Politik & Wirtschaft

Junge Chirurgie: Wie kann man chirurgischen Nachwuchs gewinnen?

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Nachwuchs in der Chirurgie gehört gefördert. Denn Studien berichten über ansteigende Burnout-Raten bei Klinikärzten. Woher rührt die totale Erschöpfung?

Die Problematik des bereits in realiter bestehenden Mangels an Pflegepersonal wie auch des sich abzeichnenden Ärztemangels ist kein Novum. Denn diese ist seit Längerem bekannt. Gerade deshalb ist die Akquise des Nachwuchses in der Medizin generell, in der Chirurgie aber speziell eine besondere Herausforderung, der sich die jetzt in Leitungsfunktion befindliche Medizinergeneration stellen muss.

Aktueller Berufsmonitor

Auch der aktuelle Berufsmonitor der Medizinstudierenden sowie Aktionen der Studierenden im praktischen Jahr (PJ) zeigen das mehr als deutlich auf. An der zum dritten Mal alle vier Jahre im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Zusammenarbeit mit dem medizinischen Fakultätentag und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden durch die Universität Trier durchgeführten Befragung nahmen 13.915 Medizinstudierende teil, was einem Anteil von knapp 15 Prozent aller Medizinstudierenden entspricht.

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Die Ergebnisse sind eindeutig: Die Wahl des zukünftigen Arbeitsplatzes wird mit 94,6 Prozent ganz entscheidend von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bestimmt, gefolgt von den Vorstellungen einer geregelten und gleichzeitig flexiblen Arbeitszeit in 82,2 Prozent und 81,4 Prozent. Generell wird dabei eine Tätigkeit in Großstädten bevorzugt, 42,8 Prozent sprechen sich gegen eine Beschäftigung in einer Landgemeinde aus. Mit zunehmender Tendenz können sich 70,7 Prozent der Studierenden eine Tätigkeit in der ambulanten Medizin vorstellen, mehr als 60 Prozent in angestellter Position in einer Gemeinschaftspraxis oder einem medizinischen Versorgungszentrum. Die Berufstätigkeit in einer Einzelpraxis würde allerdings nur von 4,7 Prozent der Befragten gewählt. Gesteigertes Interesse findet sich dabei auch an der Allgemeinmedizin mit einer Präferenz von insgesamt 34,6 Prozent, im PJ sogar mit 39,6 Prozent.

Weiterbildung im Gebiet Chirurgie bei knapp jedem vierten

Nach Meinung der Studierenden sprechen gegen eine Tätigkeit im stationären Bereich. Also im Krankenhaus, in 78 Prozent eine hohe Arbeitsbelastung, in 68 Prozent starker ökonomischer Druck sowie in 61 Prozent beziehungsweise 58 Prozent zu wenig Freizeit und starre Hierarchien. Unter diesen Voraussetzungen können sich dann auch nur 24,3 Prozent eine Weiterbildung im Gebiet Chirurgie vorstellen.

Die Ergebnisse früherer Untersuchungen bestätigen sich auch bei dieser Umfrage: Gerade in den chirurgischen Fächern nimmt das Interesse für dieses Gebiet von 32,4 Prozent in der Vorklinik über 21,3 Prozent in den klinischen Semestern auf 18,1 Prozent im PJ ab; im Vergleich zu älteren Analysen mit Interessensbekundungen von nur fünf bis zehn Prozent für die Chirurgie muss dieser aktuelle Wert sogar noch als relativ gut angesehen werden.

Forderungen nach fairen und entsprechend vergüteten Ausbildungsvorgaben

Gerade die Bedingungen und praktischen Erfahrungen im PJ, nicht nur in der Chirurgie, haben im Januar 2019 zu bundesweiten Demonstrationen der Medizinstudierenden mit gerechtfertigten Forderungen nach fairen und entsprechend vergüteten Ausbildungsvorgaben geführt. PJler sollte man nicht mehr nur als günstige Arbeitskräfte für klinische Routinearbeiten einstufen. Dabei vernachlässigt man häufig die eigentlichen Ausbildungsziele mit strukturierten Lehrveranstaltungen, Erlernen ärztlicher Tätigkeiten unter Anleitung oder entsprechende Zeiten fürs Selbststudium.

Nicht zuletzt deshalb werden die Lehrveranstaltungen in den Krankenhäusern nur mit der Schulnote drei oder schlechter eingestuft. Auch wenn in den operativen Fächern, besonders im Gebiet Chirurgie, eine entsprechende Hierarchie und Berufserfahrung notwendig sind, ist ein immer wieder geforderter Paradigmenwechsel hinsichtlich der vermittelten Arbeitskultur und den derzeitig noch weitgehend bestehenden Arbeitsbedingungen dringend notwendig. Die Erfahrungen während des PJ bestimmen die berufliche Zukunft und die Fachgebietswahl des medizinischen Nachwuchses ganz entscheidend.

Veränderungen im Gesundheitssystem

Notwendige Veränderungen betreffen alle Ebenen in unserem Gesundheitssystem. Von der Politik über die Krankenhausträger bis hin zu den leitenden ärztlichen Funktionsträgern im Krankenhaus. Weiters gilt das sowohl für die Ausbildung im PJ wie auch für die nachfolgende Weiterbildung. Notwendig wäre zuallererst, eine deutliche Reduktion der nicht ärztlichen Tätigkeiten. Also eine Entschlackung des ausufernden Bürokratiealltags, sei es durch Arzt- oder Stationsassistenten wie auch durch geschulte Dokumentationskräfte.

Die Krankenhausträger müssen darüber hinaus ein realistisches Kinderbetreuungsprogramm vorlegen. Verlängerte Operationszeiten durch die Kollegen in Weiterbildung dürfen nicht nur aus ökonomischen Gründen negativ eingestuft werden. Ein solcher Sparkurs kann den Nachwuchsmangel lediglich noch verstärken.

Umsetzbare Programme zur besseren Organisation der Arbeitszeiten genauso wie transparente und faire Operationsplanungssysteme müssen langfristig entwickelt werden, wobei die lehrenden Aus- und Weiterbilder aktiv mit zu involvieren sind. Gerade Letztere sind nun besonders gefordert und müssen wirklich bemüht sein, die PJler frühzeitig in das bestehende chirurgische Team mit einzubinden und gebührend zu integrieren. Kleinste operative Tätigkeiten, und sei es nur die Hautnaht, können das Interesse an unserem Fach steigern. Nur so ist die Faszination der Chirurgie mit all ihren Facetten zu vermitteln und negative Erinnerungen oder Empfindungen sind aus dem PJ zu verdrängen.

Auch wenn alle diese Appelle nicht besonders neu klingen, sollten wir uns stets daran erinnern. Selbstzufriedenheit und kollektive Arroganz helfen in sich ändernden Zeiten nicht weiter. Im Gegenteil, sie können das Risiko eines weiteren Nachwuchsmangels in der Chirurgie nur verstärken.

Quelle:

Statement » Zwischen Faszination und Frust – wie können wir den chirurgischen Nachwuchs gewinnen? Professor Dr. med. Dr. h. c. Hans-Joachim Meyer, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie e.V. (DGCH); Präsident des Berufsverbands der Deutschen Chirurgen e.V. (BDC), Berlin Dr. med. Benedikt J. Braun Leiter des Perspektivforums zum 136. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH).


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