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Lockdown global: Die interkulturellen Auswirkungen der Kontaktbeschränk-ungen

Lesezeit: 5 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Auch wenn sich Länder und ihre Bewohner unterscheiden, so sind die psychischen und physischen Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen beziehungsweise Folgen der Isolation doch gleich.

Ein Jahr nach dem Beginn der Pandemie haben viele Nationen und Territorien zwischen Australien und den Vereinigten Staaten umfassende Erfahrungen mit Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen aller Art gemacht – Beschränkungen und deren Auswirkungen, die so große Zahlen an Menschen betrafen und betreffen wie kein anderer Fall in der jüngeren Weltgeschichte. Doch so sehr sich die Lockdowns in Ausmaß und Schärfe unterscheiden, so sehr es auch soziokulturelle Differenzen zwischen den Ländern und ihren Einwohnern gibt, so sehr zeigt sich doch auch, dass alle Menschen in vergleichbarer Weise leiden.

Der folgende Artikel beleuchtet deshalb die typischsten psychischen und physischen Folgen der Kontaktbeschränkungen beispielhaft anhand ausgewählter Nationen. Dabei sei jedoch unterstrichen, dass nichts davon tatsächlich länderspezifisch ist, sondern Bewohner aller Nationen an allen Symptomen leiden bzw. leiden können.

1. Warum Ausgangsbeschränkungen Probleme hervorrufen und verstärken

Allgemeine Informationen

Einfach nur zuhause bleiben. Es mag manchen nicht ersichtlich sein, warum eine solche Maßgabe multiple negative Auswirkungen hervorrufen kann – immerhin dürfte es wohl jeder genießen, ab und zu Phasen zuhause zu verbringen und seine Kontakte auf ein Minimum einzuschränken.

  1. Allerdings sind die Lockdowns aus mehreren Gründen ein Sonderfall, der just deshalb Probleme hervorruft: Es handelt sich nicht um freiwillige Maßnahmen, selbst wenn staatlicherseits nur um Selbstisolation gebeten, diese also nicht angeordnet wird. Je nach persönlichem Freiheitsdrang kann dies sehr hohen Leidensdruck hervorrufen.
  2. Die Kontakteinschränkungen gehen für viele auch mit dauerhafter Heimarbeit einher, erstrecken sich zudem auch auf die Unmöglichkeit, mehr als das Lebensnotwendigste in Geschäften einzukaufen. In der Praxis werden deshalb viele Menschen gänzlich von physischen Sozialkontakten entkoppelt, die über ihre Mitbewohner bzw. unmittelbare Nachbarschaft hinausgehen. In besonders strengen Lockdowns bleibt nicht einmal die Möglichkeit, sich für längere Zeit ins Freie zurückzuziehen, wodurch das Gefühl eines 24/7-Eingesperrtseins entsteht.
  3. Die Natur der Pandemie sorgt dafür, dass zu dieser Isolation Sorgen um die eigene Gesundheit, die von Freunden und Familienmitgliedern sowie vielfach berufliche/wirtschaftliche Ängste hinzukommen. Ängste, über die sich Betroffene nur auf indirektem Weg mit anderen austauschen können – was jedoch für viele keine adäquate Alternative zu Präsenzkontakten darstellt.
  4. Je nach persönlichen Neigungen ist das Freizeitangebot zumindest reduziert, teilweise aber auch gänzlich unmöglich. Vielen stehen gezwungenermaßen nur häusliche bzw. digitale Unterhaltungsmedien zur Verfügung. Dadurch fehlt ein weiterer wichtiger Ausgleich zur sozialen Deprivation und für viele zudem ein zentraler Inhalt ihres Ichs.
  5. Bei nicht alleinlebenden Menschen entsteht vielfach das Gefühl, mit ihren Mitbewohnern zusammengesperrt zu sein. Dadurch wird eine freigewählte Distanzierung verunmöglicht, was bislang unproblematische Differenzen deutlich hervortreten lässt bzw. neuen Zwist heraufbeschwört.

