Medizin & Wissenschaft

Laktose- und Fructoseintoleranz: Störung in der Verwertung

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Die kaum kontrollierbare Nährstoff- und Zuckeraufnahme bei Smoothies & Co führen immer häufiger zu Unverträglichkeiten. Experten sehen diese Unverträglichkeiten als Ergebnis des mangelnden Ernährungsbewusstseins an. Bei der Ernährung sind grundsätzlich weder Low carb-, Low fat- oder laktosefreie Produkte oder Zucker-Alternativen notwendig.
von Manuela Warscher

Lebensmittel ermöglichen es unserem Körper, sich wohlzufühlen – allerdings nur, wenn man auf die Menge achtet“, erklärt ao. Univ. Prof. Edith Gößnitzer vom Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Graz. „Wer sich dauerhaft abwegig ernährt, der muss mit den Folgen rechnen und diese Folgen heißen u.a. Nahrungsmittelunverträglichkeit.“ Vor allem die vielfachen Gesundheitsversprechen durch vermeintlich bewusste Nahrungsmittel führen häufig zu Intoleranzen. „Weder aus medizinischer noch biochemischer Sicht sind Low-carb-, Low-fat- oder lactose-free-Produkte notwendig“, erklärt Gößnitzer. Ebenso wenig müssen Alternativen für Zucker eingeführt werden. „Maissirup ist besonders schlecht, das haben jüngste wissenschaftliche Erkenntnisse gezeigt. Dieses hochfructose Süßungsmittel wirkt sich negativ auf die Darmmikrobiota aus und kann die Entstehung eines kolorektalen Karzinoms oder einer Fettleber begünstigen.“

Die Laktoseintoleranz nimmt von Nord- nach Südeuropa an Häufigkeit zu. Leiden in Skandinavien ungefähr zwei Prozent der Erwachsenen an der Unverträglichkeit, sind in Österreich zwischen zehn und 20 Prozent betroffen. Im Säuglingsalter tritt die Laktoseintoleranz zwar äußerst selten auf, hat dann aber schwerwiegende Folgen für den Säugling. „Die Laktase-Aktivität nimmt beim Großteil der Weltbevölkerung ganz natürlich im Laufe der Lebensjahre ab. Daher ist die Laktoseintoleranz keine Krankheit im eigentlichen Sinne“, erklärt Univ. Prof. Eva Untersmayr-Elsenhuber vom Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung der Medizinischen Universität Wien.

Etwa ein Drittel der erwachsenen Österreicher sowie zwei von drei Kleinkindern leiden an einer Fructose-Malabsorption, bei der bereits geringere Fruchtzuckermengen (unter 25 Gramm) nicht vertragen werden oder ein Fructose-Überhang bei mehr als 25 Gramm Fruchtzucker vorliegt. „Die Jugend von heute ist stärker betroffen, weil sie von klein auf einer überhöhten Fruchtzuckerzufuhr ausgesetzt ist. Ihr Getränk ist nicht Wasser, sondern Apfelsaft“, konkretisiert Gößnitzer die epidemiologische Entwicklung. Die Hereditäre Fructoseintoleranz (HFI) tritt lediglich bei einer Person unter 20.000 auf und kann bei nicht rechtzeitiger Diagnose tödlich verlaufen. Für Gößnitzer ist eine Laktose- oder Fructoseintoleranz eine „Störung der Nahrungsmittelverwertung“, die sich klar von der Nahrungsmittelallergie abgrenzt. Während sich eine Unverträglichkeit primär im Darm abspielt, lösen bei einer Nahrungsmittelallergie bestimmte Stoffe eine Immunreaktion aus.

Diagnose-Goldstandard: H2-Atemtest

Die Erstabklärung von gastrointestinalen Beschwerden wie Völlegefühl, Durchfall/Obstipation oder Übelkeit durch den Allgemeinmediziner sollte einem bestimmten Schema folgen. Demnach werden nach Ausschluss allfälliger bakterieller Darmerkrankungen die Ernährungsgewohnheiten und Nahrungsmengen des Patienten näher betrachtet. Ernährungstagebücher lassen dabei Häufungen von Unwohlsein in Kombination mit bestimmten Nahrungsmitteln gut erkennen. „Vor allem sogenannte gesunde Ernährungsmoden wie Smoothies oder vegane Ernährung wirbeln die Zuckerzufuhr durcheinander. Kaum jemand würde einen Kilogramm Äpfel auf einmal essen. Aber einen Liter grünen Smoothie trinkt man relativ schnell“, so Gößnitzer. „Der Allgemeinmediziner sollte bei Vorliegen gastrointestinaler Beschwerden immer an Intoleranzen denken und eine entsprechende Abklärung einleiten“, bekräftigt Untersmayr-Elsenhuber.

