühkindliche Essstörungen –
Ursache: Autonomie-Konflikte

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Kinder mit einem problematischen Essverhalten spiegeln häufig den Stress der besorgten Eltern wider. Dieser Stress hemmt die oralen Funktionen. Ganz grundsätzlich liegt vielen Essstörungen eine Verletzung der kindlichen Autonomie zugrunde.

von Manuela‑C. Warscher

Der vierjährige Julian sieht die Maisstangerln und rennt panisch aus dem Raum“, erzählt Anna Maria Cavini, Fachärztin für Kinder und Jugendheilkunde von der Reha-Einrichtung kokon in Bad Erlach in Niederösterreich. Viele Kinder, die ein problematisches Verhältnis zu Nahrung haben, entwickeln ein panisches Abwehrverhalten. Cavini dazu: „Häufig spiegeln Kinder den Stress der besorgten Eltern wider und Stress hemmt die oralen Funktionen.“ Bei etwa einem Viertel der Kleinkinder kann es – vorübergehend – zu Fütter- und Essstörungen kommen. „Diese können reaktiv, also selbst gemachte, Störungen umfassen, aber auch seltene Krankheiten signalisieren“, erklärt Univ. Prof. Marguerite Dunitz-Scheer von der Universitätsklinik für Kinder und Jugendheilkunde der Medizinischen Universität Graz. Alter, Fütterungsweisen, Art und Menge der Nahrung sowie somatische Erkrankungen des Kindes definieren, ob es beim vorübergehenden Essproblem bleibt oder ob es zu einer vollständigen Nahrungsverweigerung mit einer lebensbedrohlichen Gedeihstörung kommt. 

Ungefähr zwei bis fünf Prozent der Kinder weisen tatsächlich eine klinisch bedeutsame Essverhaltensstörung auf. „Bei diesen Kindern ist sozusagen Gefahr in Verzug. Dennoch werden nur 0,5 Prozent hospitalisiert und über Sonden ernährt“, betont Cavini. Für Sondenkinder ist das Risiko, eine Essstörung zu entwickeln, signifikant höher. „Viele Kinder werden mit der Sonde aus dem Krankenhaus entlassen, da sie die effektivste Prävention gegen eine Malnutrition ist. Damit nimmt aber die Motivation zum selbstständigen Essen weiter ab, da die positive orale Anregung fehlt und die Motorik vernachlässigt wird,“ sagt Cavini. Das sei auch der Grund dafür, wieso manche 14-Jährige noch immer eine Sonde hätten. Die Sonde unterbinde dann nicht nur das Hunger- oder Sättigungsgefühl, sondern verhindere auch die Autonomieentwicklung des Kindes. 

Während das Neugeborene erst lernen muss, das Hunger- und Sättigungsgefühl zu kontrollieren, zählt es zu den Aufgaben der Mutter/der Bezugsperson, die entsprechenden Signale zu erkennen. Gelingt das nicht, kommt es zu Regulationsstörungen bei der Fütterung. „Babys mit Regulationsstörungen, auch manchmal ‚Schreibabys‘ genannt, haben immer nur eine äußerst kurze Bereitschaft zur Nahrungsaufnahme“, so Cavini. Es bedarf der Sensibilität der Mutter, diese „kurze Fütterungsfähigkeit“ (Cavini) zu sehen und darauf einzugehen. Häufig führt aber die Angst der Mütter, ihr Kind könnte verhungern, dazu, dass sie „mit Kalorientabellen im Kopf agieren und ihre eigene Freizeitgestaltung zugunsten der Fütterungen des Kindes aufgeben, was den Druck weiter erhöht“. Diese Dynamik könne in allen Entwicklungsphasen des Kindes zu einer dysfunktionalen Interaktion zwischen Kind und der Mutter/Bezugsperson und folglich zu Ernährungsproblemen führen. 

Experten-Tipps für Eltern

Wenn Allgemeinmediziner Auffälligkeiten in der Mutter-Kind-Beziehung oder im Essverhalten von Kleinkindern bemerken, können folgende Tipps helfen:

  1. Mahlzeiten sollten in der Familie gemeinsam erfolgen, denn Kinder müssen Eltern einfach „normal“ essen sehen.
  2. Ablenkungen beim Essen vermeiden.
  3. Nicht über das Essen reden; Drohungen vermeiden.
  4. Essen ist keine Belohnung, auch keine Bestrafung oder Trost.
  5. Essen ist ein Grundbedürfnis: Man isst, wenn man Hunger hat.