Faktisch haben wir es deshalb mit einer Lage zu tun, in der der bisherige Lebenswandel der meisten Menschen zumindest graduell eingeschränkt ist, sie teils aber auch erzwungenermaßen ein gänzlich anderes, zudem nicht freigewähltes Leben führen müssen.

Vergleich mit ähnlichen Situationen

Kein Vergleich, aber psychologische Parallelen: Lockdown und Haft. 

Und auch wenn kein Lockdown eine derartige Schärfe erreicht, dass ein 1:1-Vergleich realistisch wäre, lässt sich zumindest auf psychologischer Ebene dennoch der Vergleich zu beispielsweise Haftstrafen ziehen: Beides schränkt die persönliche Bewegungsfreiheit ebenso ein wie die persönliche Wahlfreiheit, auch wenn natürlich eine Haftstrafe um ein Vielfaches schwerer und belastender ist.

Der Vergleich ist auch deshalb schwierig, weil die Pandemie zu einer Zeit über die Welt kam, in der durch die massive Verbreitung des Internets sowie digitaler Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten viele Erleichterungen möglich sind, die weder Häftlingen noch vorherigen Generationen zur Verfügung stehen/standen.

Anders formuliert: Noch 1990 hätten sich die Beschränkungen deutlich schlimmer ausgewirkt bzw. wären so gar nicht machbar gewesen – beispielsweise Mangels E-Commerce. Allerdings kommt bei vielen Lockdowns dennoch ein Faktor hinzu, den Sträflinge so nicht erleben: es gibt kein absehbares Ende.

Als Deutschland beispielsweise Mitte Dezember den zweiten Lockdown beschloss, sollte dieser zunächst bis Mitte Jänner andauern. Dann erfolgte jedoch eine Verlängerung bis zum Monatsende, anschließend bis Mitte Februar. Realistisch dauerte Lockdown Nummer zwei für die Deutschen deshalb bis Anfang/Mitte März an.

Dadurch wurden mehrfach die Hoffnungen auf Erleichterung zerstört, was für viele die Probleme noch verschlimmerte – der Mensch kann deutlich mehr ertragen, wenn er weiß, dass dieses Leiden ein festes Enddatum hat. Je häufiger dies jedoch verschoben wird, desto weniger Reserven bleiben, um die Verlängerungen zu überstehen.

Der aktuelle Wert für die Wissenschaft

Viele negative Situationen können auch etwas ungeplant Positives haben, das gilt auch für die COVID-bedingten Lockdowns. Da diese faktisch einen Großteil der Weltbevölkerung betreffen, bietet sich hier eine anderweitig völlig undenkbare Möglichkeit zu extrem breit aufgestellten Untersuchungen über die Auswirkungen quer durch alle Bevölkerungsschichten.

Zahllose Universitäten und andere Institute haben diese Chance bereits ergriffen. Der Wert für die Wissenschaft, und hier insbesondere die Psychologie, ist enorm hoch:

  1. Es kann live untersucht werden, welche Folgen die Lockdowns auf unterschiedlichste Charaktere haben; an in der heutigen Zeit sozialisierten Menschen und mit heutigen wissenschaftlichen Methoden.
    Das liefert ungleich präzisere, breitere Ergebnisse als nur einzelne Gruppen oder zurückliegende Ereignisse anhand der oft dürftigen Datenlage analysieren zu können. Aus diesem Grund ist deshalb unter anderem jetzt bekannt, dass und warum Introvertierte besser mit der Situation zurechtkommen und welche Rolle Resilienz bei der Bewältigung spielt.
  2. Es lässt sich ebenfalls live prüfen, inwiefern derartige Situationen erleichtert werden können; was sich verstärkend und abschwächend auswirkt. Dieses Wissen kann sich auch künftig für unterschiedlichste, heute noch kaum abzuschätzende Anwendungen als unschätzbar wertvoll erweisen – beispielsweise für die bemannte Raumfahrt (lange Reisen) oder sogar die Städteplanung.