Der Goldstandard bei der Diagnose einer Laktose- oder Fructoseintoleranz ist der H2-Atemtest. Dabei wird die Atemluft nach der Gabe von Laktose oder Fructose auf das Vorkommen von Wasserstoff getestet. Nachdem Wasserstoff kein Bestandteil der Atemluft ist, kann sein Auftreten für einen Laktasemangel oder eine verminderte Fructoseaufnahme sprechen. Übersteigt der gemessene Wert vor und nach der Gabe einen bestimmten Wert (meist 20 ppm Wasserstoff), liegt aller Wahrscheinlichkeit nach eine Unverträglichkeit vor.

„Bei einer bakteriellen Fehlbesiedelung im Dünndarm oder üppigem Essen am Vorabend kann es zu falsch positiven oder falsch negativen Testergebnissen kommen. Darauf sollte der zuweisende Allgemeinmediziner Patienten vorbereiten“, regt Untersmayr-Elsenhuber an. Falsch negative Ergebnisse aufgrund von Methan produzierenden Bakterien können bei bis zu 20 Prozent der Testpersonen auftreten. Falsch positive Ergebnisse sind häufig die Folge von Rauchen, Kaugummi oder starker körperlicher Belastung. Daher wird in den neuesten Leitlinien auch empfohlen, dass Patienten vor einem H2-Atemtest zwölf Stunden nüchtern sein müssen und mindestens zwei Stunden vorher das Rauchen einstellen sollen. „Auch eine Antibiotikabehandlung verändert die Bakterienzusammensetzung im Darm, was zu falsch negativen Ergebnissen führen kann“, so Untersmayr-Elsenhuber. Weitere Testmethoden wie Gentests oder Dünndarmbiopsien können im Zweifelsfall folgen.

Individuelle Ernährungspläne

Sowohl bei der Laktose- als auch der Fructoseintoleranz beginnt die Therapie mit einer Ernährungsumstellung. „Häufig reicht die Rückkehr zu einer Ernährung in normalen Mengen aus, um eine Laktose- oder Fructose-Unverträglichkeit de facto zu heilen. Tatsächlich führt schon eine achtwöchige Reduktion zum Verschwinden der gastrointestinalen Symptome“, führt Gößnitzer aus. Die Ernährungspläne einer primären Intoleranz werden in zwei Phasen erstellt. Einer zwei- bis vierwöchigen Karenz ohne Laktose-haltige Nahrungsmittel, die dem Darm die Möglichkeit zur Erholung gibt, folgt ein schrittweises Herantasten an die Menge der Nahrungsmittel mit Laktose. „Die jeweiligen Werte müssen individuell für jeden Patienten erarbeitet werden“, erklärt Untersmayr-Elsenhuber. Bei einer sekundären Intoleranz ist eine Therapie des möglicherweise entzündeten Darms und Behandlung der Grunderkrankung ebenso wichtig für die Behandlung der Intoleranz.

Ähnlich verläuft die Einstellung von fructoseintoleranten Patienten. „Bei einer Malabsorption wird in jedem Fall eine Ernährungstherapie eingeleitet, wobei darauf geachtet werden muss, dass für zwei Wochen eine fructosearme Diät eingehalten werden soll. Ein strikter Verzicht auf Fructose lässt den GLUT5-Transporter weiter absinken“, führt Untersmayr-Elsenhuber aus. Nach der Einschränkungszeit nimmt der Patient in der zweiten Phase wieder mehr Fructose zu sich. Dabei wird beobachtet, bis zu welchem Wert der Betroffene Fructose verträgt. „Meist trifft es Personen, die sich bewusst gesund ernähren möchten und sich daher einem Fructoseüberschuss aussetzen“, so Untersmayr-Elsenhuber. In diesen Fällen wird insbesondere die Fett- und Proteinzufuhr erhöht. Bei schwangeren Patientinnen, die an einer Intoleranz leiden, sollte mit Hilfe eines Ernährungsmediziners oder einem Diätologen die ausreichende Nährstoffzufuhr sichergestellt werden.

Obgleich seit einigen Jahren die EU-Health-Claims-Verordnung nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben auf Produkten vorschreibt, hat sich an den Ernährungsgewohnheiten der Konsumenten wenig geändert. Das Angebot an Convenience-Produkten nimmt laufend zu. Patienten sollten daher angehalten werden, weniger auf schnelle Gerichte zu setzen und zu einer bewussten „langsamen“ Ernährung zurückzukehren. Denn: „Ein positiver Effekt von Corona war, dass viele wieder selbst gesünder gekocht haben und viele Beschwerden damit einfach verschwunden sind“, erklärt Gößnitzer. „Hat man in den 1950er Jahren mit Madenwurm-Alarm nach dem Verzehr von ungewaschenem Obst gekämpft, so sind die Unverträglichkeiten heute das Resultat des mangelnden Ernährungsbewusstseins.“ Der betreuende Allgemeinmediziner kann viel zu dieser Bewusstseinsbildung beitragen, indem er den Patienten auf den „Apfel oder den Salat“ hinweist und die gesundheitlichen Folgen von Smoothie & Co aktiv anspricht.


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 20/2020
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