Auslöser: Bindungsstörung

Treten Fütterungsprobleme erst nach drei Monaten auf, liegt oft eine Bindungsstörung zwischen Mutter und Kind vor. Diese gestörte Mutter-Kind-Reziprozität führt dazu, dass Babys den Augenkontakt meiden, kaum lächeln und überdurchschnittlich viel Schlaf benötigen. In vielen Fällen leiden die Mütter an psychischen Störungen, die die Freude, Zuwendung zum Kind und die Begeisterung über das Kind hemmen. So zeigen auch depressive Mütter während der Fütterung kaum Dialogbereitschaft mit ihrem Kind. „Die Kinder sind depriviert, da sowohl depressive Mütter als auch Mütter, die selbst einen Missbrauch erlebt haben, Schwierigkeiten haben können, auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen“, erklärt Cavini. Dies hat bereits Pionierin Irene Chatoor vor fast 40 Jahren in ihrer diagnostischen Klassifikation in die Fachliteratur eingeführt. Auf der anderen Seite wiederum seien Mütter, die sehr kopflastig agieren, ein Risikofaktor für eine infantile Anorexie. „Das sind jene Mütter, die durch die vielen Ratgeber und Google-Suchen das Bauchgefühl für die Bedürfnisse ihres Kindes verloren haben beziehungsweise häufig selbst an einem Essproblem gelitten haben und daher nicht das richtige Feingefühl aufbringen können“, bestätigt Cavini. Ähnlich der Anorexia nervosa liegt auch der infantilen Anorexie ein Autonomie-Konflikt zugrunde, bei dem das Kleinkind nach mehr Autonomie strebt. „Meist manipuliert es die umgebende Familie, insbesondere die Mutter“, sagt Dunitz-Scheer. Die infantile Anorexie ist jedoch potentiell lebensbedrohlich. „Wir behandeln ungefähr zwei bis drei Kleinkinder pro Jahr – also ein Prozent unserer Patienten“, berichtet Dunitz-Scheer. 

Kinder haben Angst vor Fütterung

Vielen Essstörungen liegt eine Verletzung der kindlichen Autonomie zu Grunde. Durch übergriffiges Fütterungsverhalten, orale Traumata oder Verletzungen entwickeln Kinder zunehmend Angst vor dem Fütterungsprozess. „Prekär ist die Situation immer, wenn Kinder festgehalten und zwangsgefüttert werden.“ Die Esssituation sei dadurch emotional aufgeladen, was die Fütterung zu einem dauerhaften Problem mache. Vor allem der väterliche Rückzug erhöht die Hilflosigkeit und Aggression der Mutter. „Oft beginnen sie dann aus Verzweiflung, ihre Kinder im Schlaf zu ernähren oder füttern sie, wenn diese auf der Waschmaschine liegen, mit Filmen am Handy oder lenken sie mit anderen Stimuli ab,“ erklärt Cavini. Allerdings fehlen durch diese Ablenkungen dem Kind wiederum wichtige Impulse, um ein gesundes Essverhalten zu entwickeln. 

Ess- und Fütterungsstörungen erfordern aufgrund ihrer Komplexität einen multidisziplinären Betreuungsansatz mit Ärzten, Logopäden, Diätologen, Psychologen, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten und Psychotherapeuten. Ziel der Therapie ist es, Kinder aus dem permanenten Essensdruck herauszubringen, sie an selbstständiges Essen zu gewöhnen und Eltern in die Rolle der Essensbereitsteller und nicht Fütterer zu bringen. „Mit therapeutischen Spielen unterstützen wir die Kinder, selbst zu essen. Sie sollen das Essen fühlen und riechen, die Konsistenz ertasten, sodass sie es begreifen lernen. Sie bauen beispielsweise Schiffe aus Gurkenscheiben oder zeichnen mit Essen“, erklärt Cavini. Kinder bauen unter dem Motto ‚erst das mit Schokolade oder Brei beschmierte Kind erhält einen Zugang zum Essen‘ schrittweise Angst und Ekel vor Nahrung ab und bekommen so ihre Autonomie und Entscheidungsfähigkeit zurück. Vor allem der Allgemeinmediziner könne dabei helfen, dysfunktionale Dynamiken in Familien mit Kleinkindern „frühzeitig und respektvoll“ (Dunitz-Scheer) anzusprechen und zur weiterführenden Abklärung beim Pädiater zu überweisen. „Wichtig ist, dass der Hausarzt die Sorgen der Mütter ernst nimmt und sie und das Kind gleich in die Praxis zur Untersuchung holt, damit das Kind gegebenenfalls rasch einem Spezialisten zugeführt werden kann“, so Dunitz-Scheer. Das sei essentiell, da sich im ersten und zweiten Lebensjahr derartige Dynamiken schnell zum Negativen und zu einer Essstörung entwickeln können. „Eltern werden übrigens in jegliche Therapie miteinbezogen – das Kind lebt ja nicht allein“, sagt Dunitz-Scheer. 


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 9/2021
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