Diese Situation gründlich zu analysieren hat dabei auch nichts Makabres. Im Gegenteil, es wäre ein sträfliches Versäumnis, wenn die Wissenschaft diese historisch (hoffentlich) einmalige Chance nicht ergreifen würde, um neue Erkenntnisse zu finden und bisherige Standpunkte und Theorien zu überprüfen.

Das gilt insbesondere, weil die Auswirkungen der Kontakteinschränkungen gleichzeitig so zahlreich und doch universell sind.

2. Spielsucht in Australien und Neuseeland

Trotz geschlossener Spielhallen nicht ganz aus der Welt: Spielsucht im Lockdown. 

Wie so viele Probleme, die durch die Lockdowns hervortreten, existierten auch Spielsüchte schon vorher. So hat Neuseeland schon seit Jahren damit ein Problem, welches teilweise auch soziokulturelle Hintergründe hat, und deshalb unlängst scharfe Bekämpfungsstrategien beschlossen. Was die Lockdowns hier zum großen Problem macht ist, dass sie für viele Auslöser von Spielsüchten triggernd und/oder verstärkend wirken können.

Ähnlich wie auch bei anderen Süchten stehen hinter der Spielsucht eine Reihe von Auslösern. Vor allem eine abnorm hohe Anfälligkeit für den dahinterstehenden Reiz, die Spannung sowie die mit dem Spiel verbundenen positiven Emotionen. Hier wirken die Lockdowns durch:
• zusätzlichen Stress,

• gleichzeitig Langeweile,

• wahlweise eine prekäre Einkommenssituation oder ein ungewohnt hohes freiverfügbares Einkommen durch (aktuellen) Mangel Ausgabemöglichkeiten

Zwar ist es vorteilhaft, auch wegen häufigen depressiven Wechselwirkungen, dass durch die Lockdowns vielerorts Casinos und Automatenhallen geschlossen sind. Gleichsam hat sich jedoch in vielen Nationen das Online-Glücksspiel etabliert, was die Zugänglichkeitshürden wieder reduziert.

Andererseits haben zahlreiche Anbieter rings um den Globus schon vor Corona Maßnahmen zur Suchtprävention erlassen. Diese zeigen derzeit ihren Wert, weshalb die Situation nicht so problematisch ist, wie zunächst befürchtet – unter anderem nutzen viele Plattformen Algorithmen-gestützte Suchterkennungsprogramme, haben Zeit- und Einsatzlimits und Selbstsperrmöglichkeiten für Spieler.

Übrigens: Österreich stellt hier eine interessante Ausnahme dar. Bei uns ergab eine Erhebung durch das Sozialministerium „Bei Glücksspiel wird eine starke Abnahme beobachtet, die deutlichste Zunahme bei der Nutzung von Computerspielen“.

3. Alkoholkonsum in Deutschland

Abstandsbier statt Kneipenbesuch. Mehr Alkoholgenuss ist vielfach ein Automatismus. Es ist beinahe ein Paradoxon, was in einem der bierseligsten Länder der Welt durch die Lockdowns geschieht:

• Einerseits haben sämtliche Hersteller von alkoholischen Genussmitteln größte Probleme, weil die deutsche Gastronomie geschlossen ist.

• Andererseits trinken die Deutschen durch den Lockdown privat deutlich mehr als zu normalen Zeiten. Die Universitätsklinik Nürnberg geht davon aus, dass 37 Prozent der Bevölkerung, die auch vor dem Lockdown Alkohol konsumierten, währenddessen mehr trinken.

Auch hier gilt, dass viele andere Nationen ähnliche Erfahrungen machen – wenngleich Österreich abermals die Ausnahme ist: Bei uns ist der Konsum weitgehend unverändert.
Der Grund dafür, warum viele im Lockdown häufiger zur Flasche greifen, ist der gleiche, der auch hinter der Spielsucht steckt:

• Alkoholgenuss sorgt für einen empfundenen Stressabbau;

• Er reduziert (vorgeblich) den psychischen Druck der Isolation und ihrer anderen Auswirkungen;

• Es ist ein weiterhin leichtverfügbares Genussmittel.

