Medizin & Wissenschaft

West Nil-, Dengue- und Chikungunya-Viren: Steigende Verbreitung

Lesezeit: 3 Minuten Quelle: Österreichische Ärztezeitung

Klimatische Veränderungen begünstigen das Auftreten von Krankheitserregern wie West Nil-, Dengue- oder Chikungunya-Viren auch in unseren Breiten. Experten sehen bereits jetzt das Risiko, sich mit einer ‚exotischen‘ Krankheit zu infizieren, auch wenn man nicht auf Fernreise war. Daher sollte man das bei Fieber und entsprechenden Symptomen immer auch in Betracht ziehen.

von Martin Schiller

Bereits 58 Prozent der weltweiten Infektionskrankheiten beim Menschen sind durch klimatische Gefahren häufiger geworden. Zu diesem Schluss kommt eine in Nature Climate Change im August 2022 veröffentlichte Arbeit. Eine zuvor in Nature publizierte Studie zeigte mögliche Änderungen der geografischen Verbreitung von 3.139 Säugetierarten und der von ihnen übertragenen Viren bis zum Jahr 2070. Daraus würden sich neue Gelegenheiten für virale Übertragung zwischen vormals voneinander isolierten Arten ergeben. „Es gibt eine Reihe von indirekten Folgen der Klimakrise, zu denen auch die ’new and emerging pathogens‘ zählen. Sie resultieren sowohl aus einer Verschiebung von Verbreitungsgebieten der entsprechenden Vektoren als auch aus der Einwanderung von pflanzlichen und tierischen Neobiota“, sagt Priv. Doz. Hans-Peter Hutter vom Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien. Aufgrund der höheren Durchschnittstemperatur und dem veränderten Niederschlagsmuster werde auch in Österreich die Ansiedlung von exotischen Vektoren begünstigt. Auch heimische Vektoren wie der Gemeine Holzbock (Ixodes ricinus) – die in Österreich häufigste Zeckenart – verändern ihr Verbreitungsgebiet, berichtet Hutter: „Sie sind zum Beispiel mittlerweile auch in höheren Lagen anzutreffen“.

„Es ist zu beobachten, dass bedingt durch klimatische Veränderungen manche Infektionskrankheiten zunehmen und auch künftig weiter zunehmen könnten“, sagt Univ. Prof. Andrea Grisold vom Institut für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin an der Medizinischen Universität Graz. Markante Beispiele dafür seien das Dengue-Virus, das West Nil-Virus und Chikungunya-Viren. „Diese durch Stechmücken übertragenen Krankheiten breiten sich in Gebiete aus, in denen sie vor einigen Jahren noch nicht aufgetreten sind.“ Österreich ist laut Grisold derzeit noch im Stadium der Beobachtung; eine Epidemie mit den genannten Viren sei nicht in Sicht. Sie verweist auf das Mücken-Kataster der AGES, in dem die Ausbreitung der Insekten in bisher nicht besiedelte Regionen dokumentiert wird (siehe Kasten).

West Nil-Virus auf dem Vormarsch

Hutter sieht dennoch bereits jetzt das Risiko, „sich mit einer ‚exotischen‘ Krankheit zu infizieren, selbst wenn man nicht in einem Fernreiseziel auf Urlaub war. Das sollte man verstärkt im Blick haben.“ So kam es beispielsweise in Italien im vergangenen Sommer zu einer West Nil-Virus-Infektionswelle. Das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) registrierte 144 humane Infektionen aus insgesamt 21 italienischen Regionen; zehn Menschen starben. „Daran sieht man die bereits einsetzende Veränderung“, so Hutter. Bis vor einigen Jahren habe man bei unklarem Fieber in der Reisemedizin die Destination erfragt und konnte die Krankheit üblicherweise dem jeweiligen Fernziel zuordnen. „Mittlerweile kann es aber sein, dass der Patient mit der fieberhaften, grippeähnlichen Erkrankung ‚nur‘ in Italien geurlaubt hat“, sagt Hutter. Bei Fieber und entsprechenden Symptomen sollte man daher auch an eine tropische Krankheit denken.

