Medizin & Wissenschaft

Adipositas, Fettleibigkeit, bei Kindern und bei Jugendlichen

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: MEDMIX Online

Die neue Leitlinie Adipositas im Kindesalter zeigt große Chancen bei Vorbeugung und Therapie der Fettleibigkeit bei Kindern und bei Jugendlichen.

Im Grunde genommen bringt ein frühes Einschreiten bei Fettleibigkeit schon im Grundschulalter bei Kindern gute Aussichten auf Erfolg für die weitere Gesundheit des Kindes. Eine neue Leitlinie zur Adipositas im Kindesalter hat Empfehlungen zur Therapie von Adipositas wissenschaftlich überprüft. Darunter waren auch gängige Konzepte und Programme.

Neue Leitlinie zur Behandlung der Fettleibigkeit bei Kindern

Der Inhalt der Leitlinie belegt einen Paradigmenwechsel, denn die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen: Die Schuld an einer Fettleibigkeit, Adipositas, liegt nicht primär bei den Kindern oder deren Familien. Sie liegt vielmehr an adipogenen Lebensbedingungen in unseren Breiten. Unser Einfluss darauf ist endenwollend.

Für eine Prävention der Adipositas sind vor allem verhältnispräventive Maßnahmen (z.B. Reduktion des Zuckerangebots) nötig, die durch Gesellschaft und Politik initiiert werden müssen.

Bewegungs-, Ernährungs- und Verhaltenstherapie

Die Anleitung und Schulung des Betroffenen mit dem Ziel, dessen persönlichen Lebensstil in einer multimodalen Adipositas-Therapie zu ändern (Kombination von Bewegungs-, Ernährungs- und Verhaltenstherapie), verspricht allerdings auch Erfolg. Insbesondere die spezielle Schulung von Kindern im Grundschulalter und vor allem ihrer Familien zeigt messbar positive Effekte. Dennoch heißt es in der Einleitung zu der jetzt vorgelegten, fast 80seitigen Leitlinie zur „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“ eher ernüchternd, dass die „erreichten Therapieeffekte eher gering“ sind und „oft nicht den Erwartungen der Betroffenen“ entsprechen.

Ambulant vor stationär bei der Adipositas-Therapie

PD Dr. Susanna Wiegand, vormals Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft für Adipositas im Kindesalter (AGA) und seit Oktober Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft, erläutert eine der Hürden bei der kindgerechten Therapie: „Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche gerade von ambulanten Angeboten gut und nachhaltig profitieren können. Daher gilt für die Adipositas-Therapie ganz klar die Empfehlung `ambulant vor stationär´. Zugleich aber gibt es zu wenig Plätze für diese Konzepte, nach denen das Kind inmitten von Familie, Schule und Freundeskreis betreut wird.“

Der Grund: Noch immer würden ambulante Angebote seitens der Krankenkassen nur zögerlich unterstützt. Daher hätten sich schon viele Anbieter aus diesem Segment zurückgezogen, berichtet Prof. Wiegand.

„Wir benötigen bundesweit Schulungsangebote für junge Kinder und deren Familien. Die Leitlinie betont, dass allen Betroffenen der Zugang zu einem Schulungsprogramm ermöglicht werden sollte. Dies gilt auch für den ländlichen Bereich, in dem die Adipositasprävalenz höher liegt als in der Stadt. Die Einrichtung solcher Programme und deren Durchführung sollte in enger Zusammenarbeit mit den Krankenkassen erfolgen“, erläutert Prof. Dr. Martin Wabitsch. Er hatte zusammen mit Dr. Anja Moß, AWMF-Leitlinienassistentin, die Federführung bei der interdisziplinären Leitlinienerstellung und war für die DGKJ in das Expertengremium eingebunden.

Prof. Wabitsch gibt zu bedenken: „Bei Jugendlichen mit extremer Adipositas liegt die Erfolgsrate allerdings deutlich niedriger als bei jüngeren Kindern. Für diese spezielle Gruppe von jungen Patienten benötigen wir neue Therapiekonzepte!“.

Lebensstil und Lebensgesundheit

DGKJ-Präsidentin Prof. Dr. Ingeborg Krägeloh-Mann sieht in der neuen Leitlinie ein starkes Argument für die Tragweite der Betreuung von an Adipositas erkrankten Kindern: „Die umfangreiche Cochrane-Analyse und das Konsensverfahren, an denen alle einschlägigen Fachgesellschaften beteiligt waren, gibt Entscheidungsträgern jetzt fundierte wissenschaftsbasierte Empfehlungen an die Hand. Hinzu kommt, dass gerade bei der hier betroffenen sehr jungen Patientengruppe Entscheidungen einen nachhaltigen Einfluss auf die Lebensgesundheit haben können – umso wichtiger, dass man hier nach Evidenz und Expertise vorgeht.“

Auch die neu erschiene Leitlinie zur Adipositas im Kindesalter macht es deutlich. Die Adipositas ist das Ergebnis des Lebensstils unserer Gesellschaft. Für das gesunde Aufwachsen von Kindern sind tiefergreifende Änderungen erforderlich. Dafür ist wiederum eine starke politische Unterstützung nötig ist.


Leitlinie online

Evidenzbasierte (S3-) Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter und Jugendalter (AGA, AWMF-Nr. 050-002): „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“.

Die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) ist Mitherausgeberin des Papiers, das gemeinsam von 40 ExpertInnen aus 16 medizinisch-wissenschaftlichen Fachgesellschaften, Berufsverbänden und weiteren Organisationen erarbeitet wurde.


Quelle:

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ),

Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindesalter (AGA), Deutschen Adipositas Gesellschaft


Bildquellen & Copyright

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