Für viele kommt zudem noch eine soziale Komponente hinzu: In Deutschland prägte sich jüngst das Phänomen Abstandsbier. Hierbei wird unter Zuhilfenahme von Videotelefonie Alkohol im Rahmen einer virtuellen Zusammenkunft genossen – für viele die denkbar einfachste und zumindest halbwegs vergleichbare Alternative zu einem gemeinsamen Kneipenabend.

4. Depressionen in den USA

Eingesperrter Körper, eingesperrte Seele. Vor allem Winter-Lockdowns zehren an der Psyche. 

In vielen Nationen sind die Lockdown-Maßnahmen regional unterschiedlich ausgeprägt. Die USA mit ihrer extrem föderalen Struktur (auch als gesellschaftliche Haltung) stellen jedoch fraglos einen Gipfel dessen dar. Dennoch gibt es auch hier Bundesstaaten/Regionen, die sehr scharfe Lockdowns erleben – beispielsweise im Herbst 2020 in New York City.

Hier zeigt sich vor allem in der Retrospektive bisheriger Lockdowns, welche Folgen die Einschränkungen für die menschliche Seele haben. Aktuell beweist dies eine großangelegte Studie, die Anfang 2021 veröffentlich wurde. Darin berichten 39 Prozent der Befragten von Depressionen; ebenfalls 39 Prozent erlebten andere Formen von psychischen Belastungen („psychological distress“).

Der Grund hierfür ist einer der einfachsten dieses Artikels:

• Das gesamte bisherige Leben von Menschen ändert sich zu einem gewissen Grad;

• Die freie Entfaltung wird erschwert bis völlig verunmöglicht;

• Es gibt bestenfalls eingeschränkte Sozialkontakte.

Was die Art des depressiven Verhaltens anbelangt, so sind hier die Parallelen zu Strafgefangenen am größten: Die Seele leidet unter sämtlichen Auswirkungen, die mit Unfreiheit einhergehen. Dies kann selbst bei normalerweise gefestigten, positiven Charakteren zu einer negativeren Grundstimmung führen; bei anderen Menschen und insbesondere solchen mit einer Disposition für psychische Belastungen kann die Lage jedoch auch schnell dramatisch werden.

Ein bedeutsames Beispiel dafür ist Österreich: Hier leiden 56 Prozent aller Schüler unter depressiven Symptomen; hochbedenkliche 16 Prozent hegen sogar suizidale Gedanken – da bei der Befragung ausschließlich Jugendliche ab 14 Jahren konsultiert wurden, steht zu vermuten, dass dabei auch die psychisch instabile Zeit der Pubertät eine (aktuell noch nicht näher erforschte) Rolle spielt.

5. Schlaflosigkeit in Frankreich

Gleichzeitige Unter- und Überforderung wirken sich fatal auf das Schlafverhalten aus. 

Schlaf gehört in einer globalen Pandemie nicht gerade zu denjenigen medizinischen Themen, die besonders stark nachgefragt werden – das gilt auch für Frankreich. Dazu Dr. Marc Martin, Schlafspezialist an der Universitätsklinik von Rouen:

„Pour ma part, et comme tous mes collègues médecins,
le nombre de mes consultations a chuté de 60 à 70%.”
“Was mich und meine Medizinerkollegen anbelangt, so ist die Zahl
der [schlafmedizinischen] Konsultationen um 60 bis 70 Prozent gesunken“

Im Klartext: Die französischen Schlafmediziner werden deutlich seltener von Patienten aufgesucht. Leider ist das jedoch nicht der Beweis dafür, dass die Lockdowns die Franzosen besser schlafen ließen, im Gegenteil: auch zwischen Normandie und Côte d’Azur wirkt sich der Lockdown beträchtlich auf die Nachtruhe aus.