Neue Erreger in Österreich

Zwischen den Jahren 2010 und 2022 gab es in Österreich 55 im Inland erworbene West Nil-Virus-Fälle, acht davon im Vorjahr. Pro Jahr werden 30 bis 120 neue Dengue-Virus-Infektionen diagnostiziert. Sie traten bislang allerdings ausschließlich bei Reise-Rückkehrern aus Endemie-Gebieten auf. Auch das Chikungunya-Fieber trat bisher in Österreich ausschließlich bei Reise-Rückkehrern auf. Dokumentiert sind aber Übertragungen in Italien, Spanien und Südfrankreich.

Österreich führt in allen Bundesländern an 37 Standorten ein Gelsenmonitoring durch. Der Fokus liegt auf den Arten Aedes japonicus (Asiatische Buschmücke) und Aedes albopictus (Asiatische Tigermücke). Im vergangenen Jahr wurde in allen Bundesländern die Asiatische Tigermücke, die Überträgerin von West Nil-, Dengue-, Chikungunya- und Zika-Viren sein kann, detektiert. Ein großer Populationszuwachs wurde zwischen den Jahren 2020 und 2021 festgestellt. Die Gelsen, die die Experten sammeln, werden stets auf West Nil-Virus, Usutu-Virus, Sindbis-Virus und Tahyna-Virus untersucht. Das West Nil-Virus konnte in Niederösterreich schon in einer Hausgelse (Culex pipiens) nachgewiesen werden.

Der Experte schränkt aber auch ein, dass die Wahrscheinlich für eine Erkrankung durch neue Erreger in Österreich derzeit noch gering ist: „Das Thema ist noch nicht urgent. Damit bleibt uns aber auch noch Zeit, ein verstärktes Bewusstsein dafür zu entwickeln und uns auf eine geänderte Situation vorzubereiten – denn verbessern wird sie sich nicht mehr.“ Grisold sieht „Einzelfälle in Österreich“, wie etwa Infektionen mit dem West Nil-Virus. „Aber als solche vereinzelt auftretenden Fälle solle man sie auch einordnen, vor allem da es bei Chikungunya-Fieber, Dengue-Fieber und West Nil-Virus nicht zu Übertragungen von Mensch zu Mensch kommt. An exotische Krankheiten sollte man derzeit eher noch nach Reisen in exotische Destinationen denken.“ Grisold rät vielmehr dazu, Themen wie FSME mehr Stellenwert in der Öffentlichkeit zu geben und hier die Durchimpfungsrate zu verbessern.

Ist eine Reversibilität der Einwanderung von neuen Erregern denkbar, wenn es beispielsweise einen Winter mit sehr kalten Temperaturen ohne milde Phasen zwischendurch gäbe? Hutter verneint dies. „Selbst bei stressenden Einflüssen ist mittlerweile eine Umwelt entstanden, die neue Erreger bei uns prinzipiell überlebensfähig macht.“ Das gelte beispielsweise auch bei Dürreperioden. Die entsprechenden Insekten überleben dennoch in verschiedenen Stadien. „Die Situation lässt sich mit dem Wechsel von starken und schwächeren Gelsenjahren vergleichen“, fasst Hutter zusammen.

Der Neophyt Ragweed verdeutlicht, wie schnell die Einwanderung und Einschleppung von Arten Eingang in die Alltagsmedizin finden kann. Früher in Nordamerika heimisch, wurde die Pflanze nach Europa importiert und verursacht hier bereits bei 33 Millionen Menschen allergische Symptome. Bis 2060 ist mit einer Verdoppelung der Sensibilisierung in Europa zu rechnen. Im Projekt „Atopica“ stellte sich unter anderem heraus, dass intrinsische Veränderungen im Zusammenhang mit der Umwelt die Sensibilisierungsfähigkeit der Ragweedpollen verändern und damit stärkere allergische Symptome verursachen können. „Das verstärkt den Leidensdruck für Allergiker und wird künftig verstärkt ärztliche Unterstützung erfordern“, sagt Hutter.


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© Österreichische Ärztezeitung Nr. 15-16 /15.08.2023
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