Hauptgrund dafür ist, dass sich für viele der Tagesrhythmus deutlich verändert hat, meist auch in Verbindung mit einem stark reduzierten Bewegungspensum. Kommen dann noch Existenzängste und der allgemeine Stress des Lockdowns hinzu, leidet Schlaf sowohl in Qualität wie Quantität.

Besonders kritisch daran: Durch die multiplen Auswirkungen von Schlaf auf die psychische und physische Gesundheit können dadurch sich gegenseitig verstärkende Wechselwirkungen auftreten, welche in einer bedenklichen Spirale münden.

6. Angststörungen in Brasilien

Vor allem Sorge um ihre wirtschaftliche Zukunft treibt viele um. 

Jeder hat Ängste durch die Krise. Doch zumindest laut einer länderübergreifenden Ipsos-Umfrage scheint es bei den Brasilianern besonders gravierend zu sein: 41 Prozent der Befragten berichteten von Ängsten, die mit der Pandemie zusammenhängen. Das ist deutlich mehr als in anderen Nationen.

Dahinter stecken vor allem Sorgen um das eigene körperliche Wohlergehen bzw. das von nahestehenden Personen im Angesicht eines gefährlichen, ständig mutierenden Virus, zu dem es keine Langzeiterfahrungen gibt. Zudem gehören dazu auch Sorgen um die eigene wirtschaftliche Gegenwart und Zukunft. Was schwerer wiegt, hängt davon ab, wie stark das eigene Land und das Umfeld von Corona betroffen sind bzw. wie stark sich die Lockdowns auf das eigene berufliche Standing auswirken.

Auch hierbei handelt es sich zudem um einen Multiplikator: Ängste können das persönliche Stressniveau erhöhen, was sich wiederum in depressiven Symptomen und Schlaflosigkeit ausdrücken kann und somit für viele eine Fluchtreaktion in Süchte provoziert, die sich wiederum rückkoppeln.

7. Stress in Österreich

Arbeit, Freizeit, Unterricht, Spielen, Leben 24/7 unter einem Dach. Das erzeug starken Stress. 

„Hat Ihr Stresspegel durch das Ende des Lockdowns wieder abgenommen?“ Diese Frage stellte eine österreichische Versicherung zwischen erstem und zweitem Lockdown. Immerhin 33 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Stress nur wenig oder auch gar nicht abgenommen habe. Ähnliches vermeldet auch die Schweiz.

Doch woran liegt es überhaupt, dass so viele Menschen, die – salopp formuliert – nur den ganzen Tag zuhause sein müssen, über Stress klagen? Dahinter stecken mehrere Gründe:

  1. Nach wie vor stellen Lockdowns für viele Menschen eine Ausnahmesituation dar, in der sie sich auch nach einem Jahr Pandemie tagtäglich aufs Neue zurechtfinden müssen – der Mensch ist ein Gewohnheitstier, Abweichungen mag die Psyche typischerweise gar nicht.
  2. Bei vielen sorgt die dauerhafte Heimarbeit dafür, dass das reale Arbeitspensum angewachsen ist – teils auch auf freiwilliger Basis, weil es weniger Ablenkungsmöglichkeiten gibt.
  3. Speziell Eltern macht es schwer zu schaffen, dass sie ihre Kinder 24/7 betreuen, unterrichten und bespaßen müssen – während sie auch noch ihre sowie die Hausarbeit erledigen müssen.
  4. Die meisten Menschen sehen durch Lockdowns ihre Freizeitaktivitäten und somit eine zentral wichtige Ausgleichsmöglichkeit mit Stress scharf eingeschränkt.
  5. Personen, deren wirtschaftliche Gegenwart oder Zukunft düster aussieht, finden sich in einer enorm sorgenvollen Lage. Und Sorgen treiben, wie erwähnt, ebenfalls den Stresspegel nach oben.

Tatsächlich lassen sich deshalb auch hier deutliche Parallelen zur Prä-Corona-Situation ziehen. Damals wiesen zahllose Arbeiten rund um den Globus nach, dass auch Arbeitslose unter ganz ähnlichen Formen von Stress leiden – obwohl sie ebenfalls „nur“ zuhause sein müssen.

8. Ernährungsprobleme im Vereinigten Königreich

Ungesund, aber glücklich: Im Lockdown verschieben sich Ernährungsprioritäten. 

Schon lange vor Corona sahen Ernährungsexperten die Essgewohnheiten der Briten mit Sorge, galten sie doch schon vor Jahren als Weltspitze in Sachen Fast-Food-Konsum und belegten auch bei den WHO-Messungen zum durchschnittlichen Body-Mass-Index immer vordere Ränge.

Die Lockdowns haben dieses Problem nochmals verschärft, da nützt es auch nichts, dass 33 bzw. 31 Prozent der Briten ihren Konsum von Früchten und Gemüse gesteigert haben. Denn wie eine breitangelegte Untersuchung der Aarhus-Universität Ende 2020 offenbarte, hat kein europäisches Land während dieser Phase der Pandemie so unbotmäßig geschlemmt wie das Vereinigte Königreich:

• 29 Prozent mehr Convenience Food,

• 29 Prozent mehr Alkohol,

• 34 Prozent mehr „Tasty Treads“ (sinngemäß: süßes und salziges Naschwerk)

Damit zeigen die Briten deutlich, wie sehr sich Lockdowns auf die Ernährung, darüber das Gewicht und darüber wiederum die körperliche und geistige Gesundheit auswirken können.

Warum Menschen in solchen Phasen mehr und/oder ungesünder essen, liegt auf der Hand: Fett, Zucker und ähnliche Inhaltsstoffe mögen langfristig ungesund sein; kurzfristig machen sie jedoch glücklich. Die Geschmacksverstärker sorgen für ein attraktives lukullisches Erlebnis, die Inhaltsstoffe erhöhen den Serotoninspiegel. Dem können sich nur wenige entziehen, weil üppige Mahlzeiten und Snacks im limitierten Lockdown-Alltag für viele einen der wenigen Lichtblicke darstellen.

Teils kommt hier auch noch ein gewisser Pragmatismus hinzu: Wenn sowieso kein Urlaub möglich ist, wenn alle im „selben Boot“ sitzen (also ebenfalls ungesünder leben), Fitnessstudios geschlossen sind und Sozialkontakte sich auf Bildschirme und auch dort nur bis Brusthöhe erstrecken, sehen viele keinen Grund, auf die Figur zu achten.

Anders formuliert: Vielen Menschen rauben die Einschränkungen alle normalerweise üblichen Freuden. Also weichen sie auf eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten aus. Das mag zwar nicht gesund sein, aber zumindest aus psychologischer Sicht verständlich.

Zusammenfassung und Fazit

Isolation, Reduktion von Sozialkontakten, sensorische Deprivation und Veränderung von Lebensgewohnheiten sind alles Kollateraleffekte der bisher praktizierten Ausgangsbeschränkungen. Damit stehen die Auswirkungen auf die psychische und darüber auch physische Gesundheit in einer ähnlichen Linie mit vergleichbaren früheren Situationen – auch wenn diese in einem viel kleineren Maßstab stattfanden, wohingegen die globale Natur der Ausgangsbeschränkungen einzigartig ist.

Anders formuliert: durch die Lockdowns erlitten und erleiden Milliarden von Menschen Symptome, die sonst nur deutlich kleinere Personengruppen erleben müssen. Gleichsam stehen diese Symptome aber in der gesellschaftlichen Diskussion in vielen Staaten gegenüber den Gefahren des Virus zurück – verständlicherweise. Für politische Handlungen müssen sie jedoch ähnlich stark gewichtet werden. Denn, das zeigen die bisherigen Studien bereits sehr deutlich, es ist ein ganz und gar ebenso globales Problem wie COVID-19 selbst – und dürfte auch nach dem Ende der Pandemie noch einige Auswirkungen zeigen.


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